Ist ein bis auf einige Stühle leerer Raum ein angemessener Beitrag zur 16. Architekturbiennale in Venedig, zur wichtigsten Ausstellung internationaler Entwicklungen im Planungswesen? 71 Länder nehmen diesmal teil, es kommen Architekten, Planungsfirmen und Gestalter, die meisten zeigen Modelle und Pläne, führen vor, was sie gerade als besonderen Beitrag zur Lösung unserer Weltprobleme verstehen. Aber die Kuratoren des britischen Pavillons zeigen nur „Free Space“, Freiraum also.

So lautet das Generalthema, das die beiden aus Irland stammenden, mit der sozialen, militärischen oder auch religiösen Einengung von Freiräumen also bestens vertrauten Chefkuratorinnen Yvonne Farrell und Shelly McNamara für diese Biennale ausgegeben haben. Der Begriff Free Space entspricht mit seinen vielen Zwischen- und Untertönen ziemlich genau dem deutschen „Freiraum“.

Die Briten nehmen sich diesen also, um ihr niedliches Gebäude aus der mit zunehmendem Abstand immer schöner erscheinenden Belle Epoque vor dem „großen Krieg“, als Europa erstmals an seinen nationalistischen Hyperpatrioten scheiterte, in eine Debattenhalle zu verwandeln. Es geht vor allem um den Brexit und seine Folgen für die Planungskultur. Fotos, Pläne, Installationen oder Modelle sollen den Streit nicht stören. Man weiß schließlich aus eigener Erfahrung beim Wiederaufbau von Belfast in Nordirland, wie schwer es ist, eine einmal durchgesetzte Teilung wieder zu reparieren.

Deprimierte Briten

Zudem steht wenige Schritte weiter der monumentale, scheinbar kraftstrotzende deutsche Pavillon. In ihm ist die auf den ersten Blick dramatische Inszenierung des Berliner Architekturbüros Graft mit einer gewaltigen schwarzen Mauer zu sehen, auf deren Rückseite das Klein-Klein der architektonischen Bewältigung des Grenzstreifens gezeigt wird. Ein Pavillon, der Aufsehen erregt, dessen Botschaft viele Briten aber eher deprimiert. So viel Geld, so viel Energie muss aufgewendet werden für eine Wiedervereinigung, und oft ist das ästhetische Ergebnis so wenig aufregend. Eine Brücke, ein Garten, Bürogebäude, Wohnhäuser.

Nun, wenn es denn reicht mit all dem Klagen und Verzweifeln an ihrer Gesellschaft, von der ziemlich genau die eine Hälfte den Austritt aus der Europäischen Union radikal befürwortet und die andere Hälfte ihn radikal ablehnt, dann geht man über eine leicht schwankende Gerüsttreppe auf eine provisorische Dachterrasse. Das Gewusel des Publikums scheint von hier aus weit weg, auch Venedig sieht man kaum – die Bäume stehen im Weg. Offen aber ist der Blick auf die Lagune, aufs Meer. Weitblick braucht’s bei Debatten über den „Free Space“ sicherlich auch.

Farrell und McNamara riefen in einem etwas pathetisch als „Manifest“ bezeichneten Grundlagenpapier dazu auf, die Architektur, die Planung, den Raum selbst als „Geschenk“ zu betrachten, sich offen für alles zu zeigen. Die Kuratoren haben sich dieses Freiraums bedient. Auch wenn es oft eher um die Beschränkungen des Freiraums und den Umgang mit solchen Beschränkungen zu gehen scheint.

Brasilien etwa verzeichnet seine sozialen und wirtschaftlichen, aber auch kulturellen Gegensätze auf angemessen großen Karten, die in einem eleganten, durchaus monumental wirkenden Saal gezeigt werden, neben dem in einem niedrigen Gang tiefschwarz kleine Modelle von Schulen, Heimen, Versammlungshäusern Wege andeuten, wie die Probleme des Riesenlandes zu lösen sein könnten. Einer der schönsten, aber auch herausforderndsten Pavillons, in dem das Bild vom ewig heiteren Samba-Land ziemlichen Schaden nimmt.

Erstmals nehmen die religiösen Antipoden Saudi-Arabien und Vatikan teil. Weitere Biennale-Debütanten sind der kleine karibische Kolonialstaat Barbados und Antigua sowie Guatemala mit seinen radikalen sozialen Gegensätzen zwischen indigener Bevölkerung und den Nachfahren jener, die seit der Eroberungspolitik Spaniens eingewandert sind. Ferner der vom mühsamen Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg der 80er-Jahre geprägte Libanon, und Pakistan, das immer noch mit den Folgen der Teilung des indischen Subkontinents vor 60 Jahren kämpft.

