Friedrich Hölderlin (1770 - 1843) in einer zeitgenössischen Darstellung.
Abbildung: dpa

BerlinAm 14. Juni vor einhundert Jahren starb Max Weber an der Spanischen Grippe. Er hatte 1917 in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ erklärt: „Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: dass man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.“

Um 1800 hatte es diese Diagnose schon einmal zum Status einer Mode gebracht. Die Romantik verstand sich als eine Rebellion gegen die von der Aufklärung betriebene Entzauberung. Hölderlin betrieb mit ihr die „Verzauberung der Welt“. Man lese nur diese Zeilen: „Sieh! Und das Schattenbild unserer Erde, der Mond,/ Kommet geheim nun auch; die Schwärmerische, die Nacht kommt,/ Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns,/ Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen,/ Über Gebirgshöhn traurig und mächtig herauf.“ Die Verzauberung gelingt durch Sprache. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Personalisierung. Ein Gutteil des Lebenswerks des Soziologen Max Weber bestand darin, loszukommen von der Personalisierung. Die Taten nicht zu begreifen als die der Einzelnen, sondern als gesellschaftliches Handeln.

Einmal lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

Friedrich Hölderlin

Hölderlin wurde zu einer immer noch wirkmächtigen Stimme, nicht nur wenn es um die Trauer über den Untergang der Götterwelt ging, sondern auch durch sein Vertrauen darauf, dass es einen „kommenden Gott“ geben wird, der wie ein Blitz „aus dem Gewölke“ kommen wird über die Welt. Hölderlin hielt stets in der Schwebe, ob der kommende Gott nur ein anderer Name war für dichterische Inspiration oder nicht vielleicht doch ein wirklicher Erlöser aus der Ur-Teilung. Das Oder ist falsch. Bei Hölderlin war jeder Satz beides: Gedanke und Tat. Er beschwor nicht nur himmlische Mächte, sondern er wurde, während er es tat, zu einer. Und der Leser gleich mit.

Das Erhabene, das man fühlt, hat man sich einverleibt. Man ist ein Teil von ihm geworden und da man in der Begeisterung auch eins wird mit dem Autor, ist man nicht nur Geschöpf, sondern auch Schöpfer dessen, das doch so ganz weit über einem stehen soll. Das ist ein Sieg und ein besonders schöner, weil man ihn nicht hat erkämpfen müssen. Man sitzt und liest. Gleichzeitig aber kann man nicht sitzen bleiben, wenn man Hölderlins Verse liest. Man springt auf und möchte sie hinausschreien in die Natur. So jedenfalls ging es vielen Zeitgenossen Hölderlins und so erging es Anfang der 60er Jahre auch mir, als ich den geduldigen Bäumen des Odenwalds seine in Frankfurt am Main entstandene Ode „An die Parzen“ vorsang. Sie endet mit „Einmal lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.“

Rumor und Ironie

Das spricht zu jeder Jugend. Die weiß ja nicht so recht, was in ihr steckt, aber sie felsenfest davon überzeugt ist, dass da irgendetwas sein muss. Warum sonst rumort es so laut?

Ich sagte den Bäumen damals auch: „In seiner Fülle ruhet der Herbsttag nun,/ Geläutert ist die Traub und der Hain ist rot/ Vom Obst, wenn schon der holden Blüten/ Manche der Erde zum Danke fielen.“ Das waren Verse, die ich gewissermaßen offenen Mundes sprach. Sie schienen nach einem gewaltig vergrößerten Resonanzraum zu verlangen. Dem gab ich nur zu gerne nach. Aber zugleich: Ich war durch Obstwiesen hindurch in den Wald gegangen. Ich sah nur zu deutlich auch die Komik, die in dem Pathos lag, wenn Hölderlin vom „Hain“ und den „holden Blüten“ sprach. Meine Begeisterung hatte viel damit zu tun, dass ich Hölderlins Emphase lieben und zugleich über sie spotten konnte.

Thatenarm und gedankenvoll

Zu Hölderlins großem Erfolg vor und während des Ersten Weltkriegs trug nicht unerheblich bei, dass sein Facelifting auch das Vaterland und die Deutschen verschönte: „O heilig Herz der Völker, o Vaterland“ beginnt sein „Gesang des Deutschen“. In ihm werden die Deutschen als wirkliche Erben des antiken Griechenlands weniger geschildert als vielmehr angestoßen, sich endlich so zu sehen und entsprechend zu handeln.

