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Die Hälfte der Berufseinsteiger sind Frauen, doch bis auf zwei Prozent sind alle Chefredakteure von Tages- und Wochenzeitungen und 10 der 13 Intendanten öffentlich-rechtlicher Sender Männer. Rund 350 Journalistinnen fordern nun eine Frauenquote. Michael Jürgs unterstützt sie.

Herr Jürgs, Sie sind nicht mehr Chefredakteur und können niemanden mehr einstellen. Ist es da nicht wohlfeil, die Forderung nach einer Frauenquote zu unterstützen?

Das habe ich denen auch gesagt. Den Offenen Brief habe ich deshalb auch nicht unterzeichnet, ganz einfach, weil ich nur Briefe unterschreibe, die ich selbst formuliere. Wohl aber habe ich für die Website ein Statement zur Verfügung gestellt.

Wieso unterstützen Sie die Initiative?

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist vom Grundgesetz geschützt und muss daher erfüllt werden. Frauen und Männer sind jeweils eine Hälfte des Himmels. Solange die andere Hälfte des Himmels keine Chance hat, muss etwas geschehen. Grundsätzlich entscheidet in unserem Beruf aber nur die Qualität. Da es allerdings bei den Männern in unserem Beruf so viele gibt, von deren Qualität ich weiß Gott nicht überzeugt bin, erkläre ich mich gern bereit, eine Frauenquote zu fordern – dann aber bitteschön nicht 30 Prozent, sondern fifty-fifty.

Bringen Frauen etwa nicht die notwendige Qualität mit?

Nehmen wir den Stern, den ich aus eigenem Erleben kenne. Dort war Petra Schnitt, die vor einem Jahr in Ruhestand gegangen ist, die beste Textchefin, die dieses Blatt je hatte. An ihr als Führungspersönlichkeit hat nie jemand gezweifelt.

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Auch sonst werden Frauen, wenn überhaupt, meist nur Stellvertreterinnen von Chefredakteuren, Leiterinnen von weichen Ressorts wie dem Kulturteil oder Chefinnen irgendwelcher Beiboote wie beim Spiegel.

Vielleicht liegt es an der Erziehung oder Ausbildung – oder sie wollen nicht, weil sie aus eigenem Erleben in den Redaktionen gesehen haben, was in Führungspositionen verlangt wird, wie hart das ist, und dass da Entscheidungen getroffen werden, die nicht die menschlichsten sind.

Und das scheuen Frauen?

Ich pauschalisiere nicht. Ich kenne jedenfalls glänzende Frauen, die das nicht wollen – und Männer, die das wollen, aber nicht die Fähigsten sind.

Matthias Matussek sagte einmal, der Spiegel sei eine Ansammlung von 300 testosterongesteuerten Bullen.

Matussek, in allen Ehren, ist sicher einer dieser Bullen und war deshalb als Kulturchef des Spiegel auch ungeeignet. Diese Klischees stimmen längst nicht mehr, zumindest bei den Männern, die jünger sind als ich. Die wissen längst, dass ihr eigener Job genauso gut von einer Frau gemacht werden könnte.

Hilft denn nun die Quote?

Ich halte in unserem Beruf nichts von Quote. Die Aktion der 350 Journalistinnen ist insofern richtig, als sie ein Bewusstsein schafft. Was wirklich hilft, sind Leidenschaft, moralische Haltung, Neugier und Lust auf Veränderung. Und zwar bei Frauen und Männern.

Interview: Ulrike Simon