Unweit des Richtplatzes von Hans Kohlhase, nach dessen kurzem ereignisreichen Leben Heinrich von Kleist unter Veränderung zahlreicher historischer Details und des zu harmlosen Heldennamens in Michael (nach dem Erzengel) Kohlhaas seine berühmte Novelle verfasste, dort also, wo der historische Hans gerädert wurde, nämlich nah dem Georgentor, wo heute der Strausberger Platz befindlich ist, kommt es gut 470 Jahre später, abends gegen sieben, zu einem Verkehrskonflikt, der ebenfalls mit einem Rad zu tun hatte, und zwar mit einem E-Rad, einem Black Horse City 500, zusammenklappbar, 26 Zoll, unisex, 6-Gangschaltung, Höchstgeschwindigkeit entsprechend der Auflage 25 km/h, mit Cupholder.

Vorbildlich behelmter Besitzer und übrigens auch Entwickler dieses Gefährts ist niemand anderes als Michael Kohlhaas, der Held der im Gorki-Theater zur Premiere gekommenen Uraufführung von „Das Kohlhaas-Prinzip“, für das sich die Hausregisseurin Yael Ronen und ihr Ensemble frei bei Kleists Novelle bedienen und diese mit unbändigem Sinn für Details in die Gegenwart verlagert.

Dieser Ronen’sche Kohlhaas nun wird von einem BMW X5 Security Plus − ausgestattet mit einer gepanzerten giftgassicheren Fahrgastzelle und Stauraum für Maschinengewehre − mit einer Geschwindigkeit von (hier widersprechen sich die Angaben) 180 bis 250 km/h dergestalt überholt, dass Kohlhaas und seinem vierjährigen Sohne der Straßenkot nur so ins Antlitz sprützt.

Es kommt zum Streit, bei dem die pandafellbezogenen Sitze des X5 durch den von Kohlhase verkippten Kaffee in Mitleidenschaft gezogen werden, was schmerzlich ist, weil diese Felle sehr selten zu haben sind − erstens, weil Pandabären in Gefangenschaft nicht fortpflanzungslustig sind, und zweitens, weil ihnen das Fell nur dann abgezogen werden darf, nachdem sie freiwillig gestorben sind (diese Erläuterungen gibt Kohlhaases Anwalt, der kurz danach das Mandat niederlegt, weil besagter Autofahrer Anteilseigner des größten Klienten seiner Kanzlei ist und der Staatsanwalt im selben Golfclub spielt wie der Justizsenator, der wiederum bei der Hochzeit des Bruders besagten Autofahrers Ehrengast war).

All dies und noch viel mehr erregt verständlicherweise den Verdruss von Kohlhaas, der sich an die Spitze einer weltweiten terroristischen Bewegung setzt. Er wird gespielt von Thomas Wodianka, der für sein redliches Aussehen und zugleich auch für seine Ausbruchskunst bekannt ist, von der er in einer herrlichen Nummer, bei der er „Paint It Black“ von den Stones auf brennender Bühne trippelnd herüberrülpst, eine Kostprobe geben wird.

Wer findet, dass dies alles ein wenig abstrus und konstruiert sei, der muss nun noch zur Kenntnis nehmen, dass es einen weiteren Helden gibt, der auch noch so ähnlich heißt, nämlich Michail (Taner Sahintürk), und dem als palästinensischem Schafskäsehändler viel hanebücheneres Unrecht widerfahren ist als Michael, infolgedessen er vom israelischen Geheimdienst als Kollaborateur denunziert wird, in Berlin untertaucht und zufällig zugegen ist, als sich der eingangs skizzierte Zwischenfall zuträgt.

Ohne Papiere und ohne Rechte kommt Michail als Zeuge nicht in Betracht, wohl aber etwas später im Verlauf der mit babylonischem Übermut aufgetürmten Handlung als Verdächtiger. Michail (mit zwei ,i‘) soll hinter den Anschlägen stecken, die Michael (mit einem ,i‘) in seinem terroristisch-asymmetrischen Krieg für Gerechtigkeit in eigener Sache verübt. Wir brechen hier ab, weil es auch noch eine unbedingt erwähnenswerte Symbolebene gibt: Indische Raben, die sich in einer „biologischen Invasion“ erst über ein Abschiebegefängnis in einer Wüstenstadt hermachen und dann über all die Leichenteile, die bei den Kohlhaas’schen Anschlägen in Berlin herumliegen, was der Tagesschau eine Meldung wert ist.

Yael Ronen, die ihre Stücke stets zusammen mit den Schauspielern entwickelt und dabei auch diesen kreativen Prozess mitreflektiert, hat die diesmal die Pferde durchgehen lassen. Weil so viele Funkenflug-Einfälle und verblüffende Querschläger rübergebracht, so viele verschiedene Typen karikiert werden müssen und darüber hinaus auch noch alle Nase lang das sperrige, aus illustrativem Schrott bestehende Bühnenbild kompliziert umzubauen ist, bleibt wenig Raum für Figuren, Spiel und moralische Irritation.

Am meisten ziehen die Situationen, in denen sich die Schauspieler der Vergeblichkeit ihres Tuns bewusst werden und ihre moralisch anspruchsvolle Sehnsucht nach politischer Haltung mit ihrer Eitelkeit verwechseln – ein ganzer Stall von Kohlhaasen, die für ihre Sache streiten. Und bei aller fantastischer Überfrachtung und bei aller verzweifelten Albernheit ist zu verbuchen, dass die Inszenierung in dem Drang, alles auf einmal zu erzählen, auf dass des Zuschauers Nerven explodieren, doch ziemlich nah bei Kleist landet. Heftiger Applaus.