Der Schriftsteller Friedrich Ani ist einer der produktivsten und besten Krimiautoren des Landes. In einem guten Dutzend Romanen hat er seinen Ermittler Tabor Süden vermisste Menschen suchen lassen. Er hat Drehbücher geschrieben, unter anderen für den „Tatort“ und für Filme von Dominik Graf. Dazu kommen Hörspiele, Jugendbücher, Gedichte. Unlängst ist der 58-jährige Münchner mit seiner neuen Hauptfigur, dem Kommissar Jakob Franck, zum Suhrkamp Verlag in Berlin gewechselt, wo er nun auch seinen Roman „Ermordung des Glücks“ herausbringt. Ein Kind ist verschwunden. 34 Tage später wird die Leiche des elfjährigen Lennard an der Isar bei München gefunden. Jakob Franck, Anfang sechzig und allein lebend, überbringt der Mutter die furchtbarste aller Nachrichten. Und er beginnt zu ermitteln. War es ein Unfall? Oder ein Verbrechen?

Herr Ani, Ihr vorheriges Buch, „Der namenlose Tag“, das sich um den Suizid eines 17-jährigen Mädchens drehte, war schon traurig, jetzt aber wird die Qual der Mutter des Jungen nahezu unerträglich.

Ich fange ein Buch nicht mit der Absicht an, immer noch mehr Finsternis in den Text hineinzuschaufeln. Überhaupt nicht. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, ob ich wieder von einem Kind erzähle, mir ging es um die Familie und viel stärker noch als im ersten Roman um die Innenwelten der Angehörigen und auch des Kommissars. Ich möchte einfach Geschichten erzählen, die mich umtreiben und die sind meist geprägt von Schmerz und Verlassenheit.

Am Ende des Romans gibt es eine Szene, in der die Mutter des Kindes wie ein Gespenst durch die Stadt irrt, Tanja Grabbe „kippt aus der Welt“, heißt es da.

Die Frau ist in dieser Nacht unterwegs in den Tod. Sie will sich umbringen und das klappt aus einem banalen Grund nicht. Sie hat sich längst verabschiedet und jetzt träumt sie sich ein bisschen davon. Für mich ist das ein weiterer Schritt zum Roman noir. Ich weiß schon, dass das schwer ist und für einen Krimi vielleicht auch starker Tobak. Ich möchte, dass die Leser die Frau gern haben und sie festhalten.

So wie der Kommissar im ersten Franck-Roman, der die Mutter des toten Mädchens sieben Stunden lang im Arm gehalten hat.

Das ist wirklich mal passiert. Hier habe ich übrigens gedacht, dass ich das reduzieren müsste, weil es total unglaubwürdig ist. Bis ich begriffen habe, dass es Quatsch ist. Gerade weil das so extrem ist, passt das zu mir und meinen Figuren.

Ihre Romane gehen ans Existenzielle und damit weit über das hinaus, was man im deutschen Krimi gewohnt ist. Sehen Sie sich eigentlich selbst als Krimiautor?

Na klar, ich bin Schriftsteller und schreibe halt Krimis.

Bei Ihnen dreht sich der Fall nie nur um die Tätersuche. Sie widmen sich vor allem den Opfern von Verbrechen und deren Angehörigen.

Das ist mit das Schwierigste im Leben überhaupt, dass man den Tod eines vertrauten Menschen überlebt. Und davon erzähle ich. Ich weiß, dass Täterkrimis beliebt sind und für viele Leser offenbar auch leichter zugänglich.

Mit Ihrer neuen Figur, dem pensionierten Kommissar Franck, der die Todesnachrichten überbringt, sind Sie dramaturgisch zwangsläufig nah bei den Opfern.

Ich war nicht auf der Suche nach einem neuen Kommissar. Mich hat tatsächlich das Überbringen der Nachricht interessiert und der Umgang mit den Hinterbliebenen, das sind ja auch besondere Aspekte der Polizeiarbeit.

Dieser Satz: „Ich habe eine schlimme Nachricht für Sie“, kommt in jedem zweiten „Tatort“ vor.

Aber es wird nie erzählt, was für die Betroffenen daraus folgt.

Wie haben Sie das recherchiert?

Ich habe seit vielen Jahren durch Gespräche und durch das Sammeln von Material Zugang dazu. Ich erfinde das ja nur zum Teil. Es gibt viele Sachbücher zu diesem Thema. Und doch ist eigentlich niemand darauf vorbereitet, auch nicht bei der Polizei. Das ist etwas, vor dem sich jeder gern drückt. Aber genau das war es, was mich interessiert hat, diese Lücke, die es da gibt, in Büchern, in Filmen. Dass man es möglichst nicht so schlimm macht.

