Berlin - Die Londoner Künstlerin Frederike von Cranach lässt sich von abgestorbenen Teilen der Meerespflanze Neptungras inspirieren. Solche sogenannten Seebälle verwendet die 40-Jährige als Werkstoff für filigrane Skulpturen, aber auch als Vorlage für Collagen und Zeichnungen auf Papier. Im Interview spricht sie unter anderem über Geduld, Berlin und ihren großen Nachnamen.

Sie verwenden in Ihren Arbeiten Unmengen von Seebällen. Die liegen ja nicht in London auf der Straße herum. Woher haben Sie sie? 

Ja, man muss immer eine schöne Reise machen, um an diese verrückten Dinger zu kommen. Diese hier stammen aus Ibiza. Mittlerweile sammeln viele meiner Freunde und deren Kinder für mich, wenn sie im Urlaub am Strand sind. Das ist ein richtiges Gemeinschaftsprojekt geworden (lacht). Ich habe zu Hause mehrere Müllsäcke voll mit Seebällen!

Strandgut sammeln ja viele. Kunst daraus zu machen, ist eine ganz andere Sache. Wie kam es dazu?

Erst war es tatsächlich nur eine Sammlung. Vor zwei, drei Jahren hatte ich aber endlich eine Idee und wusste plötzlich, was ich damit machen will. Erst kamen die Skulpturen, später habe ich mich dann mehr aufs Zweidimensionale verlegt und mit den Zeichnungen begonnen.

Was inspiriert Sie an diesen strohigen kleinen Bällen?

Ich finde, sie sehen absolut perfekt aus und liegen doch einfach so bedeutungslos am Strand herum. Die Pflanze hat schon einen ganzen Lebenszyklus hinter sich. Forscher sagen, einige von ihnen könnten zwischen 80.000 und 100.000 Jahre alt sein. Was die wohl schon so alles gesehen haben…diesen Gedanken finde ich faszinierend.

Sie wickeln feine Fäden um Seebälle oder zeichnen sie mit ganz dünnen Strichen. Das sieht aus, als würde es unheimlich viel Geduld erfordern.

Das ist auch so, gerade was die Zeichnungen angeht. Für ein Bild brauche ich mindestens eine Woche. Es wirkt fast autistisch, wenn ich arbeite (lacht). Aber eigentlich bin ich ein eher lauter, nervöser Mensch. Außerdem habe ich zwei Kinder, die mich auf Trab halten. Für mich ist diese Arbeit ein Ausgleich, sie beruhigt mich. Ich falle dann in meine eigene Welt.

Wer Ihren Nachnamen liest, denkt sofort an den Renaissancemaler Lucas Cranach. Besteht da eine Verbindung?

Ich werde oft gefragt, ob es ein Künstlername ist. Aber ich bin tatsächlich eine Nachfahrin von Lucas Cranach dem Älteren in 14. Generation. Mein Bruder heißt übrigens auch Lucas, so wie alle männlichen Nachkommen in der Linie. Der Name ist Fluch und Segen zugleich.

Inwiefern?

Fluch, weil die Menschen dadurch manchmal eine sehr hohe Erwartung an einen haben. Segen, weil er einem natürlich einige Türen öffnet, das muss man schon ganz ehrlich sagen. Aber meistens wird die Verbindung zu Lucas Cranach erst dann präsent, wenn andere Leute einen darauf aufmerksam machen. Im Alltag spielt das eher weniger eine Rolle.

Liegt die Kreativität denn in der Familie?

Die Verbindung zu Lucas Cranach besteht zwar über den väterlichen Zweig, die künstlerische Ader wurde aber lustigerweise wohl doch eher von meiner Mutter vererbt. Sie schreibt nämlich Kochbücher und ist total kreativ auf diesem Gebiet. Mein Vater ist ein klassischer Volkswirt.

Sie wohnen derzeit in London. Wie gefällt Ihnen Berlin?

Ich finde Berlin toll - die Stadt ist ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen, sie ist einfach frei. Ich könnte mir durchaus vorstellen, hier irgendwann mal zu wohnen. Berlin ist so frisch, nicht so wie London, wo doch alles schon ein bisschen angestaubt ist. Im Winter finde ich Berlin allerdings ein bisschen bedrückend, da wirkt London doch irgendwie heller. Aber insgesamt hat die Stadt einen sehr guten Spirit.

Die Werkschau „Ansammlungen“ von Frederike von Cranach ist noch bis zum 10. Juni in der Galerie Magic Beans, Auguststraße 86, in Berlin-Mitte zu sehen. Die Galerie hat mittwochs bis sonntags zwischen 12 und 18 Uhr geöffnet.