Auch sonst sind Konfliktthemen nicht ausgespart: Belgien, Spanien und die Niederlande, alle geschlagen mit nationalistischen Binnenspannungen, haben die Fassaden ihrer drei nebeneinander stehenden Pavillons zu einer großen Installation des europäischen Zusammenhalts vereinigt. Der belgische Pavillon, diesmal von der Region Wallonie kuratiert, zeigt auf den ersten Blick nur europablau gestrichene Sitzstufen – eine für den Besuch eher unpraktische Farbe.

Damit nicht alles dreckig wird, muss man die Schuhe ausziehen, was zu regelrechten Staus führt. Auch hier soll debattiert werden, etwa über die wahnwitzige, in Wandzeitungen mitzunehmende Idee der Pavillonkuratoren, den Wiederaufbau der europäischen Idee infolge einer zukünftigen Riesenkatastrophe, eines III. Weltkriegs, zu idealisieren. Dann würden sich die Völker endlich zusammentun und Europa von unten neu konstruieren.

Vergessene Arme

Die historische Erfahrung spricht eindeutig gegen einen solchen Utopismus, und sei es nur das Chaos, dem Italien sich mit seiner neuen Regierung der populistischen Radikalen gerade aussetzt – die nicht einmal in der Lage sind, in Rom eine vernünftige Abfallbeseitigung zu organisieren.

Sicher kann das Ungeordnete auch fruchtbar und voller Leben sein. Ägypten etwa zeigt, welche soziale Verheerung moderne, fein aufgeräumte Promenierstraßen für die Armen sein können, deren Handel und Wandel auf dem informellen Ausgleich beruht, die in einigen Stadtvierteln Kairos einfach nur verdrängt wurden, statt ihre Energie aufzunehmen. Indien feiert im Ausstellungsareal Arsenale seine freie Schulkultur, einfache Möbel, schlichte Ziegelwände, aber gute, klare Räume.

Frankreich huldigt mit einer lustigen Assemblage von Alltagsgegenständen und vielen Modellen dem Selbst- und Mitmachen. Ertüchtigt Euch, nehmt die alten Fabriken und Häuser, die keinen Zweck mehr haben, in die Hände, wartet nicht auf Subventionen, Politiker, holt euch selbst Planer, die das technisch bewerkstelligen können. Eine Art Feier jener Graswurzelbegeisterung, die die französische Bewegung En Marche befeuert und Emmanuel Macron in das Palais du Elysee gebracht hat.

Doch sei zugegeben: Auch die seit der Verkündung eines Bibliotheksgesetzes 1985 entstandenen vielen neuen Bibliotheksbauten in Finnland, die in einer kleinen Ausstellung gezeigt werden, inspirieren. In Helsinki dauerte das dem Endlos-Debatten-Projekt Berliner Zentralbibliothek technisch vergleichbare, architektonisch zudem überaus anspruchsvolle Projekt der Stadtbibliothek kaum fünf Jahre, und zwar inklusive breiter Bürgerbeteiligung, Architekturwettbewerb und Bauzeit – im Herbst soll eröffnet werden. Nun machen Sie mal hin, möchte man Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller zurufen, der zur Eröffnung den Deutschen Pavillon besuchte.

Die Arbeit, die Architektur verursacht, wird übrigens nur am Rand zum Thema, wenn brasilianische Neubauten gezeigt werden, die ununterbrochen geputzt werden müssen, um fotogen zu blitzen. Der niederländische Pavillon widmet sich mit versteckten Türen und vielen Klappfenstern − aber auch mit Sofas − der modernen Arbeitsumwelt. Vielleicht sollte man mal eine Biennale dem Thema Arbeit widmen, und dabei, wie jetzt die Niederländer, die Rolle der Entrechteten, der Sklaven, der Untersten im System beleuchten. Kann ihnen mit guter Architektur geholfen werden – oder reicht die Freiheit, die bessere Entlohnung?

Offen politisch sind nur wenige Inszenierungen. Venezuelas heruntergekommener Pavillon ist längst zu einem Symbol eines verrottenden Staats geworden. Dabei ist er mit seiner eleganten Beton- und Stahlkonstruktion eigentlich ein sehr erlesenes Gebäude aus den 1960er-Jahren, luftig und leicht, einst genauso wie der brasilianische Pavillon ein Dokument jener Nachkriegszeit, als Südamerika sich mit Leidenschaft dem Fortschrittsgedanken und der Wohlfahrtsstaatsidee in die Arme warf. Bei der letzten Biennale wurde er gar nicht erst bespielt. Jetzt aber wird hier in geradezu stalinistischer Manier dem Chavismus gehuldigt. Es wird eiskalt an der Eingangswand mit tollen Statistiken über gut versorgte Alte und ein perfektes Gesundheitssystem Propaganda gemacht. Es ist einfach nur peinlich.

