In diese Situation könnte jeder leicht geraten. Eine Frau steht mit ihrem Rollkoffer am Bahnhof vor der Treppe zu den Gleisen. Ein höflicher älterer Herr bietet ihr an, den Koffer zum Bahnsteig hochzutragen. Oben angekommen, bricht er tot zusammen. In ihrer Verwirrung nimmt die Frau die kleine Mappe, die der Mann auf ihrem Koffer abgelegt hatte, mit zu sich nach Hause. Darin findet sich ein Handy, das plötzlich klingelt. Und ohne, dass sie es sich versieht, befindet sich Isabelle Rast, „Pflegefachfrau“ in einem Altenheim, anstatt im Rekonvaleszenzurlaub mit einer Freundin auf Stromboli, mitten im Leben eines ihr völlig Unbekannten.

Es ist nicht das erste Mal, dass der mittlerweile 70-jährige Schweizer Autor Franz Hohler Verschwiegenes oder Verdrängtes im Leben seiner Protagonisten zum dramaturgischen Kristallisationspunkt einer Geschichte macht. Natürlich nimmt Isabelle Rast den Anruf, der nicht ihr gilt, entgegen und ist bestürzt über die harsche Mitteilung: „Hallo“, sagte eine Männerstimme, „wo ist Marcel? ... Wir wollen ihn morgen in Nordheim nicht sehen. Sag ihm das.“

Nordheim ist der große Friedhof in Oerlikon, einem Stadtteil Zürichs. Es ist keine simple Neugierde, die Isabelle dazu treibt, den Spuren des Toten zu folgen. Auf seltsame Weise fühlt sie sich ihm verbunden. Schließlich galten ihr seine letzten Worte, und indem sie sein Hilfsangebot bezüglich des schweren Koffers akzeptiert hatte, war dies möglicherweise Anlass für seine Herzattacke gewesen. Auch die Witwe des Verstorbenen sucht den Kontakt, möchte gerne von Isabelle die Schilderung der letzten Minuten ihres Mannes hören. Sie kommt aus Montreal angereist, da der Tote, Martin Blancpain, offensichtlich ein nach Kanada ausgewanderter Schweizer war.

Immer mehr verstrickt sich Isabelle in die Rätsel im Leben dieses Mannes. Denn auch seine Frau, die er erst spät, mit fünfzig geheiratet hat, weiß nichts über dessen Kindheit. Er hatte mit siebzehn Jahren seine Heimat verlassen. Warum, darüber wollte er nicht sprechen, er hatte ihr nur immer versichert, dass er nie etwas Unrechtes getan hätte.

„Eine schöne Landschaft macht die Menschen nicht besser“, das musste Martin Blancpain, der als Marcel Wyssbrot vor siebzig Jahren in der Schweiz zur Welt gekommen war, schmerzlich erfahren. Hätten sich die Behörden um das Wohlergehen des damals zur Adoption freigegebenen Kindes annähernd so gekümmert, wie um den Schutz der Dokumente des verstorbenen Mannes, wäre es dem kleinen Marcel vielleicht besser ergangen.

Die amtsdeutschen Schilderungen über Verwahrung und etwaige Auffälligkeiten des Jungen kommen einem wie gezielte Akte gegen die Menschlichkeit aus einem fernen Jahrhundert vor. Aber noch verstörender als die der Ämter sind die Grausamkeiten in den Familien. Und die finden sich nicht nur in malerischen Alpentälern.

Mit dezenter Meisterschaft versteht es Franz Hohler schon von den ersten Seiten des Buches an, Spannung aufzubauen. Ein kunstvolles Hineingleiten in Verwicklungen, von sorgsam gesetzten Andeutungen gesteuert, die Raum für Vermu-tungen öffnen. Daneben nutzt er die vordergründig harmlosen Details der Spurensuche zu mal ironisch-kritischen bis sarkastisch-vernichtenden Sittenbildern einer Gesellschaft: von den Abgründen Schweizer Bürokratie und der schneidenden Kälte bürgerlicher Wohlanständigkeit bis hin zum verlogenen Folklore-Tam-Tam als Vehikel für Ausgrenzung ebenso wie für Kommerz.

Hohler, der auch als Kabarettist bekannt ist und sich selber als „literarischen Allgemeinpraktiker“ bezeichnet, hält seinen Roman in subtiler Balance zwischen krimihaftem Kitzel, hintersinnigem Humor und wohldosierten Attacken gegen Engstirnigkeit, Opportunismus und Heimtücke.