BerlinDass eine Geschichte erst dann zu Ende sei, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe – diese These Friedrich Dürrenmatts hat mich in den Jahrzehnten, seit ich sie – als Anhang des Stückes „Die Physiker“, Schullektüre in den westdeutschen Achtzigern – erstmals las, immer wieder beschäftigt. Zunächst faszinierte die Kaltschnäuzigkeit, später regte sich Widerspruch. Schließlich ist die Geschichte nie zu Ende (ist sie doch nicht, oder?). Und wo man ihre Abschnitte setzt, ist einem ja selbst überlassen! Sogar der Nationalsozialismus kapitulierte irgendwann und es gab eine Zeit der „Befreiung“.

Aber zunächst war das natürlich eine dramaturgische Setzung des Schweizer Schriftstellers. Genau genommen heißt es in dieser dritten von „21 Thesen“ zu den 1962 uraufgeführten „Physikern“ auch: „Eine Geschichte ist erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat“, und dass diese Wendung – dies war die vierte These –, nicht vorhersehbar sei, sondern zufällig eintrete.

„Gott muss einen unendlichen Humor haben“

Das war natürlich eine Antwort auf den Lehrstückoptimismus von Bertolt Brecht, auch wenn dieser damals schon sechs Jahre verstorben war, das war eine Antwort auf den Kalten Krieg und ein Vorgriff auf den gesellschaftlichen Umgang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die damals galoppierten. 1956 war Robert Jungks Buch über die Atombombe „Heller als tausend Sonnen“ erschienen, das Dürrenmatt rezipierte, seit Sommer 1961 wurde Kernenergie ins westdeutsche Energienetz eingespeist.

Wenn Friedrich Dürrenmatt, der Pfarrerssohn aus dem Emmental, zu einer Erkenntnis gefunden hatte in seinem Leben, dann war es die: „Wenn es einen Gott gibt, muss er einen unendlichen Humor haben.“ Das 1970 veröffentlichte Stück „Porträt eines Planeten“ verfasste er als „Übungsstück für jene Menschen, die sich noch nicht an die ausweglose Situation gewöhnt haben, in der sich die Menschheit befindet.“ Dazu gleich mehr.

Ausschnitt des Dokumentarfilms „Porträt eines Planeten“ über Friedrich Dürrenmatt von Charlotte Kerr (1984/85).

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Wo fängt man an bei Friedrich Dürrenmatt, der am 5. Januar vor 100 Jahren geboren wurde? Nicht: der an diesem Tag 100 Jahre alt geworden wäre. Dass es dazu nicht kommen würde, dürfte früh klar gewesen sein. Denn er war schwer zuckerkrank, trank, rauchte und aß gleichwohl in geradezu Baal’schem Ausmaß und hatte schon mit 48 Jahren einen Herzinfarkt. Mit 69 Jahren starb Friedrich Dürrenmatt an Herzversagen in seinem Haus im schweizerischen Neuchatel. Am 14. Dezember 1990 – zehn Tage vor dem zehn Jahre älteren Berliner Theaterkritiker Friedrich Luft, der die Epoche der deutschsprachigen Theatergeschichte, in der die Stimme Friedrich Dürrenmatts neben der von Bertolt Brecht weltweit, in West wie Ost, die wichtigste war, in Gänze und vielleicht am intensivsten von allen Kritikern bezeugt hat.

„Klassiker haben auch große Fehler gemacht“

Sie waren nicht gerade Freunde, die beiden Friedriche, Dürrenmatt und Luft, wie Dürrenmatt, obwohl er selbst zuweilen Kritiken geschrieben hatte, von der Kritik ohnehin ostentativ wenig hielt. Aber sie kamen auch nicht aneinander vorbei. Eine Aufzeichnung aus Lufts Fernsehinterview-Serie „Das Profil“ aus dem Jahr 1968 zeigt schön den Gegensatz zwischen dem aufgeräumten und aufräumfreudigen Preußen Luft mit der hellen Stimme und Einwürfen wie „Ich verstehe noch nicht ganz, wie Sie sich das Theater heute vorstellen!“ und dem listig blinzelnden Dürrenmatt mit seinem gemütvollen Schweizer Akzent, der barock an einer Zigarre zieht und Sätze sagt wie: „Klassiker sind nicht heilige Dichter, sondern Schriftsteller wie wir, und die haben auch große Fehler gemacht.“

Schon fünf Jahre zuvor hatte Dürrenmatt eine Karikatur von Friedrich Luft angefertigt, die den Kritiker als Kopffüßler mit einer großen, spitzen Feder zeigt – eine Zeichnung, die heute eine Gedenktafel an Lufts ehemaligem Wohnhaus in der Schöneberger Maienstraße ziert.

Foto: Christiane Oelrich/dpa
Dürrenmatts Toilette in seinem Haus in Neuchatel, dem heutigen Museum Centre Dürrenmatt, von ihm selbst mit Wandmalereien versehen.

Wo also fängt man an bei Friedrich Dürrenmatt, der ja zunächst Maler war und dies sein Leben lang blieb, auch wenn er vor seinem 60. Geburtstag eine Werkausgabe in 30 Bänden herausbrachte (mit Erzählungen, Dramen, Kriminalromanen und Essays) und mit seinem sechsten Theaterstück „Der Besuch der alten Dame“ zum Millionär wurde. Die im Januar 1959 uraufgeführte Tragikomödie – Dürrenmatts ureigene Form – erzählt die Geschichte der Milliardärin Claire, die Rache an der Kleinstadt Güllen nimmt, aus der sie als schwangere 17-Jährige einst vertrieben wurde. Nachdem sie den Ort aus der Ferne durch Ankäufe zielsicher in den Ruin getrieben hat, kommt sie nach 45 Jahren zurück und bietet den Bewohnern eine Milliarde Franken – wenn sie den Mann töten, der sie damals erst geschwängert und dann verleugnet hat.

