Eine Szene aus dem Film „Der Bär in mir“.
Foto: MFA+ FilmDistribution e.K.

BerlinWas ist das nur mit diesen Bären? Es gibt den Gummibär und den Teddybär, den Berliner Bär und den Russischen Bär. Es gibt den Bär Pu, Titelheld eines Kinderbuchs, und den Bär Balou aus „Das Dschungelbuch“ sowie den digitalen Bär in „The Revenant“. Es gibt den ach so niedlichen Koalabär und den nicht minder doofen Pandabär. Es gibt den kleinen Eisbär und den großen Problembär, obwohl die beiden sich, denkt man an das traurige Schicksal von Knut in Berlin und Bruno in Bayern, letztlich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Und es stimmt, den Bärendreck, mancherorts prosaisch Lakritz genannt, gibt es natürlich auch.

Außerdem gibt es noch jene Bären, die hoch droben in Alaska in der freien Wildbahn im Katmai-Nationalpark leben, in der sogenannten „unberührten Natur“, die aber auch, vor allem während der Sommermonate, heimgesucht werden von Wissenschaftlern, Forschern, Parkaufsehern und Förstern sowie von Extremtouristen und Grenzgängern aller Art mit mehr oder minder seltsamen Motiven. Unter anderem hält sich dort schon seit Jahren allsommerlich auch der Schweizer David Bittner auf, der Protagonist in Roman Droux‘ Dokumentarfilm „Der Bär in mir“.

Sie könnten ihm mit einem Prankenhieb das Genick brechen

Bittner sucht die Nähe der dort lebenden Braunbären, die zu den größten an Land lebenden Raubtieren der Erde zählen. Er mag promovierter Biologe sein, sein Treiben vor Ort wirkt eher wie das eines wagemütigen Abenteurers: So gibt er den Bären Namen, vermenschlicht sie, wenn er ihr Verhalten kommentiert. Er lässt sie viel zu nahe an sich herankommen und gluckst vor Glück, wenn einer ein paar Meter neben ihm Platz nimmt und furzt. Kurz, Bittner ist, und er macht daraus kein Hehl, bis über beide Ohren verliebt in diese Riesenviecher, die übermannshoch und tonnenschwer werden und ihm mit einem Prankenhieb das Genick brechen könnten.

Da fällt einem Timothy Treadwell ein, der selbsternannte Bärenschützer, der just im gleichen Areal jahrelang die Sommermonate verbrachte, bis er und seine Freundin 2003 schließlich von einem Bären angefallen und gefressen wurden. Werner Herzog, der ja immer wieder als großmeisterlicher Dokumentarist des Abseitigen in Erscheinung tritt, hat Treadwell 2005 mit „Grizzly Man“ ein Denkmal gesetzt. Ein Vergleich der beiden Filme lohnt sich.

Denn „Grizzly Man“ erzählt Treadwells Geschichte mithilfe von dessen eigenem, vor Ort gesammelten Material, an das Herzog einen Kommentar anlegt, der das Neurotische seines Verhaltens anspricht, ohne den Mann der Lächerlichkeit preiszugeben. Herzog zeigt, wie Treadwell die Grenze zum Wildtier immer wieder massiv verletzt; wie er seine Mission als Vorwand zur Selbstinzenierung nutzt und wie ihn die Ablehnung der menschlichen Zivilisation dazu treibt, Gefahren einzugehen, in denen er am Ende umkommt.

Der Vergleich mit Werner Herzogs „Grizzly Man“ lohnt sich

Auch Bittner, der den freiberuflichen Filmschaffenden Droux in „seine Welt“ mitnimmt und damit dem Publikum die sprichwörtlichen „intimen Einblicke“ gewährt, scheint in der Begegnung mit den Bären eine Art Wiederbegegnung mit dem verschütteten Animalischen in sich selbst zu suchen, eine verlorengegangene Ganzheit. Wo Herzog jedoch mittels Montage und Kommentar die Vergeblichkeit dieser Suche sichtbar macht und die tiefe, ja tödliche Kluft offenlegt, welche die beiden Spezien voneinander trennt, sammelt Droux beeindruckende Bilder, die nicht nur das Leben der Raubtiere aus der Nähe zeigen, sondern auch ein von Respekt getragenes, harmonisches Beieinander von Mensch und Bär möglich erscheinen lassen.

Wenn im Kommentar dann auch noch ernsthaft vom „Einssein mit der Natur“ die Rede ist, begibt „Der Bär in mir“ sich in eine gefährliche Nähe zum Kitsch. Und zugleich auch in den Bereich jener boomenden Mainstream-Naturfilme, in denen eine Art Wehmutsgestus gegenüber der untergehenden Schönheit der Natur bereits wie routinemäßig beschworen wird. Dabei kommt der gesamte Fuhrpark des emotionalen Überwältigungskinos zum Einsatz: Hightech-Kameras, Superzeitlupe, Makroaufnahmen, Drohnenflüge, sinfonische Musik und ein pathetisches Voiceover, das sich nicht selten an der vermenschlichenden Interpretation des gezeigten tierischen Verhaltens abarbeitet.

Sicherlich wollen diese Filme das Bewusstsein des Publikums sensibilisieren für das, was global auf dem Spiel steht. Eben deswegen wirken sie mitunter aber auch so verlogen. Selbst wenn der Blick, den Bittner und Droux auf die Bären richten, die grausame Funktionsweise der Natur – Fressen und Gefressenwerden - nicht ausspart, ist es doch ein verklärender. Den Grund der Entfremdung, jene Krankheit, die den ganzen Planeten umzubringen droht, spricht er nicht an.

Der Bär in mir, Schweiz 2019. Regie, Drehbuch: Roman Droux, Kamera: Roman Droux, David Bittner, R. Terry, Musik: Sandra Stadler, Bänz Isler, 91 Minuten, Farbe.