Christa Wolf war bei der Demonstration vom 4. November 1989 dabei.
Foto: Günter Gueffroy/ dpa

Nach dem 4. November 1989, sagte Christa Wolf, sei sie in Pankow bekannt gewesen wie ein bunter Hund. „Plötzlich grüßten mich alle auf der Straße und wollten mit mir über jedes aktuelle Ereignis ins Gespräch kommen.“ Auf der Demonstration sprach sie, wie von den Organisatoren gewünscht, über „die Sprache der Wende“. Wobei sie aber gleich darlegte, mit dem Wort „Wende“ ihre Schwierigkeiten zu haben: „Ich würde von ,revolutionärer Erneuerung‘ sprechen.“ Die Rede ist abgedruckt in dem Band „Christa Wolf: Umbrüche und Wendezeiten“, herausgegeben von Thomas Grimm unter Mitarbeit von Gerhard Wolf, der am Montag im Suhrkamp-Verlag erscheint.

Im Dezember 2011 ist Christa Wolf gestorben, doch die Erinnerung an ihr Werk halten nicht nur ihre Leserinnen und Leser in ihren Köpfen und den Bücherregalen wach, nicht nur die Germanisten, die dessen Wirkung weiter erforschen, sondern auch die Verlage, die nach und nach Briefe herausgeben. Zuletzt waren es der Briefwechsel mit Brigitte Reimann (bei Aufbau erschienen), die Korrespondenz mit dem russischen Schriftsteller Lew Kopelew (Steidl), dieser Tage folgt bei Suhrkamp noch der Briefwechsel mit der Dichterin Sarah Kirsch, der Anfang der 60er-Jahre beginnt und kurz nach der deutschen Vereinigung abbricht.

Das Tagebuch- und Briefschreiben bildet einen ersten Schwerpunkt in „Umbrüche und Wendezeiten“. Dem Buch zugrunde liegen mehrere Interviews, die Thomas Grimm mit ihr und ihrem Mann Gerhard Wolf für sein audiovisuelles Archiv Zeitzeugen TV geführt hat. Briefe verfasste Wolf mit anderem Anspruch als die Tagebucheinträge, zugeschnitten auf den Adressaten. Dagegen bereitete das tägliche Festhalten von Erlebnissen und Gedanken die „Selbstauseinandersetzung“ vor, die sie mit ihrem literarischen Werk weiter betrieb. Diese Aussagen sind interessant im Zusammenhang mit der Tendenz zum autofiktionalen Schreiben bei heute vieldiskutierten Autorinnen wie Annie Ernaux oder Rachel Cusk. Viel aufschlussreicher und wichtiger ist dieses Buch aber als eine Betrachtung der Ereignisse von 1989 und deren Folgen. Denn innerhalb einer kurzen Zeitspanne veränderten sich die Verhältnisse im Lebensumfeld Christa Wolfs mehrmals und dramatisch. Der Abstand dazu im Jahr 2008, als die Autorin dazu interviewt wurde, ermöglichte ihr einen analytisch kühlen Blick.

Zur öffentliche Person wurde sie erst nach der Wende

Dass Christa Wolf die Popularität nach ihrem Auftritt am 4. November überraschte, wie eingangs erwähnt, mag von heute aus gesehen verwundern, galt sie doch als Ikone der Literatur in der DDR. Tatsächlich wurden ihre Bücher bewundert, manche mehr, andere weniger. Die bedrückenden Verhältnisse in „Nachdenken über Christa T.“ wurden noch Jahre nach dem Erscheinen 1968 so in der DDR aufgefunden. Auch wie Christa Wolf in „Kindheitsmuster“ 1976 über Verführbarkeit durch Ideologie schrieb, trieb viele Menschen um. Dass sie es durchsetzen konnte, die von der Zensur gestrichenen Stellen in ihren „Kassandra“-Vorlesungen in der DDR-Buchausgabe 1983 durch Auslassungszeichen zu zeigen, brachte ihr hohen Respekt ein.

Eine öffentliche Person aber war sie in der DDR nicht, auch wenn das der Interviewer einmal behauptet. Das wurde sie später, das sah man zum Beispiel bei der Leipziger Buchmesse 1994, als Menschen, die noch zu ihrer Lesung in den vollen Saal der Deutschen Bücherei eingelassen werden wollten, mit Fäusten gegen die Türen hämmerten. Im Osten war sie nur selten vor Publikum zu erleben. Nach der Unterzeichnung der Biermann-Petition 1976 erschienen zwar ihre Bücher weiter, doch wurde sie nicht in Rundfunk oder Presse interviewt.

Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war ein Bruch, an dem sich der weitere Weg für viele Künstler und Intellektuelle in der DDR entschied. Gerhard Wolf wurde nach dem Protest aus der SED ausgeschlossen, Christa Wolf, die eigentlich dieselbe Strafe einforderte (dokumentiert in „In Sachen Biermann“, Ch. Links Verlag 1994), erhielt eine strenge Rüge durch die SED-Parteileitung des Berliner Schriftstellerverbandes und trat aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR aus. Drei Jahre später gehörte sie zu den wenigen, die beim Tribunal zum Ausschluss von neun Schriftstellern, darunter Stefan Heym und Klaus Schlesinger, ihre Stimme gegen das ganze Verfahren erhob (nachzulesen in „Protokoll eines Tribunals“, Rowohlt 1991). Daran sei erinnert, wer sie Staatsdichterin nennt, weil sie das Land nicht verlassen mochte.

1980 erkennt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Christa Wolf den Georg-Büchner-Preis zu. In ihrer Dankrede bezieht sie sich auf den Namensgeber der renommierten Auszeichnung. Doch wird dabei deutlich, dass sie auch das Dilemma meint, in einem Staat zu leben, der Meinungen kontrolliert: „Wir sind die ersten nicht. An den Bruchstellen zwischen den Zeiten wird gebrochen: der Mut, das Rückgrat, die Hoffnung, die Unmittelbarkeit: Vieles, was zum Sprechenkönnen nötig ist. In die Hohlräume springt die Angst. Vorläufer in der Dichtung sind fast immer auch Vorempfinder einer Angst, die später über viele kommt.“

Eine kurze Episode nur bildet der Bruch durch den Biermann-Protest in dem Buch „Umbrüche und Wendezeiten“, sie führt den Interviewer zur Frage, ob Christa Wolf noch an eine Reformierbarkeit der DDR geglaubt hatte. Erst Gorbatschows Perestroika habe ihr wieder Hoffnung gegeben, sagt die Schriftstellerin.

In der Ost-Berliner Erlöserkirche fand im Oktober 1989 eine Veranstaltung statt unter dem Motto: Gegen den Schlaf der Vernunft.Auch Christa Wolf trat ans Mikrofon.
Foto: imago stock&people

Nichts mehr einfach als gegeben hinnehmen

Das bei der Preisverleihung in Darmstadt geforderte Wieder-Sprechenkönnen ist neun Jahre später also ihr Thema auf dem Alexanderplatz. „Die Sprache springt aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus, in das sie eingewickelt war, und erinnert sich ihrer Gefühlswörter. Eines davon ist ,Traum‘.“

Das Buch zeigt in Fragen und Antworten, wie schnell sich die Veränderungen vollzogen, und auch, wie die nun einmal beteiligte Schriftstellerin dabei bleiben möchte – zeitweise. Zum freien Sprechen gehört, nichts mehr einfach als gegeben hinzunehmen. Wie ihre Schriftstellerkollegen Christoph Hein und Daniela Dahn schließt Wolf sich der Untersuchungskommission zur Aufklärung der polizeilichen Übergriffe am 40. Jahrestag der DDR an. Sie protokolliert, was geschlagene und bedrängte Demonstranten erzählen, sie erlebt, wie Funktionäre lügen oder ihre Aussagen verweigern, bedauert, dass nach der deutschen Vereinigung sich kein Politiker für die Arbeit der Kommission interessierte.

Aus den Reaktionen auf den 4. November weiß Christa Wolf, dass ihre Stimme Gewicht hat. Innerhalb eines Monats formuliert sie – unterstützt von Bürgerrechtlern aus der Kirche, Kultur und Wissenschaft – zwei Aufrufe. Diese wiedergebend und im Gespräch behandelnd, wirkt „Umbrüche und Wendezeiten“ wie eine kommentierte Chronik der Ereignisse. „Fassen Sie Vertrauen“ ist die Kernaussage eines Appells an die Bürger, nicht weiter die DDR zu verlassen. „Wir stehen erst am Anfang des grundlegenden Wandels in unserem Land.“ Dass die Schriftstellerin damit ausgerechnet am 8. November 1989 in der „Aktuellen Kamera“ im Fernsehen auftritt, kann man heute nur tragisch nennen, denn der eigentliche Strom Richtung Westen setzte erst nach dem Fall der Mauer am Folgetag ein. Vor allem junge Leute gingen, die später fehlten. Berühmter wurde der Aufruf „Für unser Land“, den der nicht minder prominente Schriftsteller Stefan Heym am 28. November auf einer Pressekonferenz verlas. Damals, als die BRD-Regierung bereits in einem Zehn-Punkte-Plan die Entwicklung der deutsch-deutschen Beziehungen organisierte, beschwor dieser Aufruf noch eine eigenständige DDR.

