Berlin - Seit zwei Jahren ist der 8. März, der Internationale Frauentag, in Berlin ein Feiertag. Und zwar nur in Berlin. Jedes Jahr sind immer noch Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen festzustellen. Was ist also zu tun, was ist zu erreichen? Die Frage ging an die Kolleginnen und Kollegen des Berliner Verlags. Ziel der Veränderungen soll der Frauentag in zehn Jahren sein. Hier die Antworten: 

Mehr Solidarität unter Frauen

Oft wandert der Blick, wenn es um Emanzipation und Frauenrechte geht, geradezu reflexhaft Richtung Mann: Er steht der Gleichberechtigung im Weg, er beharrt auf patriarchalen Strukturen, er bremst und verhindert. Nicht so oft wird thematisiert, was der Unabhängigkeit, der weiblichen Selbstermächtigung auch im Wege steht: nämlich andere Frauen. Unsolidarische Geschlechtsgenossinnen sind ein gewichtiges Hemmnis auf dem Weg zur Emanzipation. Denn so lange Frauen über andere Frauen richten, ihnen sagen, welcher Lebensweg für sie der richtige, der bessere sei, erledigen diese Frauen auch nur den Job, den Männer sonst tun würden. Kinder oder Karriere? Ein Mann oder viele? Heiraten oder nicht? Den Namen des Partners annehmen oder den eigenen behalten? Es gibt gerade im Bereich der Lebensplanung so viele Fragen, zu denen Frauen die scheinbar besten Rezepte für ihre Geschlechtsgenossinnen parat haben. Bestseller werden darüber geschrieben, gern werden diese Rezepte zudem willfährig in sozialen Netzwerken für alle sichtbar unterbreitet. Wir grenzen uns also gegenseitig aus, bleiben Einzelkämpferinnen, legen uns gegenseitig Steine in den Weg, weil die andere Lebensweise nicht dem eigenen Bild von Selbstbestimmung entspricht? Frauensolidarität geht anders: Sie beginnt mit der Entscheidung, der anderen zuzuhören, ihre Geschichte so wahrzunehmen, wie sie sie erzählt. Das ist schwerer, als es zunächst klingt. Anne Vorbringer, 41, Panorama

Schafft das Ehegattensplitting endlich ab!

Das süße Gift des Steuersplittings ist aus meiner Sicht die größte Hürde auf dem Weg zur Emanzipation. Wie sieht die typische Steuerkonstellation bei zwei ungleich Verdienenden aus? Richtig: 5 zu 3. Gehört die 5 der Frau und besteht der Wunsch nach Familiengründung, macht es das Splitting beiden sehr leicht, von der 3 finanziell zu leben und die 5 unbezahlte Hausarbeit verrichten zu lassen. Bevor jetzt zu viel Neid bei den Splittinggewinnern aufkommt: Wir sind so eine 5-zu-3-Ehe, wählen bei jeder Wahl gegen das Splitting. Natürlich kann das nicht von heute auf morgen abgeschafft werden, denn darauf bauen ja ganze Alterskohorten. Aber was bei Braunkohle und Atomkraft geht, muss auch beim Ehegattensplitting kommen: ein Ausstiegsszenario! Mindestens zehn Jahre lang, auf keinen Fall länger als 20, linear oder besser progressiv fallend, ausgestaltet ganz unabhängig von parlamentarischen Mehrheiten. Das wäre ein starkes Zeichen für einen echten Aufbruch in unserer Gesellschaft. Waldemar Grudzien, 52 Datenschutzbeauftragter 

Frauenquoten, wo es Macht und Verantwortung gibt

Emanzipation ist erst erreicht, wenn Frauenansichten, -probleme und -alltag zur Norm gehören und gleich gewertet und behandelt werden wie die von Männern. Was dringend getan werden muss, ist, Frauenfeindlichkeit aus Musiktexten zu verbannen (#unhatewomen). Auch muss endlich das nordische Modell für Prostitution eingeführt werden. Es braucht Frauenquoten überall dort, wo es Macht und Verantwortung gibt. Menstruation muss normalisiert und im Alltag unterstützt werden. Es muss anerkannt werden, dass Gewalt gegen Frauen weitverbreitet ist und nicht weiter toleriert werden darf. Vergewaltigung muss auch in der Praxis strafbar werden, zum Beispiel durch das schwedische Modell. Es muss mehr Frauenhäuser geben, die genug finanzielle Unterstützung erhalten. Lula Lehmann, 28, Berlinonline

Wo stehen wir in zehn Jahren?

