Am Wochenende ging die Berlin Art Week zu Ende, mit der tollen Art Berlin Contemporary am Gleisdreieck und noch mehr Kunstvolk als sonst schon in Mitte. Man sah das auch am Freitag in der Volksbühne, wo das mit der BQ-Galerie ausgerichtete Glasgow Weekend seinen Höhepunkt erlebte. Die schottische Tanzrockband Franz Ferdinand stellte ihr Album vor, und die Kunstwelt machte sich extrem locker: Da ging ein Hemdknopf überm Pullunder auf, dort schüttelte man die von Mama abgeschaute Frisur, und junge Frauen küssten noch mehr alte Männer als sonst schon in Mitte.

Berlins Ruf als Stadt der Entgrenzung wurde dieser Abend also mehr als gerecht, auch weil man in der Volksbühne alkoholische Getränke in Plastikbechern mit zum Sitzplatz nehmen durfte. In einem britischen Theater käme das öffentlichem Geschlechtsverkehr gleich. Ansonsten aber gab der Abend eine kleine Lehrstunde über den Unterschied zweier Popkulturen und auch darüber, was seit dem Debutalbum von Franz Ferdinand so alles passiert ist mit den Musikhörern.

Unrockistischer Rock

Noch keine zehn Jahre ist es her, als die vier dünnen Schotten mit dem österreichischen Adelsnamen die Popwelt betörten. Mit einer einfachen Mischung: Während rundherum die vielen neuen Gitarrenbands bald immer breitbeiniger auf der Bühne standen, beharrten die Schotten auf Rock mit unrockistischen Anteilen. Dinge wie Eleganz, Ironie, Wissen, sogar: Weiblichkeit. Sehr weit weg kommt es einem vor, wenn man in Kritiken von damals liest, diese Musik würde „die Mädchen zum Tanzen“ bringen. Könnte man diesen Sexismus heute noch so ungefiltert ventilieren?

Immerhin, das schöne neue Album hat auch einen schön ironischen Titel: „Right Thoughts, Right Words, Right Action“, im bewährten Design der historischen russischen Avantgarde: Pfeile, klare Richtungen, Zukunft, bei Franz Ferdinand in Pink! Es ist ein Titel, der den Bierernst aktueller Rockmusik mit einem Hüftstupser erledigt. Und diese Songs sind alle da in der Volksbühne, von allen vier Alben. Aber erst klingt es, als würde eine Garagenband ihr erstes Konzert spielen. Danach oft wie Stadionrock, der wegen einer Verwechslung im Pub gespielt wird. Zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug. Powerchords. Gut gelaunt, aber schlechter Durchschnitt. Paul Thomson ist ein routinierter Schlagzeuger geworden, er hält diese Hobbycombo zusammen. So schien es wirklich! Vielleicht ist auch der Kulturunterschied schuld.

In Deutschland übernahmen einst Blumfeld den Job, Rockmusik als Eleganz, oho, als Intelligenz gar zu denken. Geblieben sind Tocotronic. Aber deutsche Bands verdichten diese Dinge, die den Doofrock transzendieren, seit 200 Jahren fast nur in den Texten. Vielleicht noch in der Stimme und im Vortrag. Franz Ferdinand sind ein Beispiel, wie man auch jenseits der Dichtkunst undoofe Rockmusik machen kann. Es gibt musikalische Witze, die Texte sind nicht tiefenklug, sie spielen allenfalls klug mit Sinnklötzchen. Und die Grafik der Alben sind so wichtig wie die Weise, in der Nick McCarthy seine weiße Gibson SG hält. Da hatte man was zu schauen.

Die Briten nennen es Pop

Diese Gitarre ist ein Modell, das Angus Young von der Schwanzrockband AC/DC spielt, allerdings in Dunkelrot. McCarthy von Franz Ferdinand hält die weiße und somit discofizierte SG so hoch an der Brust wie eine Ukulele. Dabei wippt er lächelnd hin und her, als spielte er in einem Unterhaltungsorchester. In deutschen Landen hält man sowas gerne für Tand. In Großbritannien sind solche Details Teil der Musik, die immer auch Performance sein will. Die Briten nennen es Pop.

Deshalb darf auch nicht verschwiegen werden, dass der endsympathische Sänger und Gitarrist Alex Kapranos das Jackett auszieht. Sein Tank Top auf sehr dünnem Oberkörper leitet den Discoteil ein. Plötzlich geht es besser mit den musikalischen Späßchen, mit kleinen Elvis-Imitationen, die jeder unter der Dusche hinkriegt, mit einer Verschmelzung aus „Can’t Stop The Feeling“ vom letzten Album mit „I Feel Love“, Giorgio Moroders Danceklassiker mit Donna Summer.

Das Material der ersten beiden Alben wirkt dabei deutlich älter. In „Love Illumination“ kann Kapranos kaum noch singen, aber das ist egal für dieses herrlich schmalbrüstige Wüstenrockzitat. Da, McCarthy und Kapranos halten die Gitarren ganz tief und spielen die Gitarrenfigur zweistimmig, wie früher die Eagles, ein weiteres Männerrockmodell von gestern. Hintern und Hirn haben also doch noch geknutscht. Alles weitere muss sich dann auf den Kunstpartys zugetragen haben.