Im Friedrichstadt-Palast brüteten sie gerade über Ideen zur 100-Jahr-Feier ihres Hauses, als ein Geschenk vom Himmel fiel. Das Jubiläum im November sollte anders als üblich ausfallen – originell natürlich, am besten auch auffällig. Da traf beim Intendanten Berndt Schmidt eine WhatsApp-Nachricht ein. René Pollesch, seit Jahrzehnten Regisseur der Volksbühne und ihr künftiger Intendant, bot an, in dem Revuetheater mal ein Stück zu inszenieren. Der Vorgang ist durchaus unüblich. Einer wie Pollesch fragt sonst nirgendwo um Arbeit nach, im Gegenteil – sie wird ihm angetragen. Nur Berndt Schmidt vom Friedrichstadt-Palast wäre ein solcher Antrag im Leben nicht eingefallen. Er kabelte erschrocken zurück: „Ich habe keine gottverdammte Ahnung, was das werden soll. Aber vielleicht was Großartiges.“ Damit war die Sache besiegelt.

Das Stück von René Pollesch ist ungewöhnlich für den Friedrichstadt-Palast 

Wie das so ist bei sonderbaren Nachrichten, verselbstständigen sich gern die zugehörigen Ausschmückungen. Eine kam direkt aus der strengen Theaterkritikerwelt und lautete: Pollesch ist der Regisseur für die kommende Revue. Nein! Pollesch inszeniert ein Stück, sogar mit Tänzerinnen, doch es läuft nur an sechs Abenden zwischen Oktober und Januar, vielleicht gibt es für höhere Rentabilität ein paar Zusatztermine. Aber keinesfalls wird der Regisseur ein hundertköpfiges Ensemble dirigieren und zehn Millionen Euro oder noch mehr für die kommende Revue ausgeben, die dann zwei Jahre lang vor täglich fast 2000 Zuschauern läuft. Die ihnen gefallen muss! Jeden Abend!

Das ist ein völlig anderes Geschäft, daran hängt die Existenz des Palastes, so etwas hatte René Pollesch nie vor. Sein Stück für das Revuetheater, das zusammen mit dem Schauspieler Fabian Hinrichs entsteht, heißt: „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“. Die Premierenkarten sind schon alle weg. Zwar bleibt das Hochparkett geschlossen, um eine gewisse Theater-Intimität zu suggerieren und weil Hinrichs teils auch ohne Mikrofon auftreten wird. Aber 1500 Plätze sind immer noch zweieinhalb Mal so viel wie das Deutsche Theater hat.

Die Theaterwelt ist gespannt, was Pollesch für den Friedrichstadt-Palast einfällt 

An dieser Stelle sei ein kurzer selbstherrlicher Einwurf gestattet, denn einer hatte immer gewusst, dass die Volksbühne im Friedrichstadt-Palast einzieht, das ist der Theaterkritiker der Berliner Zeitung. Ulrich Seidler schrieb im Oktober 2016, wie er sich die Rettung des Volksbühnen-Theatergeistes vorstellt: „Die Original-Volksbühne wird im Friedrichstadt-Palast ihre Arbeit fortsetzen, der dann Rosa-Luxemburg-Palast heißt und über eine Eisbahn verfügt, die – was die gebotenen Tanzeinlagen bei René Pollesch angeht – längst überfällig ist. Da sitzt man dann auch wieder besser.“ An dem Vorschlag wurde eine Weile herumgetüftelt, nun nimmt er Gestalt an.

Ob mit oder ohne Eisbahn, wird man sehen. Berndt Schmidt gibt sich voller Zuversicht: „Bei Pollesch weiß man, glaube ich, immer erst am Premierentag, was es wird. Ich kenne drei Viertel seiner Inszenierungen und habe sie nie deprimiert verlassen. Er ist natürlich ein Wortkünstler, aber hierher kommt er nicht als Stückezertrümmerer oder weil es ein origineller Spielort ist. Nein, er kann mit diesem Haus und seiner Kunst etwas anfangen. Bei uns werden sonst nicht die großen Fragen erörtert, doch in der leichten Unterhaltung steckt viel Kunstfertigkeit. Nichts Strümpfiges. Die aktuelle Revue, „Vivid“, hat er sechsmal gesehen. Aber die Pollesch-Gemeinde kommt natürlich in den Friedrichstadt-Palast wie der Teufel in den Vatikan.“

Der Friedrichstadt-Palast ist ein Jahrhundert Palast 

Genau. Die Theaterwelt wird schauen, was dem künftigen Intendanten von Deutschlands schlagzeilenträchtigstem Theater für so einen Palast einfällt. Ganz sicher erfreut sie sich an den 21 umwerfenden Tänzerinnen. Freiwillige übrigens, die sich neugierig für die zusätzliche Arbeit gemeldet haben. Berndt Schmidt, der sich mit seiner Initiative für Regenbogen-Vielfalt und gegen Rechts schon viel politischen Respekt verschafft hat, außer in der AfD, kommt die Aufmerksamkeit zupass. Die Chefs des Friedrichstadt-Palastes wurden von anderen Intendanten immer hübsch hochmütig ignoriert. Auch Schmidt erinnert sich, wie Gespräche erstarben, als er anfangs bei Begegnungen im Bühnenverein auf seine Kollegen traf. Dinge ändern sich. Indessen war Ulrich Khuon vom Deutschen Theater mit seiner Dramaturgie zu Gast im Palast, und über „Das schwere Los der leichten Muse“ diskutieren demnächst Barrie Kosky, René Pollesch und Georg Quander auf einem Podium.