Gar nicht peinlich, aber sicherlich für viele den Blutdruck hoch treibend ist die Inszenierung im israelischen Pavillon. Es geht um die von Christen, Muslimen und Juden beanspruchten Räume des einstigen britischen Mandatsgebiets zwischen Jordan und Mittelmeer. Gleich zu Anfang steht ein buntes Modell der Grabeskirche aus Terrakotta – die Farben signalisieren die bis zu einzelnen Stufen reichenden und teilweise mit Gewalt, vor allem aber mit ununterbrochenen Verhandlungen austarierten territorialen Ansprüche der diversen Konfessionen.

Es geht um die Ansprüche von Juden und Muslimen auf das Grab der Rachel, auf das Grab Abrahams in Hebron, und vor allem den Streit, wie der Platz vor der Klagemauer im gegen die Grundlagen des Völkerrechts annektierten Ost-Jerusalem gestaltet werden soll. Bis 1967 befand sich hier ein Viertel, das vor allem von Muslimen bewohnt war und innerhalb weniger Tage nach der Eroberung durch Israel abgerissen wurde. Seither entstanden Entwürfe teilweise berühmtester Architekten wie Louis Kahn oder Moshe Safdie für die Gestaltung der weiten Freifläche, bis hin zur irrwitzigen Idee, über ihm auf Stelzen eine Art gigantisches Idealmodell des zerstörten jüdischen Tempels aufzustellen.

Hitzige Debatten

Acht dieser Entwürfe werden gezeigt, ohne Kommentar und deswegen umso aussagekräftiger: Free Space soll dieser Raum sein – für wen? Für Juden? Oder auch für Christen und Muslime? Für Gläubige oder auch Ungläubige? Wer bestimmt? Muss jeder Freiraum gestaltet werden – oder dient hier nicht die Planung des Freiraums dazu, den Völkerrechtsbruch zu kaschieren? Dürfen sich Architekten eigentlich an solchen Planungen beteiligen? Die Debatten im Raum sind hitzig, so wie das Thema.

Und bevor sich jemand erhebt und sagt, bei uns gibt’s das nicht: Das Büro von David Chipperfield behauptet mit einer großen Schinkelzeichnung selbstbewusst, dass der neue Eingangsbau zur Museumsinsel auch eine Art Free Space ist. Wohlgemerkt, jener Eingangsbau, der die Besucher auf einen strikt vorgeplanten Rundgang schicken soll. Ist das Café auf der Terrasse da wirklich ein Ausgleich? Und was an der Museumsinsel ist überhaupt „frei“ – es dürfte kaum einen besser überwachten und kontrollierten nichtpolitischen Ort in Deutschland geben – auch wenn das Goldmünzendiebe nicht unbedingt schreckt.

Kaum weniger politisch, aber sehr viel sublimer geht es im Australischen Pavillon wenige Meter weiter zu. Eine Graslandschaft wächst darin, die so gar nicht dem glühenden Tiefrot der Australien-Fotos entspricht, die man so im Kopf hat. Eine Idylle. Aber solche Grasländer, fruchtig und satt und grün, prägten bis zur Eroberung des Kontinents durch die Briten offenbar weite Landschaften. Sie wurden zerstört für Schafe und Rinder, Ackerbau und Bauzonen. Eine Landschaft der Erinnerung – hoffentlich stimmt das Versprechen der Kuratoren, dass diese Gräser und Blumen sich nicht durch die offenen Türen in die venezianische Lagune versamen können.

Unstraffes Konzept

Wer sich auf der Terrasse des britischen Pavillons etwas biegt, kann die Terrasse auf dem Dach des Ungarischen Pavillons entdecken. Dort wird zwar innen ganz staatstreu die Tradition der Freiheitsbrücke in Budapest als öffentlicher Ort gefeiert. Aber auch in Ungarn ist die Front der Anti-Europäer stark, und so erscheint die Terrasse auf dem Dach auch hier als Fluchthilfe zu mehr Weitblick.

Sicher, manches an dieser Architekturbiennale erscheint geradezu aus der Zeit gefallen. Wäre es nicht gut gewesen, irgendwo mal über Geschlecht und Raum, über Sexismus oder Rassismus und ihre Folgen für Freiräume nachzudenken? Das Überraschende aber ist: Letztlich kümmern solche Lücken nicht. Das von den Kuratorinnen behauptete „Konzept“ ist zwar nicht zu erkennen. Aber genau deswegen gibt es eine oft willkürlich erscheinende Vielfalt, die viel interessanter ist als die in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigten straffen Konzepte – und so viel entspannter. Lasst uns bei den Ungarn auf die Dachterrasse steigen – und den Ausblick auf die Briten genießen, die ihrerseits den Blick in die Ferne schweifen lassen.