Berlin - Die Löwengrube vor dem Architektengebäude der Technischen Universität ist eigentlich eine Art Unraum, vor allem für Rauchpausen und dazu dienend, den im Untergeschoss liegenden Sälen des Architekturmuseums Licht und Luft zu verschaffen. Derzeit aber ist an den Wänden und auf dem Boden eine Ausstellung zu sehen, große knallgelbe Quadrate mit Bildern von selbstbewusst blickenden Frauen darauf. Es sind Bauingenieurinnen, die die Sanierung komplizierter Eisenkonstruktionen, hinreißend weit schwebender Betonschalen, raffinierter Holztragwerke, massiger Staumauern oder den auch als Symbol krassester Männlichkeit oft angegriffenen Glasturm The Shed in London mit planten. Hier wird also nicht nur die sonst so streng eingehaltene Grenze zwischen Bauingenieuren und Architekten überschritten, sondern auch eine zwischen Männer- und Frauenräumen, wird die immer noch wirkungskräftige Behauptung angegriffen, Frauen seien doch vor allem zuständig für das Feine, Elegante, Wohnliche.

Als diese nunmehrige Löwinnengrube in den 1960er-Jahren geplant wurde, waren Frauen allenfalls eine Ausnahme im Geschäft des Entwerfens und schon gar des Konstruierens, blieben zurückgedrängt in die Innenarchitektur und in den Bereich der Gartenplanung. Das hat sich zweifellos geändert, wie nicht zuletzt das Festival „Women in Architecture“ zeigt, das Berlin bis Anfang Juli feiert, mit Ausstellungen, Internetauftritten und Debatten den Einfluss von Frauen in den Planungskulturen, sei es der Architektur, der Landschaftsplanung, der Baukonstruktion.

Endlich Anerkennung für Architektinnen

Es wurde auch hohe Zeit: Schon 1980 erschien das heute rare Heft „Frauen Räume Architektur Umwelt“, in dem etwa Myra Wahrhaftig zeigte, wie gerade moderne Wohnungsplanungen zur Diskriminierung von Frauen beitrugen. Sonja Baldessarini zeigte 2001 in „Architektinnen“, Kerstin Dörhöfer 2004 in „Pionierinnen in der Architektur“, dass die Klassische Moderne und die aktuelle Architektur eng mit der Arbeit von Frauen verbunden sind. Es waren unter anderem solche eher biografischen Recherchen, die mit vielen anderen Forschungen die Grundlage legten für die 2018 gezeigte, großartige Ausstellung „Frau Architekt“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt Main.

Diese ist nun auch der Kern jener Präsentation im gläsernen Pavillon Re-Use-Bauhaus aus neu genutzten Fenstern des historischen Bauhaus-Gebäudes in Dessau, die mitten auf dem Ernst-Reuter-Platz neu montiert wurden. Eine hinreißende Ausstellung, trotz des draußen tosenden Verkehrs geradezu intim. Dass Architektur immer auch Lebenswerk ist, wie groß die Kämpfe waren, bevor eine Zaha Hadid oder Gae Aulenti zu Weltruhm aufstiegen, wird hier deutlich – unbedingt lohnenswert übrigens die Interviews und Stellungnahmen im Internet, sie bieten oft den weiten Rahmen.

Inzwischen sind mehr als die Hälfte der Architektur Studierenden Frauen, ist die Berliner Bauverwaltung seit mehr als einem Jahrzehnt geleitet von Regula Lüscher, sind die Spitzen der Berliner und der Bundesbauverwaltungen von Frauen besetzt, werden der Bund Deutscher Architekten und Architektinnen (BDA) – vor kurzem erst konnte diese Namensänderung gegen massive Widerstände durchgesetzt werden – und die Berliner Architektenkammer von Frauen geleitet.

Viel Arbeit, wenig Einfluss

Übernehmen sie also die Macht in der Architektur? Keineswegs. Selbst der BDA, der sich selbst als Eliteverband der Planenden sieht, hat nur 28 Prozent weibliche Mitglieder, kaum zehn Prozent der Entwurfslehrstühle sind von Frauen besetzt, die von Frauen geleiteten Büros an wenigen Händen abzuzählen. In der BDA-Galerie in der Mommsenstraße wird sozusagen das regionale Gegengewicht zur internationalen Übersicht im Re-Use-Bauhaus gezeigt. Auch hier ist die Biografie also das Leitmedium der Ausstellung, der Blick auf das Werk etwa von Inken Baller oder Julia Dahlhaus, Almut Grüntuch-Ernst, Heike Hanada oder Anne Lampen, Gudrun Sack, Helga Schmidt-Thomsen, Gesine Weinmiller. Alles Namen, die seit zwei Jahrzehnten aus der täglichen Architekturberichterstattung bekannt sind, aber kaum als „weiblich“ assoziiert werden. Ein Fehler?

Tatsächlich geht es bei all den Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen des Festivals gerade nicht darum, eine wie auch immer geartete „weibliche“ Architektur zu entdecken. Zwar meint die Landschaftsarchitektin Andrea Männel, neu berufenes Vorstandsmitglied der Architektenkammer, im Gespräch mit der Berliner Zeitung durchaus, dass Gesprächs- und Kommunikationsfähigkeit oder die Lust am Team aus ihrer Sicht Erfolge des steigenden Anteils von Frauen in Planungsberufen seien.

Doch genauso wie die Direktorin des Deutschen Architekturmuseums Andrea Jürges betont sie vor allem, dass mit der Anerkennung des Anteils von Frauen deutlich werde, wie sehr Architektur eben nicht das Geschäft einzeln kämpfender Heroen ist, sondern das Werk vieler. Und beide sind auch der festen Auffassung: Erst dieses Viele, diese unterschiedlichen Perspektiven und Lebenserfahrungen brächten gute, also gesellschaftlich akzeptable und damit nachhaltig wirksame Architektur und Baukunst hervor. Eine These, die sich an dem grassierenden Geniekult etwa um die grandiose Entwerferin Zaha Hadid kaum, wohl aber an der gebauten Alltags-Umwelt ohne Weiteres beweisen lässt.

Festival wia-berlin.de bis 1. Juli. Begleitbuch: Bund Deutscher Architekten und Architektinnen (Hrsg.): Architektinnen, Women in Architecture. Jovis-Verlag, Berlin 2021, 192 Seiten, 29 Euro.