Ohne Snowden wär das nicht passiert. Zum ersten Mal in seiner ehrwürdigen Geschichte erhält kein Mann des klassischen Buches, sondern ein Vertreter der digitalen Generation den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Mit dem amerikanische Internetpionier, Informatiker, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier (54) wird „ein Pionier der digitalen Welt und zugleich einer ihrer wichtigsten Kritiker“ geehrt, sagte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, am Donnerstag zur Eröffnung der Buchtage Berlin. Die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung wird zum Abschluss der Buchmesse am 12. Oktober in der Frankfurter Paulskirche verliehen.

Nach der russlandkritischen Weißrussin Swetlana Alexijewitsch, die den seit 1950 vergebenen Friedenspreis 2013 erhielt, dem chinesische Dissidenten Liao Yiwu (2012), dem Algerier Boualem Sansal (2011) und dem israelischen Schriftsteller David Grossman (2010) fügt sich der multimedial umtriebige Internet-Professor in die Reihe von schriftstellernden Aufklärern und Systemkritikern auf der Höhe der Zeit. Fehlt nur noch, dass Edward Snowden, wie bereits von einer Initiative des Internationalen Literaturfestivals Berlin angedacht, den Friedensnobelpreis erhält.

In einer Reihe der Systemkritiker

Der Stiftungsrat des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels begründet seine mutige Entscheidung denn auch mit Laniers letztlich humanistischem Engagement: „Eindringlich weist Jaron Lanier auf die Gefahren hin, die unserer offenen Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird und wenn Menschen, trotz eines Gewinns an Vielfalt und Freiheit, auf digitale Kategorien reduziert werden.

Mit der Forderung, dem schöpferischen Beitrag des Einzelnen im Internet einen nachhaltigen und ökonomischen Wert zu sichern, setzt Lanier sich für das Bewahren der humanen Werte ein, die Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens auch in der digitalen Welt sind.“ Laniers Buch „Wem gehört die Zukunft?“ sei ein Appell, wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein und der digitalen Welt Strukturen vorzugeben, die die Rechte des Individuums beachten und die demokratische Teilhabe aller fördern.

Der 1960 in New York City geborene Lanier begann seine Karriere als quirliges Universalgenie und Berkeley-Professor zunächst als Schulabbrecher. Der hochqualifizierte Nerd besuchte Vorlesungen in Mathematik und wurde Informatikexperte. Er gilt als Vater des Begriffs der „virtuellen Realität“ und der des „Avatars“, er erfand 1883 das Videospiel „Moondust“, initiierte internet-basierte Computernetzwerke, konstruierte virtuelle Kameras, 3D-Grafiken für Kinofilme und beriet Steven Spielberg bei „Minority Report“. Das von ihm1984 gegründete (und 1990 bankrott an Microsoft verkaufte) Unternehmen VPL Research diente dem Vertrieb von seinerzeit als futuristische Visionen zu verstehenden Virtual-Reality-Artikeln wie Datenhandschuhe, Augentelephone und Elektonikleibchen.

Lanier tritt auch als Pianist und Musiker mit seltsamen asiatischen Wind- und Harfeninstrumenten auf, spielte im Umfeld der Minimalmusik mit Yoko Ono, Philip Glass, Ornette Coleman, Terry Riley und komponierte Film-Soundtracks.

Die verspielte Technik- und Netzeuphorie der 80er ist längst einer fundierten Kritik des Internets gewichen. Inzwischen vertritt Lanier die Meinung, dass die Umsonst-Mentalität der Netzbenutzer die Kreativen enteigne und plädiert ganz konservativ für Bezahlmodelle. „Intellektuelle Leistung muss wieder belohnt werden.“ In einem Spiegel-Interview sagte er: „Wenn alles Immaterielle gratis ist, werden wir alle zu digitalen Bauern, die für Lords der digitalen Wolken wie Google oder YouTube kostenlose Inhalte bereitstellen. Wenn man aber eine dynamische Welt will, in der jeder noch selbst erfinden, denken und seinen eigenen Weg suchen darf, brauchen wir Kapitalismus – gerade auch für den Geist.“

Dynamik der Meute

Bereits in seinem Buch „You Are Not a Gadget“ („Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht“. Suhrkamp 2010) warnte er vor dem Kult des Kollektivs und einer „Diktatur des Durchschnitts“. In der Schwarmintelligenz, wie sie Wikipedia oder Google verkörpere, sieht er die Gefahr des digitalen Mobs. „Das Internet bringt das Schlechteste im Menschen hervor. Auch mir ist das schon passiert. Offenbar ähneln Menschen Hunden: Im Rudel neigen sie zu einer sehr gefährlichen Bösartigkeit und Selbstausbeutung“, sagte er 2010 der Süddeutschen Zeitung.

In seinem Essay „Digital Maoism“ erklärte Lanier die „Weisheit der Vielen“ (Ray Kurzweil) für eine gefährliche Illusion. Google sei „das Äquivalent zur Kommunistischen Partei“, die ja auch anti-individualistisch und anti-intellektuell sei, oder gleich wie China:„Beide wollen Kontrolle über die Kommunikation, beide haben keine Lösungen für die Zukunft.“ Auch im Essay, den die FAZ wohl nicht ganz zufällig am Montag dieser Woche veröffentlichte, warnt Lanier vor der „zentralisierenden Macht“ gigantischer Unternehmen, die unseren Individualismus gefährden. Ganz im Sinne des Friedenspreises also.

(Mit dpa, google und wikipedia)