Freie Kunstszene streitet mit Kulturverwaltung über Beschaffung von Immobilien

Berlin - Es ist tragisch, sagt Chris Benedek vom Sprecherkreis der Koalition der freien Szene. „Und dabei ist es noch nie so gut gelaufen, wie zur Zeit“, ergänzt Matthias Mayer vom Netzwerk Berliner Projekträume. „Wir haben neun Räume in der Entwicklung und sollen jetzt einfach den Griffel fallen lassen!“

Die Koalition der freien Szene hat am Dienstag zur Pressekonferenz in die Lettrétage am Mehringdamm geladen, weil es zwischen ihr und der Senatsverwaltung für Kultur einen Konflikt über die Strategie der Raumbeschaffung für freie Künstler gibt.

Das Arbeitsraumprogramm

Und staatliche Raumbeschaffung ist für beide Seiten essenziell. Für Künstler aller Sparten, weil sie keine gewerblichen Mieten bezahlen können. Für Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke), weil er im Koalitionsvertrag zusichert, in dieser Amtszeit 2000 neue Kunst-Räume zu schaffen, und seither erst 50 davon gefunden, aber derweil über 400 an den freien Markt verloren hat. Darüber, dass das System, das momentan für die Beantwortung der Raumfrage zuständig ist, den Anforderungen nicht gerecht wird, sind sich beide Seiten einig. Der Dissens besteht in der Problemanalyse und vor allem: den Konsequenzen. 

Noch unter der vorigen Regierung wurde das für die Bildende Kunst seit Jahrzehnten bestehende Atelierprogramm in ein „Arbeitsraumprogramm“ überführt. Darin sind auch sechs von anderen Kunstsparten entsandte Raumkoordinatoren tätig und bemühen sich mit der (für Berlin treuhänderisch tätigen) Gesellschaft für Stadtentwicklung und der Kulturverwaltung um Obdach für Kunst – teils durch Anmietung, teils durch Ankauf wie jüngst im Fall des Radialsystems. Dass dabei alles langsam geht, sieht die Szene als Folge einer Überlastung aller Beteiligten, der durch zusätzliche Mittel und Personen abgeholfen werden könnte, durchaus auch durch eine weitere Instanz, die aber an die bisherige Struktur angedockt werden müsste. 

Schaffung voller Stellen

Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert sieht das Problem eher in der Überforderung der bisherigen Akteure. Letzte Woche hat er der freien Szene jetzt ein Modell vorgestellt, das sich „Kulturraumprogramm“ nennt und im Kern eine Auslagerung der Exekutive an die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) vorsieht, die alle Kultur-Immobilien des Landes verwaltet, von der Alten Münze bis zur Volksbühne.

Auch die Schaffung von drei bis fünf vollen Stellen ist vorgesehen – alles in allem will sich die Kulturverwaltung die Raumbeschaffung durch die BIM eine halbe Million Euro im Jahr kosten lassen, so die Koalition der freien Szene. In die jetzige Struktur flössen nur etwa die Hälfte und davon die Hälfte in Honorarverträge mit den nur auf Teilzeitbasis tätigen Koordinatoren.

Ohne Handlungsmacht

Das klingt nach Professionalisierung – was spricht dagegen? Dagegen spricht für die freie Szene die Erfahrung, dass Räume für Kunst nicht am Schreibtisch gefunden werden, sondern nur durch Suche und Kontakte. Und dass sich die Miete sofort erhöht, wenn vor Vertragsschluss ein Apparat in Bewegung gesetzt werden muss. „Wir fürchten, dass die BIM versuchen wird, die Anforderung mit großen, landeseigenen Kästen an der Peripherie zu erfüllen“, sagt der Atelierbeauftragte Martin Schwegmann. „Aber es geht nicht um Flächen, es geht um Orte.“

Die Szene darf ihre Expertise im vorliegenden Entwurf zwar weiterhin einbringen, aber nur in einem Beirat, ohne Handlungsmacht. „Scheinpartizipation“ ist der einhellige Vorwurf. Natürlich könnten sich die bisherigen Koordinatoren auf die Stellen bewerben. Aber da wären sie weisungsgebundene Projektmanager und keine Raumscouts mehr.

Verzweiflungssteigernd kommt für die Szene hinzu, dass die Verträge der Koordinatoren schon jetzt enden, mitten in der Arbeit also, und es erst ab 2020 zu dem neuen Modell kommen kann. Bis dahin soll mit Projektverträgen überbrückt und in drei Workshops bis Juni 2019 die endgültige Struktur des Kulturraumprogrammes festgeklopft werden. 

Eine Vision

Der Grünenpolitiker Notker Schweikhardt, der zur Beobachtung in die Lettrétage gekommen ist, schüttelt über den Entwurf der Kulturverwaltung den Kopf. Anstatt mit Anmietungen den privaten Immobilienmarkt zu vergolden, müsse man großflächig ankaufen, findet er. Und als Sofortmaßnahme könnte der Flughafen Tempelhof für die nächsten Jahre in das größte Atelierhaus der Welt verwandelt werden.

Im Einbezug der BIM erkennt er nur einen einzigen Vorteil: Den, dass die mit dem spartensspezifisch ausdifferenzierten „Arbeitsraumprogramm“ überforderte Kulturverwaltung ihre Verantwortung für die Raumbeschaffung erstmal los wird.