Die Alte Nationalgalerie entwarf Stüler in den Jahren 1862 bis 1865. Das ebenfalls auf der Museumsinsel gelegene Neue Museum gilt als Stülers Hauptwerk.
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BerlinBis vor zwei Jahrzehnten war er nur noch Fachleuten ein Begriff: Friedrich August Stüler, dessen Geburtstag an diesem Dienstag zum 220. Mal begangen werden kann. Es brauchte letztlich die heftige Debatte der späten 1990er-Jahre um den Wiederaufbau des Neuen Museums auf der Museumsinsel, damit auch einer breiteren Öffentlichkeit wieder bewusst wurde: Hier geht es um das Hauptwerk jenes Architekten, der den Zeitgenossen schon seit den 1830er-Jahren als bedeutendster preußisch-berlinischer Architekt neben Karl Friedrich Schinkel galt und nach dessen Tod 1841 als dessen legitimer Erbe betrachtet wurde.

Moderne Werke

Stüler, der an der Berliner Bauakademie studierte, wird bis heute als „Schüler“ Schinkels bezeichnet. Was durchaus unkorrekt ist. Zwar erhielt Stüler in der Bauakademie sicherlich erste Einblicke in die Arbeit der staatlichen Bauverwaltung, die seit 1815 von Schinkel dominiert wurde, hat möglicherweise sogar wie viele seiner Altersgenossen auch in dessen Büro mitzeichnen dürfen. Doch der immense Einfluss Schinkels auch auf Stüler war vor allem ein indirekter, ging von dessen ausgeführten Werken aus, von seinem persönlichen Vorbild, das jahrzehntelang als Idealbild des selbstbewusst-bürgerlichen Künstler-Beamten gefeiert wurde.

Vor allem aber vermittelte Schinkel eine bis weit in die 1880er-Jahre hinein in Berlin prägende künstlerische Haltung, nach der die Architekturgeschichte – vor allem die Griechenlands und die der Gotik – zwar als Fundus mit vielen Formen betrachtet, das Kopieren etwa von Fassaden aber vehement abgelehnt wurde. Es ging um neue Architektur für eine neue Zeit, selbst wenn, wie etwa bei der 1845 zusammen mit König Friedrich Wilhelm IV. entworfenen Potsdamer Friedenskirche, Stüler deutlich das Vorbild byzantinischer Kirchen aus Ravenna zitierte. Bei Restaurierungen wie etwa jener der Berliner Franziskanerkirche von 1842 achtete er aber genau darauf, dass seine Zutaten auch als moderne Werke erkennbar blieben.

Stüler entwarf auch zahlreiche Dorfkirchen, wie diese in Caputh.
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Nach verschiedenen nachrangigen Posten in der Bauverwaltung wurde Stüler schon 1832 Hofbaurat und Direktor der Schlossbaukommission. Der Grundstein für eine große Karriere war gelegt. Als er 1865 hoch geehrt starb, zählte seine Projektliste um die 90 Bauten. Schon in den 1830ern stieg Stüler zu internationaler Berühmtheit auf: 1837 berief ihn der russische Kaiser Nikolaus I. für den Wiederaufbau des Winterpalais in St. Petersburg – das Projekt Stülers zerschlug sich, weil der autokratische Herrscher lieber den Barockstil des Absolutismus von Peter I., Elisabeth und Katharina II. rekonstruieren ließ.

1848 wurde Stüler nach Stockholm für den Bau des Nationalmuseums berufen, das nun tatsächlich in Formen der als bürgerlich betrachteten florentinischen Renaissance entstand, 1851 begann er mit Umbauplanungen für das Schweriner Schloss, angelehnt an französische Renaissanceschlosser des 16. Jahrhunderts, 1862 erhielt er den Auftrag für die damals sensationelle Akademie der Künste in Budapest, wieder in reichen Formen der Neurenaissance. Weit mehr als die meisten seiner Berliner Zeitgenossen war Stüler willens und in der Lage, über das klassizistische Erbe von Schinkel hinauszusehen. 1858 erhielt er auch deswegen die Goldmedaille des Londoner Royal Institute of British Architects, 1864 wurde er in die Pariser Académie des Beaux Arts aufgenommen.

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Baumeister des Königs

Anfänge: Friedrich August Stüler, geboren als Sohn eines Pfarrers im thüringischen Mühlhausen, studierte 1818 bis 1827 an der Bauakademie und an der Universität Berlin. Noch als Student war er 1824 an der Gründung des Berliner Architektenvereins beteiligt.

Aufstieg: 1841 wurde er gemeinsam mit Ludwig Persius Bauberater des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., wobei Stüler für Berlin zuständig war. Ab 1842 führte er den Titel „Architekt des Königs“ und nach Persius Tod, alleiniger Bauberater des Königs.

Dass Schinkels Ruhm trotzdem Stüler so sehr in den Schatten stellte, hatte also nicht nur etwas zu tun mit unterschiedlicher künstlerischer Kompetenz. Schinkel, sicherlich der grandiosere und vielseitigere Künstler, sorgte bereits seit 1818 dafür, dass seine Entwürfe durch prachtvoll mit Kupferstichen illustrierte Publikationen verbreitet wurden. Stüler dagegen konzentrierte sich auf das Bauen. Und so blieb etwa mehr als 150 Jahre verborgen, dass das 1855 eingeweihte Neue Museum auf der Museumsinsel mit seinen Fertigparketts, Leichtbaudecken aus hohlen Tonröhren, Luftkanälen in den Wänden, vor allem aber der kombinierten Verwendung von guss- und schmiedeeisernen Bauteilen in vielem moderner war als selbst französische Bauten der Zeit.

Überhaupt war Stüler bemerkenswert offen für neue Baumethoden – im Neuen Museum fuhr eine Baueisenbahn – und Konstruktionsideen: Die 1851 mit dem Ingenieur Johann Wilhelm Lentze zusammen als durchbrochene Gitterträger-Brücken bei Dirschau über die Weichsel und über die Nogat in Ostpreußen gebauten Flussquerungen galten als technische Meisterwerke.

Nach dem Krieg umgestaltet: die St. Matthäi-Kirche am Kulturforum. 
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Wo bleibt die Stüler-Medaille?

Umso überraschender ist, wie wenig sich gerade die Berliner Architektenschaft an Stüler erinnert. Selbst als die Matthäikirche am Kulturforum durch das Projekt des Museums der Moderne, der „Scheune“, massiv bedrängt wurde, gab es nur Proteste aus der Denkmalpflegerszene. Immerhin, in Mühlhausen gibt es seit 2012 den wissenschaftlichen „Friedrich-August-Stüler-Förderpreis“.

Berlin sollte sich dieser Initiative anschließen, etwa mit einer Stüler-Medaille für neue Bauweisen und Baukonstruktionen. Eine Aufgabe wie geschaffen für jenen Berliner Architekten- und Ingenieursverein, der von Stüler 1824 mit begründet worden war. Nur ein paar Straßen und Plätze nach ihm zu benennen, der zu seiner Zeit mindestens so berühmt war wie Schinkel, das ist zu wenig.