Friedrich Hebbel schrieb Sätze wie diesen: „Die Geschichte der Menschheit macht zuweilen einen Eindruck, als ob sie der Traum eines Raubtieres wäre“ − und zwar zu einer Zeit, als der um fünf Jahre jüngere Karl Marx Theorien entwickelte, mit denen bewaffnet man in den Bauch der Geschichte wie in einen Maschinenraum steigen und dort ihren Lauf beeinflussen kann. Hebbel, der heute vor zweihundert Jahren geborene große Dramatiker, Lyriker, Tagebuchschreiber, Menschen- und Unglückskenner, sah das umgekehrt: Der Mensch, dieses unauflöslich in Widersprüchen gefangene Wesen, kann nur untergehen, egal, wie sehr er sich gegen den Lauf der Dinge stemmen mag.

In minutiös gebauten Dramen (die meist Trauerspiele also Tragödien waren) exerzierte Hebbel diesen Befund mit mathematischer Präzision immer wieder durch. So 1851 in der Geschichte der schönen Bürgerstochter Agnes Bernauer, die standesungemäß von einem bayerischen Herzogssohn geheiratet und am Ende von dessen Vater zum Tode verurteilt wird, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. So gnadenlos hat selten ein Dramatiker seine Figur einer höheren Raison geopfert.

Erlösung nicht vorgesehen

Dabei haben Hebbels Stücke oft ein Potenzial, das man heute ideologiekritisch nennen könnte. Am deutlichsten wird das in der Tragödie „Judith“ von 1840, die er bewusst Schillers Gotteskriegerin Johanna von Orleans entgegengesetzt hat: Niemand ist nur unschuldiges Opfer, sondern stets selbst fest verstrickt in die Umstände, mit denen er ringt. Das klägliche Individuum also kann gar nichts anderes als Sand im Getriebe des Weltlaufwerks sein.

Am blutigsten hat Hebbel das in seinem Trauerspiel „Die Nibelungen“ vorgeführt, wo allerkleinlichste Regungen wie Neid und verletzte Eitelkeit ganze Völker in den Abgrund reißen. In einer so heillos verfassten Welt ist Erlösung natürlich nicht vorgesehen.

Hebbel wusste wohl, wovon er schrieb. Als Sohn eines Maurers im (damals zu Dänemark gehörenden) Städtchen Wesselburen im holsteinischen Dithmarschen geboren, verbrachte er die ersten dreißig Lebensjahre in großer Armut; war unterernährter Laufbursche und Kirchenspielschreiber, bevor ihn eine vermögende Schriftstellerin zu fördern begann. Doch das von ihr ermöglichte Jurastudium brach Hebbel ab. Stattdessen studierte er Philosophie, unterstützt nur von seiner Geliebten, der Hamburger Näherin Elise Lensing, mit der er zwei frühverstorbene Kinder hatte.

Materielle Sicherheit durch die Ehe

Trotzdem hat er die zehn Jahre Ältere Elise Lensig niemals geheiratet. Stattdessen ehelichte Hebbel 1846 in Wien die damals hochberühmte Schauspielerin Christine Enghaus, die sich bald auch mit der verlassenen Geliebten Hebbels befreundete. Die Ehe mit Christine Enghaus, für die er einige seiner berühmtesten Frauenrollen schrieb, brachte Hebbel endlich materielle Sicherheit.

Am 13. Dezember 1863 starb er hochgeehrt in Wien: an den physischen Folgen eines zu lange in Hunger und Not verbrachten Lebens. Er wurde nur fünfzig Jahre alt.