Ich wünsche mir, dass meine Töchter ihre Familien gründen, ohne berufliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Ich wünsche mir weiter, dass Frau-, Mann- und Anderssein auch im professionellen Kontext gelebt sowie geliebt werden darf. Und dass talentierte, leistungsbereite Frauen sich kommunikativ souverän in wettbewerbsorientierten Arbeitskulturen bewegen. Holger Friedrich, 54, Verleger

Gender-Pay-Gap: Eine klaffende Wunde

Seit Jahrzehnten schon klafft in Deutschland eine riesige Lohnlücke zwischen Frauen und Männern. Ein Teil dieser Gender-Pay-Gap ist durch systematische Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt zu erklären. Frauen arbeiten genauso viel wie ihre gleichaltrigen männlichen Kollegen, haben ähnliche Bildungswege und weisen die gleichen Qualifikationen vor – und merken nicht selten nach Jahren in der Firma, dass sie für ein und denselben Job schlechter entlohnt wurden. Eine simple Lösung: Gehaltstransparenz.

Unternehmen, gleich welcher Größe, müssten dazu verpflichtet werden, einmal im Jahr das Gehalt von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in vergleichbarer Stellung zu veröffentlichen. Sollte sich herausstellen, dass es eine Lohnlücke gab, muss die schlechtere Bezahlung begründet werden. Wenn das nicht gelingt, heißt es für Frauen: Anspruch auf Schadensersatz. Nicht nur für den entgangenen Lohn oder den Bonus, sondern auch für die verpassten Karrierechancen und die psychischen Folgen dieser Diskriminierung. Das schlägt die EU-Kommission aktuell vor. Gehaltstransparenz ist nebenbei auch ein gutes Werkzeug, um den Lohn von Menschen unterschiedlicher Herkunft zu vergleichen und Benachteiligungen zu beenden.

Bis der Vorstoß tatsächlich umgesetzt wird, heißt es für Frauen: lernen zu pokern. Studien zeigen, dass Frauen – wenn sie nach dem Gehaltswunsch gefragt werden – oftmals eine geringere Summe angeben, um einen „netten ersten Eindruck“ zu hinterlassen. Männer dagegen verlangen mehr und bekommen mehr. Diese Einstellung sollten sich Frauen auch aneignen – nicht für den Einstieg. Miray Caliskan, 27, Gesundheit

Was einen echten Mann ausmacht

Was einen echten Mann ausmacht und wer einer ist, weiß ich fast nur aus dem Kino. John Wayne, Steve McQueen, Charles Bronson usw. Als ich in die Pubertät kam, war die sexuelle Revolution schon vorbei und in meiner ebenso dogmatischen wie spontihaften Wohngemeinschaft Ende der 1970er-Jahre in der westfälischen Provinz lautete die erste Lektion: Hinsetzen! Ich war folgsam, im Gegensatz zu Geschlechtsgenossen, die weiter beharrlich im Stehen pinkelten. Jetzt erst recht.

In der Wohngemeinschaft gab es starke Frauen, die den Ton angaben und andere, die es nicht nötig hatten, den Ton anzugeben. Später kam es mir oft so vor, als hätte ich die Konflikte, die sich zwischen den Geschlechtern ergeben können, alle schon einmal in dieser Wohngemeinschaft erlebt. In den verschiedenen Zeitungsredaktionen traf ich auf starke Frauen, die den Ton angeben, aber immer noch imponieren mir jene Kolleginnen mehr, die es nicht nötig haben, dies zu tun.

Achtung: Selbstkritik. Vermutlich ist es mir nie gelungen, im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit ein achtsames und vorausschauendes Vorbild zu sein. Im Privaten ereilt mich noch immer der Vorwurf, nicht genug im Haushalt zu machen. Wie die Figur eines Loriot-Clips halte ich mich an die Devise: Ich will nur sitzen. Mit zunehmendem Alter trifft nicht einmal mehr die Kritik, ein übler Macho zu sein. Schnarchende Männer verlieren an Attraktivität, aber wohl auch den Schrecken, eine testosterongetriebene Bedrohung zu sein. Ich freue mich über das Lob, gut einparken zu können.

