Frankfurt - Tränen in der Frankfurter Paulskirche: So ein bewegendes Finale hat wohl noch keine Friedenspreisverleihung gefunden. Auf den Applaus möge man verzichten, bat Preisträger Navid Kermani, und statt dessen gemeinsam beten oder wünschen, dass die Geiseln des Islamischen Staates befreit werden und der Krieg in Syrien und im Irak ein Ende finde. „Gerne können Sie sich dafür auch erheben, damit wir den Snuffvideos der Terroristen“ – also den Videos von Ermordungen – „ein Bild unserer Brüderlichkeit entgegenhalten.“

Da erhob sich die Festversammlung im stillen Gedenken. Nicht wenige wischten sich die Tränen aus den Augen. Auch Kermani selbst war gezeichnet von der bewegenden Geschichte, die er vorgetragen hatte. Diese handelte von Pater Jacques Mourad, der als Christ in Syrien den Muslimen beisteht, von den Terroristen des Islamischen Staates mitsamt seiner kleinen christlichen Gemeinde entführt wird und der schließlich von Muslimen in einer Nacht- und Nebel-Aktion aus seinem Martyrium befreit wird – und der sich nun sorgt um den Rest der Gemeinde.

Schriftsteller und Orientalist aus Köln

Kermani rief in seiner Ansprache eindringlich dazu auf, dem Islamischen Staat endlich entschlossen entgegenzutreten. Der Schriftsteller und Orientalist aus Köln, der einen deutschen und einen iranischen Pass hat, mahnte inständig, nicht länger wegzuschauen und sich mit dem ‚religiösen Faschismus“ abzufinden: „Der IS wird den Horror so lange steigern, bis wir in unserem europäischen Alltag sehen, hören, fühlen, dass der Horror nicht von selbst aufhören wird.“ Er zitierte den katholischen Bischof von Mossul: „Heute sind sie bei uns. Morgen werden sie bei euch sein.“

Was aber tun? Er rufe als Friedenspreisträger nicht zum Krieg auf, sagte Kermani. Allerdings weise er darauf hin, dass es einen Krieg gebe – „ und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlich.“ Der IS sei mit seinen 30000 Kämpfern auf einem Gebiet von der Größe Großbritanniens „für die Weltgemeinschaft nicht unbesiegbar“. Wahrscheinlich werde man Fehler begehen. „Aber den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer Haustüre tun, den des »Islamischen Staates« und den des Assad-Regimes.“

Der Islam führt einen Krieg gegen sich selbst

Es sei nicht „der“ Islam, der gegen den Westen einen Krieg führe. Eher führe der Islam einen Krieg gegen sich selbst. Die inneren Auseinandersetzungen lösten Verwerfungen aus, die an jene des Ersten Weltkriegs heranreichten. Wer als Muslim heute nicht mit dem Islam hadere, so Kermani, ihn nicht i kritisch befrage, der liebe ihn nicht.

Der Autor muslimischen Glaubens, der zuletzt mit „Ungläubiges Staunen“ einen Band zur christlichen Kunst und Religion veröffentlicht hat, sieht den Islam an einem Endpunkt eines langen Niedergangs angekommen – „eines Niedergangs auch und gerade des religiösen Denkens“. Dazu gehöre der Verlust an Kreativität und Freiheit. Noch während seines Studiums sei es selbstverständlich gewesen, den Koran als poetischen Text zu analysieren. Mittlerweile aber sei sein Professor wegen dieses Ansatzes abgesetzt, angeklagt und zwangsgeschieden worden.

Den Niedergang führt Kermani zurück auf den Wahhabismus, der in Saudi Arabien gelehrt und vom IS befolgt werde. Vor diesem Hintergrund beklagt er, dass nicht gefragt werde, „warum unser engster Partner im Nahen Osten ausgerechnet Saudi Arabien ist.“

Verlust des kulturellen Gedächtnisses

Kermanis niederschmetternde Erkenntnis: „Es gibt keine islamische Kultur mehr, jedenfalls keine von Rang.“ Was uns um die Ohren und auf die Köpfe fliege, seien „die Trümmer einer gewaltigen geistigen Implosion“. Vielleicht sei das Problem des Islams weniger die Tradition, sondern der vollständige Bruch mit dieser Tradition, also der Verlust des kulturellen Gedächtnisses. „Vielleicht hätten wir weniger auf den Islam unserer Großdenker als auf den Islam unserer Großmütter hören sollen.“

Ein Brandrede der leisen Art war das, denn Kermani ist kein Redner der lauten Töne. Als Schriftsteller, der das politische Engagement lebt, malte er ein beklemmend düsteres Bild. Doch sagte er auch: „Es gibt immer Hoffnung.“ Und der Applaus des Publikums brandete am Ende doch noch auf, nach der Schweigeminute.