(K)ein Festhalten an alten Strukturen

Interessant an Christa Wolfs Interpretation viele Jahre später sind vor allem zwei Dinge. Es sei, sagt sie, „wahrscheinlich ein Fehler“ gewesen, darauf zu bestehen, „wenigstens einmal das Wort ,sozialistisch‘“ zu verwenden. Interpretiert wurde der Vorschlag einer „sozialistischen Alternative“ als ein Festhalten an alten Strukturen. Dies schien zu bekräftigen, „dass sich Egon Krenz sofort zur Unterschrift unter unseren Aufruf gedrängt sah“. Christa Wolf urteilt: „Das war wieder so eine große politische Dummheit, ja Blödheit von ihm.“ Weiter: „Mit seiner Unterschrift war das Vorhaben desavouiert.“ Egon Krenz mag sich selbst als Reformer im Vergleich zu Erich Honecker gesehen haben. Dagegen standen seine bisherige Karriere wie auch die ersten Wochen seiner Amtszeit.

Sarah Kirsch fragt am 27. Januar 1990 in einem Brief an Christa und Gerhard Wolf: „Und was macht die Revolution? Müßt Ihr immer noch regieren oder schaffen es die anderen schon ohne Euch? Wäre ja besser im Interesse der eigentlichen Arbeit!“ Tatsächlich zog sich Christa Wolf von dieser Art des öffentlichen Auftretens wieder zurück, besuchte aber noch Lesungen und Tagungen.

Bedrückend liest sich, wie sie von einer Veranstaltung der Bertelsmann-Stiftung 1990 in Cecilienhof erzählt. Ein Mann, von dem sie nicht wusste, wer er war, hielt sie in einer Pause fest und kündigte an: „Politisch werden Sie jetzt eliminiert.“

Was folgte, waren zwei Wellen eines sogenannten Literaturstreits, die Auseinandersetzung um ihre Erzählung „Was bleibt“ und die Skandalisierung ihrer Stasi-Akte, von der Christa Wolf am 21.1.1993 in der Berliner Zeitung Auskunft gab. Zwischen den Untersuchungs- und Spitzelberichten über sie und ihren Mann fand sich eine schmale Mappe mit Dokumenten aus drei Jahren, die ihr als „Gesellschaftlicher Informant“ zugeordnet waren. Was folgte, kann man in anderen Büchern nachlesen, in „Akteneinsicht Christa Wolf“ (Luchterhand 1993) und in ihrem 2010 erschienen Roman „Stadt der Engel“.

Die Losungen der friedlichen Demonstranten

Mit der Frage nach einer Utopie schließt das Gesprächsbuch. Es aber utopisch zu nennen, dass Christa Wolf in diesem Lang-Interview vor elf Jahren ausdrücklich vor dem Artensterben und dem CO2-Ausstoß warnt, missachtet, wie viele Jahre die gegenwärtigen Probleme schon Zeit zum Wachsen hatten. „Im Grunde müsste die ganze Menschheit, müssten wir alle unsere Kräfte darauf konzentrieren“, sagt sie, „und nicht darauf, dass immer mehr produziert wird, noch mehr Autos, noch mehr Kleidung…“

Ein Foto vom 4. November 1989 ist auf dem Buchumschlag abgebildet. Man sieht Christa Wolf in ihrem dunklen Trenchcoat und der hellen Brille. Ihre Rede von damals beschwört die Stimmung jener Tage und Wochen herauf, wenn sie die Losungen der friedlichen Demonstranten zitiert.

Und dann ist da ein Satz, der an die jüngste Zeit denken lässt, an die nach mehreren Landtagswahlen entstandene neue Dialog-Bewegung. An jene Initiativen, die zeigen wollen, dass es möglich und wichtig ist, seine Gedanken mit anderen zu teilen. Es ist ein Satz für eine friedliche Revolution: „So viel wie in diesen Wochen ist in unserem Land noch nie geredet worden, noch nie mit dieser Leidenschaft, mit so viel Zorn und Trauer, aber auch mit so viel Hoffnung.“