Gastarbeiter aus Vietnam sind am Berliner Ostbahnhof eingetroffen (1973).
Foto: dpa/Horst Sturm

Berlin-WeddingEin Konzertsaal zu Zeiten der DDR: Auf der einen Seite sitzen vietnamesische Vertragsarbeiter, auf der anderen musiziert die Lautengilde eines Thüringer Fernmeldewerks.
Der Anlass ist die Begrüßung der neuen Kollegen, sie sollen mit ihrer Arbeit das Werk unterstützen.

Unter dem Stichwort der internationalen Solidarität mit dem sozialistischen Vietnam wurden sie eingeladen und sollen nun zu Facharbeitern ausgebildet werden.

Ein Reporter stellt den jungen Männern Fragen und wird dabei nicht müde, nachzubohren, wer Deutsch sprechen kann.
Der Beitrag, der  im DDR-Fernsehen lief, wirkt gleichermaßen übergriffig wie utopisch.

Die Gesichter der Musiker werden immer wieder den Gesichtern der Vertragsarbeiter gegenübergestellt, als blickten sie sich innig und voll unverbrüchlicher Freundschaft an. Merke: Im Sozialismus sind sich alle nah.

Seit Anfang der 50er-Jahre hatten Vertragsarbeiter und -arbeiterinnen sowie ausländische Studierende zum internationalistischen Image und zum Wohlstand der DDR beigetragen. Mit dem Fall der Mauer wurden die Kollegen praktisch über Nacht Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt und nicht selten auch Adressaten von verbaler und physischer Gewalt.

Mit dem Fall der Mauer wurden ausländische Kollegen über Nacht Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt

Unter dem Titel „Freundschaft auf Zeit“ sind bis zum 22. November im Kino bi’bak (Türkisch: Schau mal) im Wedding Dokumentarfilme und TV-Beiträge zum Schicksal der Vertragsarbeiter in der DDR zu sehen, von denen zur Wendezeit zirka 150000 im Osten Deutschlands lebten. Zusammengestellt wurde die Reihe von Tobias Hering und Sun-ju Choi.

Der Beitrag über die vietnamesischen Arbeiter in Thüringen lief am Eröffnungsabend in einer Filmrolle mit Fernsehbeiträgen aus der Zeit von 1964 bis 1980. Im Spannungsfeld von Propaganda und DDR-Internationalismus entwickelte sich im Anschluss ein Gespräch mit Massimo Perinelli (Referent für Migration der Rosa-Luxemburg-Stiftung).

Das Publikum des Abends fand im DDR-Fernsehen ambivalente Signale: Die Utopie der Völkerverständigung ist für einige bis heute spürbar, gleichermaßen wurden derlei Sendungen als politisches Mittel zum Zweck der politischen Indoktrination empfunden. Eine internationalistische Nähe wie in der Konzertmontage sei im Westfernsehen undenkbar gewesen, sagte ein Zuschauer.

Rassismus in der DDR

Rassismus gegenüber Vertragsarbeitern sei während der gesamten Zeit ihrer Anwesenheit in der DDR  Alltag gewesen, lautete der Tenor der Diskussion.  

Ausländische Menschen in der DDR hätten in zugangsbeschränkten Wohnheimen gewohnt und seien nie in einen zwanglosen Kontakt mit der Bevölkerung gekommen.

Emanzipatorische Bürgerbewegungen habe es nicht gegeben, die Einheitsgewerkschaft unterstützte nur deutsche Arbeitskräfte. Massimo Perinelli wies an dem Abend auf eine Rhetorik hin, die es zu brechen gelte, das Verharren auf der Parteipolitik als alleinigem Gradmesser für das Leben in der DDR.

Es gelte stattdessen zu betrachten, wie Menschen unmittelbar miteinander umgingen – und welche Folgen damalige gesellschaftliche Strukturen bis heute für das Miteinander haben.