In dem Roman „Mädchen brennen heller“ geht es um unfassbaren Frauenhass in Indien.
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BerlinSöhne zählen in Indien mehr als Töchter, das wird gleich im Prolog von „Mädchen brennen heller“ klar. Welche strukturelle Gewalt ihnen oft widerfährt, welche Formen von Ausbeutung bis hin zur Sklaverei gesellschaftlich noch immer akzeptiert sind und welche sexuelle und physische Gewalt ihnen ständig droht, davon erzählt Shobha Rao in ihrem Debütroman. Die Serie von Angriffen auf die Protagonistinnen des Buches ist so endlos, so unerbittlich, dass es die Leser emotional völlig auslaugt.

Dabei beginnt die Geschichte durchaus mit einer Reihe schöner Momente. Die beiden Mädchen Purnima, 16, und Savita, 17, lernen sich kennen und wohl auch lieben. Beide gehören zur Weberkaste: Die eine spinnt Garn, die andere arbeitet am Webstuhl. Zwar ist Diskriminierung aufgrund der Kaste in Indien seit der Unabhängigkeit offiziell verboten, tatsächlich aber bestimmt sie nach wie vor oft Beruf, Ehe und gesellschaftlichen Status.

Autorin lebte sieben Jahre lang in Indien

Die Autorin Rao zog im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie aus Indien in die USA. Die Hitze, Gerüche und Geräusche ihrer ersten Heimat fängt sie im Roman wunderbar ein - und davon lebt das Buch. „Es roch nach alter, ungewaschener Kleidung und nach Schweiß und nach sauer Eingelegtem. Es roch nach Dung, nach dem Rauch von Holzfeuer, nach Dreck. Es roch nach Armut. Und Verzweiflung“, schreibt sie etwa.

Nicht nur der Geruch dieser Hütte deutet das Ungemach an, das bald auf die beiden Freundinnen zukommt. Auch die Natur um sie herum ist kraftlos und ihrem Schicksal ergeben: „Die anderen Pflanzen um die Hütte - ein Niembaum, eine kränkelnde Guave, eine Kürbisranke - sahen erschöpft aus. Sie ließen die Blätter hängen. Resigniert ertrugen sie die Hitze.“

Die darauf folgende sexuelle Attacke zerstört die Welt der beiden. Eines Nachts sagt Purnimas Vater zu Savita bloß: „Komm mit.“ Am nächsten Morgen ist das Mädchen nur noch ein wimmernder Schatten. Die Dorfältesten kommen zur Entscheidung: Der Täter muss Savita heiraten. „Sie waren sich einig: Das sollte seine Strafe sein, und sie war gerecht.“

Schuld wird meist bei den Frauen gesucht

So unglaublich das für westliche Leser klingen mag: Das ist es in Indien nicht. Außerdem wird die Schuld meist bei den Frauen gesucht. Einer Studie der Thompson Reuters Foundation zufolge ist Indien für Frauen das gefährlichste Land der Welt. Die Kategorien, in denen das asiatische Milliardenland ganz vorne landete, waren sexuelle Gewalt, Menschenhandel sowie Religion und Kultur.

„Mädchen brennen heller“ zeigt, wie so ein Leben dann im Extremfall aussehen kann: Purnima wird in eine arrangierte Heirat ohne Mitspracherecht gepresst, erleidet tägliche Vergewaltigung in der Ehe sowie Erniedrigung und Gewalt durch die Schwiegermutter. Schließlich wird sie von der Familie des Mannes mit heißem Bratöl übergossen, weil ihr Vater die Mitgift nicht zahlen kann.

Rao hört aber an dieser Stelle noch nicht auf, sondern lässt ihre Figuren auch noch in die Hände von Kriminellen laufen, die sie zur Prostitution zwingen. Und die dann eine von beiden sogar noch verstümmeln und perversen sexuellen Praktiken aussetzen. Es hört und hört nicht auf, Seite um Seite um Seite. Dass es Indien natürlich, wie überall auf der Welt, auch empathische Menschen gibt, dass auch dort nicht hinter jeder Ecke das Böse lauert: Darauf geht Rao nicht ein. Der ganze Roman ist eine einzige literarische Anklage.

"Mädchen brennen heller" von Shobha Rao

Purnima und Savita sind arm, sie sind ehrgeizig, und sie sind Mädchen – keine guten Voraussetzungen für ihre Zukunft. Denn sie leben in Indien. Als Savita Opfer einer verheerenden Gewalttat wird, flieht diese aus dem Dorf. Bald lässt auch Purnima alles hinter sich, um ihre Freundin wiederzufinden. Die Suche führt sie auf eine erschütternde Reise, in die dunkelsten Winkel der indischen Unterwelt bis in die USA.