Gibt es wirklich Polizisten, die sich darauf spezialisieren?

Ich kannte mal jemanden, der das bevorzugt gemacht hat. Aber das ist eher selten. Meistens ist ein Psychologe dabei. Auf dem Land macht das aber manchmal auch der Streifenpolizist allein. Die Reaktionen der Leute sind tatsächlich sehr unterschiedlich. Volker Schlöndorff hat jetzt den ersten Franck-Roman verfilmt und extra noch zwei Szenen geschrieben, um das zu zeigen. Er wollte von mir wissen, wie es normalerweise ist.

Und wie ist es normalerweise?

Manche flippen aus. Andere sind ganz ruhig. Es gibt gespenstische Reaktionen: „Ja ja, wir müssen erst mal fertig essen.“ Wenn jemand zusammenbricht, ist es noch am einfachsten. Dann kann man trösten und den Arzt rufen. Erst wenn jemand gar nichts macht, wird es wirklich gefährlich.

Im Film spielt Thomas Thieme Ihren Kommissar. Jetzt haben Sie den beim Schreiben immer vor Augen.

Der passt fantastisch. Ich habe mir den zwar nie so vorgestellt, er wird von mir auch nie beschrieben, aber Thieme spielt das, als wäre er wirklich mal Polizist gewesen. Er hat überhaupt nichts Ranschmeißerisches, wie im „Tatort“, wo die Kommissare immer so mitfühlend sind.

Sie vertiefen sich so sehr ins Unglück, dass es schwer sein muss, da wieder herauszufinden.

Früher war es ganz schwierig, das ging eigentlich nur mit Alkohol. Jetzt habe ich das überwunden, ich höre Musik oder schaue mir Filme im Fernsehen an, Krimis oder so. Das lenkt mich ab.

In Ihrem Roman „Die unterirdische Sonne“ erzählen Sie von fünf Kindern, die in einem Keller gefangen sind und einzeln nach oben geholt werden, um missbraucht zu werden.

Da war das anders. Ich habe zwei Drittel innerhalb von 14 Tagen auf Sylt geschrieben. Mit brennenden Fingern. Und nach dem Schreiben habe ich nur noch Rammstein gehört, so richtig mit Tanzen und Herumspringen. Um so was zu erleben, bin ich Schriftsteller geworden.

Das war ein Jugendbuch für Leser ab 16. Ziemlich harter Stoff.

Und nicht sehr erfolgreich. Die Mütter hatten natürlich Angst, das ihren Kindern zuzumuten.

Woher diese schwarze Verzweiflung, wie es mal eine Kritikerin genannt hat, die aus Ihren Texten spricht?

Ich denke, dass alles, was ich schreibe, ein Teil von mir ist das ich an die Figuren delegiere. Vielleicht ist das eine Form von Bewältigung, wenn ich es nach außen gebe. Dann ist es ein bisschen gebannt, aber richtig verschwinden wird es nie.

Muss man sich Sorgen machen?

Nein, ich schreibe ja. Ich höre Musik. Ich gehe unter Menschen, gelegentlich.

Sie leben allein?

Ich habe nur ein Zimmer.

Ihren Tabor Süden, diesen schweigsamen Menschenbeobachter, dem Sie mehr als ein Dutzend Geschichten gewidmet haben, nannten Sie einmal den Schatten Ihrer selbst.

Mir war der schon nah, ich habe dort immer ein bisserl was von mir erzählt, aber das hat keiner gemerkt. Mich kennt ja niemand.

Warum reden Sie nicht über sich?

Weil ich das nicht wichtig finde. Ich habe 28 Bücher geschrieben. Das bin ja ich. Mehr gibt’s nicht zu sagen.

Aus allen Ihren Romanen spricht eine große Einsamkeit. Das Unglück wurzelt im Schweigen.

Neben dem Verlorensein ist das eines meiner Hauptthemen. Diese ständig missglückte Kommunikation. Dass man nicht in der Lage ist, ehrlich zu sein. Das ist gar kein Vorwurf. Es geht mir darum, dass die Menschen es nicht können, weil sie es nicht gelernt haben. Die Unfähigkeit, sich zu verständigen, ist oft der Auslöser für ein Desaster.

So bohren Sie sich immer tiefer in die Innenwelten ihrer Figuren hinein.

Wo soll’s sonst hingehen? Die Auslotung der Keller. Darum geht es.

Das Gespräch führte Frank Junghänel