BerlinIm April 2008 kehrte der Regisseur Arnaud Desplechin spätabends nach Hause zurück, stellte den Fernseher an und blieb gebannt vor dem Programm von „France 3“ sitzen. Gezeigt wurde eine Dokumentation über eine Polizeistation im nordfranzösischen Roubaix, einer Kleinstadt ganz dicht an der Grenze zu Belgien. Was er sah, fesselte ihn derart, dass er beschloss, aus dem dokumentarischen Material einen Spielfilm zu entwickeln. Zum einen, weil er selbst 1960 in Roubaix geboren worden war. Zum anderen, weil er in den von Dokumentarfilmer Mosco Boucault aufgenommen Bildern eine Relevanz wahrnahm, die weit über den üblichen TV-Rahmen hinausging.

Es dauerte dann gute zehn Jahre, bis Desplechin in Cannes „Roubaix, une lumière“ vorstellen konnte. Der Film steht in der Tradition des urfranzösischen „Policier“-Genres. Doch geht es hier nicht mehr um scharfsinnige oder schlagfertige Flics. Die Polizeistation wird vielmehr zum Prisma sozialer Verwerfungen, der konkrete Fall um eine ermordete Seniorin zum Gleichnis für eine aus ihrer Achse geratene Welt.

Das mit Léa Seydoux  und Roschdy Zem hochkarätig besetzte Werk läuft jetzt im Rahmen der Französischen Filmwoche – statt im Kino leider nur online. Mehrere Arbeiten kreisen um Identitäts- und Heimatsuche. Sehenswert ist das Doppelporträt „Adolescentes“ über zwei Freundinnen aus Brive, 500 Kilometer südlich von Paris. Der Regisseur Sébastien Lifshitz begleitet Emma und Anaïs über fünf Jahre hinweg, beobachtet kommentarlos ihre rastlose Selbstsuche, ihre Streitereien mit den Eltern, ihre Diskussionen über Politik oder Jungs. Am Ende stehen der Schulabschluss und der Abschied von Mutter und Vater. Die Langzeitstudie gewährt seltene Einblicke in den Kosmos des sogenannten Erwachsenwerdens, umgeht dabei wohltuend jede Wertung.

Mit „Les Hirondelles de Kaboul“ von Zabou Breitman und Eléa Gobbé-Mévellec über die Taliban-Herrschaft in Kabul und „L’Extraordinaire voyage de Marona“ von Anca Damian finden sich zwei außergewöhnliche Animationsfilme im Programm. Letzterer erzählt in überbordender, von immer neuen Einfällen getriebener Bildsprache von der Heimatsuche eines kleinen Hundes. Die nie in infantile Anbiederei abgleitetende Allegorie behält eine intelligente Balance bei, ist für kleine wie große Menschen spannend.

Mit „Le Regard de Charles“ hält das Festival noch eine Hommage an Charles Aznavour bereit. Dass der vor zwei Jahren verstorbene Schauspieler und Chansonnier über lange Zeit hinweg sein Leben auf Schmalfilm aufgenommen hat, war bislang kaum bekannt. Nun wird seine Persönlichkeit auf überraschende Weise greifbar, mit all ihren Höhen und Tiefen. Besonders ergreifend: sein Besuch in Armenien des Winters 1964. Die Eltern des Künstlers waren vor dem Völkermord durch die „Jungtürken“ am Ende des Ersten Weltkrieges nach Europa geflohen. Zeitlebens hat sich Aznavour für Menschenrechte eingesetzt. Heute gehört er in Armenien zu den am meisten verehrten Persönlichkeiten.

Französische Filmwoche Berlin 2020 online unter SOONER.DE, pro Film für 3,95 €, 26. 11. bis 2. 12.