Franz Lehár mit seiner Frau Sophie, geborene Paschkis, im Oktober 1935 im Hotel Georges V. in Paris. 
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BerlinIn seinem Roman „Mephisto“ erzählt Klaus Mann die Geschichte eines Opportunisten im nationalsozialistischen Deutschland, der sich, zwar innerlich abgestoßen von der NS-Machtelite, mit den Herrschenden arrangiert und Karriere als Künstler macht. Die Figur des Romanhelden Hendrik Hoefgen weist unverkennbare Parallelen zu dem deutschen Schauspieler und Göring-Protegé Gustaf Gründgens auf, weshalb das Buch jahrzehntelang nicht in der Bundesrepublik erscheinen durfte. Mann hatte sich jedoch immer damit verteidigt, dass er mit seinem Roman nicht die Geschichte eines bestimmten Menschen erzählen, sondern einen „symbolischen Typus“ darstellen wollte.

Einem solchen „symbolischen Typus“ des Opportunisten entsprach auch der ungarische Operettenkomponist Franz Lehár. Anlässlich seines 150. Geburtstages am 30. April sollte man daher nicht nur seiner musikalischen Verdienste als Operettenkomponist gedenken.

Lehár hat auch stets dafür Sorge getragen, unbehelligt in Nazideutschland leben zu können. Den meisten seiner oftmals jüdischen Kollegen aus dem Operettenfach war dies nicht vergönnt: Den Glücklichen gelang noch die Flucht ins Exil, die meisten aber verloren ihr Leben in den Vernichtungslagern der Nazis. 

Mit der Operette hatte die Kulturpolitik der Nationalsozialisten ein zentrales Problem: Nahezu alle Komponisten und Librettisten, selbst die Theaterdirektoren von Operettenbühnen, waren jüdisch. Auch der in Wien lebende Lehár, obgleich er nicht jüdischer Herkunft war, geriet früh ins Visier.

In einem Schreiben der Dienststelle für Kulturpolitik des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg, dem sogenannten Amt Rosenberg, vom November 1934 heißt es: „Mit seinen jüdischen Mitarbeitern und (dem Operntenor – d. Red) Richard Tauber dazu bewegt sich Lehár in Wien ausschließlich in jüdischen Kreisen. … Die von Léhar vertonten Texte entbehren, von Juden geliefert, jeglichen deutschen Empfindens. … Er hat sich außerhalb des Kreises der Mitarbeiter an der Kulturpolitik des Dritten Reiches gestellt.“ Hinzu kam, dass Lehárs Ehefrau eine Jüdin war.

Dennoch konnte der Komponist auch nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 in Wien bleiben. Und auch seine Operetten spielte man wieder auf deutschen Bühnen. Goebbels persönlich hatte die Anfeindungen aus dem Amt Rosenberg unterbunden. Grund dafür war vor allem Hitlers Begeisterung für die Operette „Die lustige Witwe“, deren Wiener Premiere er 1905 persönlich beigewohnt hatte.

Seitdem gehörte Lehár zu Hitlers Lieblingskomponisten. Lehár verstand es geschickt, die Sympathie Hitlers für sich auszunutzen. Auf einer Jahrestagung der Reichskulturkammer 1936 in der Berliner Philharmonie kam es sogar zu einem persönlichen Zusammentreffen der beiden. Hitler war nach der Aussage seines Lieblingsarchitekten Albert Speer „noch Tage danach beglückt über dieses bedeutungsvolle Zusammentreffen“.

1939 und 1940 erhielt Lehár aus Hitlers Hand Auszeichnungen, darunter die Goethe-Medaille. Die jüdische Frau des Komponisten wurde zur „Ehrenarierin“ erklärt, was sie vor Verfolgung schützte. Lehár revanchierte sich: Er ließ die Textfassungen seiner Werke widerspruchslos „arisieren“, zu Geburtstagen und Neujahr schickte er regelmäßig ehrerbietig abgefasste Grußkarten an die NS-Größen.

An seinem 49. Geburtstag am 20. April 1938 erhielt Hitler vom Komponisten ein in rotes Maroquin-Leder gebundenes Bändchen zur Erinnerung an die 50. Aufführung der „Lustigen Witwe“ am 17. Februar 1906. Darin eingelegt war ein von Lehár signiertes Manuskript seines Walzers „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen, hab mich lieb“. 1941 dirigierte er ein Propagandakonzert im besetzten Paris.

Von 1943 an hielt sich der inzwischen 73-Jährige zur ärztlichen Behandlung häufiger in Zürich auf – und zur Sicherung seines Privatvermögens, wie aus dem Lehár-Dossier der Züricher Fremdenpolizei hervorgeht. Die hatte einen Aktenvorgang angelegt, als Lehár und seine Ehefrau nach Kriegsende um eine Übersiedlung in die Schweiz ersuchten. „Er hat Wien verlassen, sein Haus ist von Soldaten der russischen Armee total ausgegeplündert worden und er wäre bettelarm, wenn er nicht schon früher in der Schweiz vorsorglich etwas auf die Seite getan hätte“, heißt es in einem Bericht der Fremdenpolizei über ein Gespräch mit Lehár am 13. September 1946. „Diese ‚Vorsorge’ hat nach seinen Angaben einen ungefähren Wert von fast dreiviertel Millionen Franken.“

Die Behörden befürworteten das Gesuch. „Lehár gehört zu den Großen. Es hat der Stadt Zürich noch nie geschadet, wenn sie sich weltoffen gezeigt hat“, heißt es in einer Stellungnahme der Fremdenpolizei. In der Presse wurde das anders gesehen: In Zürich sei man nicht neugierig, einen Mann, „der mit hohen und höchsten Naziwürdenträgern auf bestem Fuß gestanden … (und) mit den Nazis lächelnd und vergnügt Geschäfte gemacht hat“, aufzunehmen, schrieb etwa das Israelitische Wochenblatt.

Es gibt den Mitschnitt eines Radiointerviews, das ein Salzburger Sender mit dem Komponisten nach Kriegsende führte. Darin verliert Lehár stockend und schluchzend die Fassung, als er von seinen zahlreichen jüdischen Kollegen sprechen will. Und doch beharrt der Komponist darauf, stets nur ein unpolitischer Künstler gewesen zu sein, dem es um nichts als sein Werk gegangen sei. Auch da kommt einem Manns „Mephisto“ in den Sinn: „Was wollen die Menschen von mir?“, ruft der Held in der Schlussszene des Romans. „Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler!“