Die „Tat“ ist eines der Lieblingswörter Hölderlins. Berühmt sein Gedicht „An die Deutschen“: „Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch’ und Sporn/ Auf dem Rosse von Holz muthig und groß sich dünkt,/ Denn, ihr Deutschen, auch ihr seyd/ Thatenarm und gedankenvoll./ Oder kömt,/ wie der Stral aus dem Gewölke kömt,/ Aus Gedanken die That? Leben die Bücher bald?/ O ihr Lieben, so nimmt mich,/ Daß ich büße die Lästerung.“ In einer späteren, verlängerten Fassung des Gedichts führt er im Einzelnen aus, was die Deutschen möglicherweise in petto haben, das er aber, solange es dort bleibe, nicht sehen könne.

Der Zusammenbruch

Die Erfahrung, dass etwas in einem steckt, von dem man keine Ahnung hat, macht jeder, der etwas tut. Die Bücher zum Leben zu bringen, ist ein Autorentraum. Für die Menschheit wurde es immer wieder zum Albtraum. Mit diesem Verdacht lebte auch Hölderlin, der doch so sehr auf den Gedanken und den Gesang setzte.

Hölderlin ist ohne die französische Revolution nicht zu verstehen. Der Blitz so wenig wie die Tat, wie das Pathos und die Rede vom „kommenden Gott“. Seine Generation hatte erlebt, wie scheinbar für die Ewigkeit Festgefügtes zusammenbrach, wie ein Niemand ganz Europa sich unterwarf. Hölderlins Jugendfreund Hegel erblickte für einen kurzen Moment in Napoleon den „Weltgeist zu Pferde.“ Napoleon mag zu keinem Zeitpunkt Hölderlins „kommender Gott“ gewesen sein, aber dass er in Zeiten lebte, in denen in jeder Krippe der neue Gott geboren werden konnte, das war zwei Jahrzehnte lang seine Welt. Als sie dabei war sich zurückzudrehen, brach Hölderlin zusammen und fast jeden Kontakt zu ihr ab. Der „verborgene Gott“ waren eine Zeitlang das Ich und das Vaterland, der dichterische Genius und der Gang der Weltgeschichte gewesen. Nun aber war alles zurückgefallen ins Ancien Régime. Hoffnungen wurden begraben. Das schmerzte noch mehr, weil man ja wusste, sie würden weiterleben und irgendwann „aus dem Gewölke“ wieder hervorbrechen.

So komm! Dass wir das Offene schauen, dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.

Friedrich Hölderlin

Wer von der Begeisterung für Hölderlin spricht, der sollte die Hürden nicht verschweigen, die man nehmen muss, um von seinem Pathos getragen zu werden. Auf „An die Parzen“ lässt sich surfen. Jedes Wort kommt dem Leser entgegen, ihn in immer höhere Höhen zu tragen. Am Ende schwingt das Gedicht aus wie eine Welle, die abflacht ohne zu brechen. Aber es gibt andere, in denen der Gedanke unentwegt unterbrochen wird. Sie sind vertrackt, man muss sie entziffern. Zwischen Subjekt und Prädikat tummeln sich so viele Nebengedanken, Einschübe, die einen abhalten vom Ende des Satzes, gleichzeitig aber steigern sie die Lust auf es.

Hölderlin verbirgt den Gott, von dem er erzählt, in diesen Erzählungen, damit der mit der Plötzlichkeit einer Offenbarung den Leser anspringe. Das klappt nicht immer. Manchmal landet der Gott wie der berühmte Tiger als Bettvorleger. Aber das zu riskieren, das macht auch die Größe Hölderlins aus.

In der Elegie „Brot und Wein“ gibt es die berühmte Zeile „So komm! Dass wir das Offene schauen …“ Es macht Hölderlins Größe aus, dass dem ein Komma folgt, nach dem es so weitergeht: „dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.“ Hinaus zum Eigenen. Wir mögen es in uns tragen. Aber wir erkennen es erst, wenn wir ihm draußen begegnen, als etwas Fremdem. Wer das nicht kennt, der kennt sein Eigenes nicht.