Der ungarische Denker und Künstler Miklós Erdély (1928–1986) sagte einmal, dass das Kino „sicherlich der sonderbarste Ort sei, wo sich der Mensch jemals aufhielt.“ Er weist damit auf die Hybridform der siebten Kunst hin, die sich zwischen Verinnerlichung, Spektakel und Schaulust bewegt. Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass das Kino seinen 125. Geburtstag vor allem im Exil des Internets begangen hat. Dies war ein leises, fast trauriges Jubiläum, begleitet von Spekulationen über den Fortbestand des Mediums. In Paris – dort wo am 18. Dezember 1895 die erste öffentliche Filmvorführung stattfand – schlägt allerdings noch immer sein Herz. Hier ersann man bereits vor zehn Jahren ein Online-Festival, mit dem nun die Vorfreude auf die hoffentlich bald stattfindende Wiedereröffnung der Kinosäle angefacht wird. Denn die 13 langen und zwölf kurzen Beiträge aus dem frankofonen Sprachgebiet funktionieren zwar auch im heimischen Ambiente, machen dabei aber den Atem des kollektiven Erlebens umso deutlicher als Leerstelle spürbar. So schafft „MyFrenchFilmFestival“ beides: das Fehlen des Kinos zu stillen und zu beschwören.

Das Festival liefert in acht Sektionen eine gute Übersicht typisch französischer Genres; Familienkomödien dürfen dabei natürlich nicht fehlen. Doch der Schwerpunkt liegt auf dem Autorenkino. Exemplarisch dafür steht „Tu merites un amour“ (Du hast eine Liebe verdient) von Hafsia Herzi. Die als Schauspielerin in „Couscous mit Fisch“ (2007) auch in Deutschland bekannt gewordene Regisseurin hat für ihr Debüt nicht nur das Drehbuch geschrieben und die Finanzierung gestemmt, sie verkörpert ebenfalls die Hauptrolle. Ihre Heldin namens Lila stolpert nach einer frustrierenden Partnerschaft haltlos durchs Leben, sucht in wechselnden Konstellationen neue Orientierung. Dieser Erstling verblüfft auf mehreren Ebenen, wohltuend ist vor allem der Verzicht auf ein klares Lösungsangebot, am Ende des Films bleiben alle Fragen offen. Es geht irgendwie weiter, so wie im „richtigen Leben“.

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