Das Stück war ein Welterfolg. Diese Bigotterie und Infamie, diese Zwangsläufigkeit und Sinnlosigkeit, die Motive von Täter- und Mitläuferschaft, von Einzelnem und Kollektiv, von Rache und Gerechtigkeit, die Macht des Geldes – nach der Uraufführung in Zürich mit Therese Giehse in der Hauptrolle brachte der junge Peter Brook das Drama an den Broadway und nach London, Marcel Reich-Ranicki übersetzte es gemeinsam mit Andrzej Wirth ins Polnische, 1959 gab es eine erste Fernsehfassung mit Elisabeth Flickenschild, 1963 wurde es in der DDR erstaufgeführt, 1971 arbeitet Dürrenmatt es zur Musik von Gottfried von Einem zum Opernlibretto um, und in der Sowjetunion wurde das Stück ebenfalls rezipiert. Auch Brecht hatte sofort nach der Uraufführung eine Inszenierung der „Alten Dame“ geplant, bevor er wenige Monate später, im August 1956, dann starb.

Es war buchstäbliches Welttheater, das Dürrenmatt hier geschrieben hatte, und dass er am Einzelnen das Allgemeine zeigte und nie ins Private tendierte, unterschied ihn durchaus von seinem etwas älteren Schweizer Kollegen und zeitweisen Freund Max Frisch.

Auf dem Heimtrainer vor einer Batterie Spirituosen

Das Geld konnte Dürrenmatt gut brauchen, er hatte einen stattlichen Hausstand und mit seiner Frau, der ehemaligen Schauspielerin Lotti Geissler, inzwischen drei Kinder sowie ein Dienstmädchen und mindestens einen Hund. Später beschäftigte Dürrenmatt auch stets eine Sekretärin als „Tippmamsell“, er schrieb mit dem Bleistift, sie tippte ab, er korrigierte und collagierte, sie tippte wieder – buchstäbliche Handarbeit. Dürrenmatt war ein bodenständiger Mensch, der zugleich ganz im Kosmos seiner Kunst kreiste.

Der 1984 kurz nach dem Tod seiner Frau entstandene vierstündige Dokumentarfilm „Porträt eines Planeten“, den Charlotte Kerr machte, die dann seine zweite Frau wurde, zeigt ihn in seinem Anwesen malend, schreibend, rezitierend, lachend, auf dem Heimtrainer vor einer Batterie Spirituosen schwitzend oder unter blühenden Bäumen spazierend, unsicheren, steifen Schrittes (er hatte als Jugendlicher Kinderlähmung), aber voll geistiger Ruhe und unabhängiger Versunkenheit in die existenziellen Fragen des Lebens.

Die Faszination des Substantiellen beziehungsweise wie viel Masse und entsprechende Anziehungskraft einer hat, der nicht nur selbst denkt, sondern sein Leben dazu verwendet, diese Gedanken zu verfolgen und zu formen, vermittelt auch die im vergangenen Herbst erschienene Dürrenmatt-Biografie des Literaturwissenschaftlers Ulrich Weber.

Ohne Verurteilung oder Übergriffe werden hier auch die Schattenseiten des Menschlichen mitschraffiert: Lotti Dürrenmatt starb nach Jahren des Alkoholismus und der Depressionen mit nur 64 Jahren, eine der Töchter will gar nicht mit ihrem Vater in Zusammenhang gebracht werden, die andere, Ruth Dürrenmatt, war ein Vierteljahrhundert in den USA und kehrte erst nach dem Tod ihres Vaters in die Schweiz zurück, der Sohn, Pierre Dürrenmatt, ist Theologe geworden wie sein Großvater.

Minotaurus in seinem Labyrinth

Das Thema der Vereinzelung und Verlorenheit des Menschen bearbeitete Dürrenmatt – der sich gleichwohl immer wieder zu politischen Fragen äußerte und sich etwa entschieden hinter Israel stellte – sein Leben lang. Die Tragödie des Minotaurus, der in seinem Labyrinth dem verkleideten Theseus begegnet und glaubt, endlich ein Wesen seiner Art gefunden zu haben, das sich nur durch den Dolch von ihm unterscheidet, der sich in sein Herz senkt, als er dem anderen in die Arme fällt – das ist für ihn das Thema des Menschseins schlechthin.

Es brauche „Mut“ zu erkennen, dass die Himmel leer seien, sagt Friedrich Dürrenmatt in dem Film „Porträt eines Planeten“. Und dass der Mensch das Tier sei, das um seinen Tod wisse und sich deswegen die Seele erfunden habe. „Heute müssen wir lernen, mit dem Wissen zu leben, dass es keine Metaphysik gibt.“ 

Und man müsse lernen, mit dem Wissen um das theoretisch Mögliche zu leben – um wieder zur Komödie  „Die Physiker“ von 1962 zurückzukommen. Ein Naturwissenschaftler hat sich, um die Welt vor der allesvernichtenden Erfindung, die er gemacht hat, zu schützen, in eine Psychiatrie zurückgezogen, wird aber dann samt zweier Kollegen, die ihn ausgespäht haben, von der machtgierigen Leiterin der Anstalt instrumentalisiert. „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“, heißt es hier – ein Auftrag an die Gesellschaft, ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen auch moralisch gerecht zu werden. 

Nichts Aktuelleres könnte man sich in Sachen Klimapolitik und globaler Gerechtigkeit heute denken. Wobei die 17. der angehängten „21 Thesen“ lautet: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“