Das Gefühl, nie zu den echten Männern gehört zu haben, empfinde ich nicht als Makel. Wenn ich mich dabei ertappe, eine alte Geschichte aus wilden Zeiten ein weiteres Mal zu erzählen, verkneife ich mir die Fortsetzung. Ich will den kommenden Generationen bei ihren nötigen Emanzipationsbemühungen nicht im Weg stehen – und tue es vielleicht gerade deswegen. Mein Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit besteht in der in vielen Variationen wiederholten Erkenntnis, dass man mit der Emanzipation nicht fertig wird. Morgen nicht und in zehn Jahren auch nicht. Aber ganz bestimmt sieht es dann schon wieder anders aus. Harry Nutt, 61, Feuilleton

Soziale Rollenbilder sind bis 2031 gesprengt und neu zusammengesetzt

In zehn Jahren haben die Menschen begriffen, dass die Logik von Gleichberechtigung beinhaltet, diese für alle zu erreichen. Unter dem Begriff Feminismus werden dann alle Kämpfe von Benachteiligten vereint. In Bezug auf Frauenrechte muss bis 2031 der Gender-Pay-Gap geschlossen sein. Wie Kinder betreut werden, entscheidet sich nicht aus der Not heraus: Kita und alternativ die Betreuung vom geringer oder mehr verdienenden Elternteil sollten möglich und finanzierbar sein. Das Gesundheitssystem ist genauso auf Frauen wie auf Männer ausgerichtet. Frauen bestimmen selbst, ob, wie und wo sie gebären möchten. Frauen werden nicht mehr objektifiziert und sind weniger Gewalt ausgesetzt. Unsere sozialen Rollenbilder von Mann und Frau sind bis dahin gesprengt und in einem gelockerten Verhältnis wieder zusammengesetzt worden. Maria Häußler, 29, Reporterin

Mehr Sichtbarkeit

Mehr Sichtbarkeit im öffentlichen Raum von jeglicher Andersartigkeit. Also neben Genderthemen auch z. B. seltene Krankheiten. Auf Netflix gibt es die Serie „Die Brücke“. Da wird eine Polizeikommissarin gezeigt, die das Asperger-Syndrom hat. Und dass es auch Vorteile haben kann, einen anderen Blick auf die Welt zu haben als die meisten. Es sollten auch die positiven Seiten von Andersartigkeit gezeigt werden, nicht immer nur Mitleid. Also Sichtbarkeit schafft Verständnis, Verständnis schafft Toleranz und Empathie. Knut Hertel, 51, BerlinOnline

Feminismus ist Bedingung

In zehn Jahren will ich nicht mehr hören, die Gleichberechtigung der Geschlechter sei ein Projekt. Darin steckt schon der erste Fehler. Gleichberechtigung ist kein Auftrag des Managements, kein Wehwehchen und kein Nebenwiderspruch. Sie darf weder an Staatsbürgerschaft noch an Gehaltsklasse gekoppelt sein. Gleichberechtigung durch Feminismus zu fordern, ist auch kein Hobby. Es ist Bedingung für alle anderen Projekte, Baustellen und Krisen. Dafür brauchen wir Kraft.

Feminismus heißt heute nach wie vor, permanent zu kämpfen. Beschäftigt zu sein, zu erklären, zum Beispiel, warum sensible Sprache sinnvoll ist. Es bedeutet, am laufenden Band Gehälter zu diskutieren, Missbrauch zu thematisieren, körperliche Selbstbestimmung zu verteidigen und sich anhand einer dominanten „Normalität“ zu definieren. Ganz ehrlich? Das nervt. Manch eine kostet es mehr als die psychische Gesundheit.

