Esty (Shira Haas) ist nach Berlin abgehauen, sie hat genug von der konservativen Welt.
Foto: Netflix/Anika Molnar

BerlinEigentlich wird Esther, genannt Esty, zum Schabbat bei der Familie ihres Mannes erwartet. Doch die junge Frau, kaum volljährig und seit einem Jahr mit Yakov verheiratet, taucht nicht auf. Denn Esty (Shira Haas) ist abgehauen, ausgebrochen aus der Welt der ultraorthodoxen Satmarer in Brooklyn, mit ihren strengen Regeln und Rollenbildern. So wie es vor Jahren auch schon ihre Mutter getan hat, als sie es nicht mehr aushielt, dass diese Ausprägung des jüdischen Glaubens Frauen praktisch ans Haus fesselt und vor allem darauf reduziert, Kinder zu gebären.

So beginnt die neue deutsche Netflix-Produktion „Unorthodox“, eine vierteilige Adaption des gleichnamigen Romans von Deborah Feldman, die darin ihre eigene Geschichte verarbeitete. Feldman lebt heute in Berlin, und dorthin verschlägt es – auf den Spuren der beinahe fremden Mutter – gleich zu Beginn der Serie auch Esty, mit nicht mehr als den Kleidern an ihrem Leib, einigen heimlich gesparten Euro und einem der tragischen Familiengeschichte verdankten deutschen Pass. Schnell legt sie die bei Satmarern verordnete Perücke ab, findet Anschluss an eine Clique junger, internationaler Wahlberliner und entdeckt die befreiende Kraft der klassischen Musik. Natürlich sieht die verlassene Gemeinde in New York nicht einfach dabei zu, wie eines ihrer Schäfchen einfach verschwindet.

Der Trailer der neuen Netflix-Serie „Unorthodox“.

Video: Netflix

Neugier und Furcht

Und so wird nicht nur Ehemann Yakov (Amit Rahav), sondern auch dessen wenig zimperlicher, selbst oft mit seiner Religion in Konflikt geratene Cousin Moishe (Jeff Wilbusch) nach Berlin geschickt, um die Situation zu klären. Was auch immer das bedeutet … Mit einer Mischung aus Neugier und Furcht entdeckt Esty eine Welt, in der ihr alles fremd ist, was für ihre Altersgenossinnen selbstverständlich ist, von Alkohol und Internet bis hin zu unbeschwerter, selbstbestimmter Sexualität. Wie Hauptdarstellerin Shira Haas – in ihrer Heimat Israel durch „Shtisel“, eine weitere Netflix-Serie, bekannt geworden und auch schon in Filmen mit Natalie Portman, Jessica Chastain oder Rooney Mara zu sehen gewesen – das spielt, ist alleine schon das Einschalten wert. So eindringlich und unmittelbar macht sie das von den oft überwältigenden Eindrücken erschütterte Innenleben ihrer Figur, dass man den Blick kaum von ihr abwenden kann. Und der Kamera geht es ganz offensichtlich ähnlich.

Nicht alle Elemente in Estys Selbstbefreiung und Selbstfindung sind unbedingt überraschend, und für das sonnendurchflutete Berlin-Bild in „Unorthodox“, in dem gleichwohl die deutsch-jüdische Geschichte stets präsent ist, gilt das gleiche. Allerdings ist es geschickt, wie Regisseurin Maria Schrader, die schon in „Vor der Morgenröte“ mit dem Thema Exil beschäftigt war, und die Drehbuchautorinnen Anna Winger („Deutschland 83“) und Alexa Karolinski („Bella & Oma“) immer wieder in Rückblenden die Vorgeschichte einweben, von der Anbahnung der arrangierten Ehe über heimliche Klavierstunden bis letztendlich zur Flucht. Überhaupt ist es der Blick der Macherinnen auf ihre Protagonistin und deren sehr spezieller, uns gemeinhin verschlossener Welt, die diese sehenswerte Serie – in der übrigens größtenteils Jiddisch gesprochen wird – von der Masse abhebt: verständnisvoll und empathisch, kenntnisreich und durchaus kritisch, aber nie oberlehrerhaft oder verurteilend.

Unorthodox

vier Episoden á 50 Min., Netflix