2031 sollen Quoten eingeführt – und wieder abgeschafft sein. Paragrafen wie 218 und 219a aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, Femizide als Straftat anerkannt sein. Keiner soll mehr einen Keks bekommen, weil er sich „paritätisch“ an der Hausarbeit beteiligt oder zugehört hat. 2031 sollten wir uns nicht mehr für gleiche Rechte, Repräsentation und Redeanteile abstrampeln müssen. Denn die nächste Krise kommt bestimmt. Antonia Groß, 30, Feuilleton

Gleichberechtigung als Staatsräson

Wovon will man noch träumen? Wenn die vergangenen Jahre etwas gezeigt haben, dann das: Viel erwarten sollten wir besser nicht. Es wird wohl noch ein Jahrhundert dauern, ehe Frauen weltweit gleichberechtigt sind, Westeuropa könnte es „schon“ in gut 50 Jahren schaffen. Bei meinem Lebensstil liege ich da schon auf dem Sterbebett. Feministischer Widerstand braucht daher mehr als nur kämpferische Frauen (und Männer und nicht-binäre Personen), sondern auch politischen Willen. Quotenfrauen machen Aufsichtsräte seit einiger Zeit in Deutschland weiblicher und zeigen, dass sich das Patriarchat mit gesetzlichem Druck zurückdrängen lässt.

Davon will ich mehr. Die Gesetzgebenden müssen mit progressivem Beispiel vorangehen und die träge Gesellschaft mitschleifen, das feministische Mutterland Schweden macht es seit Jahrzehnten vor. Vor genau 50 Jahren entschieden sie sich gegen Ehegattensplitting und männliches Ernährermodell. Drei Jahre bevor die alte Bundesrepublik sich durchringen konnte, die Hausfrauenehe abzuschaffen, führte Schweden 1974 bezahltes Elterngeld für alle ein. Seit 1995 werden bestimmte Elternmonate für Väter reserviert, um sie zu drängen, ihren heimischen Pflichten nachzukommen. 1980 folgte ein Gesetz gegen sexuelle Diskriminierung am Arbeitsplatz, Ost- wie Westdeutschland legalisierten da noch die Vergewaltigung in der Ehe.

Recht als gesellschaftliches Gestaltungsmittel, das fehlt mir hier. Deutschland lahmt und sieht Gleichberechtigung oft nur als Frauensache, wir treten als Land auf der Stelle. Und verpassen dabei: Ist die feministische Revolution erfolgreich, profitieren wir alle. Der Kuchen, der dann für alle leicht erreichbar ist, wird größer, schöner, süßer. Das Leben – zumindest zu Teilen – beinah ein Zuckerschlecken.

Gleichberechtigung als Staatsräson, davon träume ich bis 2031. Sollte das, wie erwartet, nicht klappen, lade ich zum Frauenstreik nach isländischem Vorbild. Das scheint mir erfolgversprechender: Das Land führt das Gleichstellungsranking seit 2009 ununterbrochen an. Maxi Beigang, 30, Reporterin

Atmende Lebensläufe

Möge es selbstverständlich werden, dass Frauen und Männer auch das Nacheinander-Prinzip leben können. Und das heißt für mich: Nach einer guten Ausbildung im Beruf anfangen, nach einer gelassenen Familienphase die kraftvolle Rückkehr in die Arbeitswelt.

Es muss möglich sein, in der Phase der Familiengründung mal für ein paar Jahre aus dem Beruf auszusteigen und sich ganz auf die Erziehung der Kinder zu konzentrieren. Ich finde diesen Versuch, Familienarbeit und Erwerbstätigkeit in jedem Augenblick der eigenen Existenz unbedingt kombinieren zu müssen, verkrampft. Viel Stress und Überforderung folgt daraus, viele kaputte Beziehungen, unerfüllte Kinderwünsche. Der Alltag als eine Kette logistischer Extremleistungen, warum?

Lieber eine Weile weniger verdienen und dafür Zeitinseln schaffen für die Familie. Frauen und Männer werden klüger durch ihre Erfahrungen als Eltern, nicht dümmer. 

Ich wünsche mir, dass junge Frauen nicht mehr glauben, dass Selbstverwirklichung nur im Beruf zu finden ist und dass sie nur als emanzipiert gelten, wenn sie sich permanent in neoliberalen Arbeitswelten abstrampeln.

Ich wünsche mir, dass die sogenannte Care-Arbeit gar nicht mehr aufgewertet werden muss. Weil wieder klar ist, dass das Leben mit Kindern etwas Wunderschönes sein kann und etwas sehr Anspruchsvolles. Weil es die besten Kräfte erfordert, die wir zu bieten haben: Liebe, Klugheit und Fantasie.  Eva Corino, 49,  Bildung und Familie