Das gehört schon zu dem weitläufigen Jubiläumsprogramm der nächsten Monate, bei dem wir endlich angelangt sind: Ein Jahrhundert Palast. Wobei dieses Hundertjährige nur eins von vielen Jubiläen ist, die das Haus im Laufe seiner Existenz feierte. Es hatte ja schon ein Vorleben als erste Berliner Markthalle, vollendet 1867, geschlossen wenige Monate später wegen Unrentabilität. Das Haus war auch ein Zirkus, ein Riesenzirkus mit 8000 Plätzen und einer Pferderennbahn, bevor es 1919 endlich seine Bühnenkarriere begann. Damals rief der Regisseur und Produzent Max Reinhardt den Palast zum Großen Schauspielhaus aus, zeigte populäre Theaterklassiker für die Massen, hatte aber wenig Erfolg.

Das Haus empfängt zur Jubiläumsvorstellung keine Prominenten 

So zog schon 1924 Eric Charell mit seinen bunten Revuen hier ein, Erwin Piscator mit der politischen Revue und 1934 die Nationalsozialisten mit dem Theater des Volkes. Nach dem Krieg bekam der Palast 1947 seinen heutigen Namen und 1984 ein nagelneues Haus in der Friedrichstraße. Die 900 Holzpfähle unter dem alten Koloss hatten zu faulen begonnen und alles drohte einzustürzen. Die Bühne aber überlebte seit der Weimarer Republik vier politische Systeme und einen Standortwechsel. Am 29. November 2019 feiert sie ihr Hundertjähriges.

Dazu wurde als erster der Berliner Kultursenator Klaus Lederer persönlich ausgeladen. Nicht, weil Senator und Intendant ein gespanntes Verhältnis pflegten, im Gegenteil. Aber das Haus empfängt dieses Mal überhaupt keine Prominenten aus Politik und Gesellschaft, die man immer auf roten Teppichen bei Sekt und Häppchen trifft. Es lädt stattdessen Besucher ein, die sonst keinen Zutritt zu den glamourösen Premieren des Hauses haben: Ehrenamtler, Polizistinnen, Stadtreiniger, Rettungskräfte, Feuerwehrleute. Auf der Bühne wird es Projektionen mit Erinnerungen an den alten Palast geben, dann läuft die reguläre Show „Vivid“ mit anschließender Party.
Das also ist der Plan, sich keinesfalls mit einem Gala-Rückblick zu verzetteln: Schmidt: „Ausschnitte aus den Inszenierungen der letzten Jahre würden frisch und modern wirken, alles davor vergleichsweise alt. Wäre doch unfair. Denn zu ihrer Zeit waren alle Revuen modern und spektakulär“.

Mit „Vivid“ läuft im Friedrichstadt-Palast aktuell eine fantastische Show 

Um der Geschichte tatsächlich auf die Spur zu kommen, gründlicher als sonst, hat das Haus Forschungsaufträge ausgegeben über die Zeit des Nationalsozialismus und die Jahre von 1945 bis 1961. In Foyer-Ausstellungen wird es zum Beispiel die „Bilder eines Jahrhunderts“ zeigen, „Dressed to Dance“ über die Kostüme sowie „Die Revue ist weiblich“: Bis auf eine Ausnahme war das Genre eine von Männern beherrschte Domäne, während Frauen von Josephine Baker, Fritzi Massari, Marlene Dietrich, Caterina Valente bis Helga Hahnemann ihr das Antlitz gaben.

Zum Auftakt der Feierlichkeiten noch im September finden an der Rückseite des Friedrichstadt-Palastes große Artefakte mit langer Geschichte einen neuen Platz: Es sind Gitter- und Gerüstteile aus der ersten Berliner Markthalle von 1867. Sie wurden beim Abriss des alten Palastes Anfang 1982 gerettet und nach Berlin-Kreuzberg verbracht. Der Transport erfolgte damals höchst abenteuerlich über die innerdeutsche Grenze in den Westen. Nun kauft der Friedrichstadt-Palast die historischen Teile zurück.

Er kann sich das leisten wie auch die zusätzliche Inszenierung von Pollesch und Hinrichs. Das gehört zum Kulturauftrag des subventionierten Hauses, das zudem besser dasteht denn je. Seit Berndt Schmidt, promovierter Volkswirt aus Baden-Württemberg, das Haus leitet, geht es hier immer nur in eine Richtung: bergauf. Übernommen hatte er es vor zwölf Jahren leer gespielt und mit einem Millionen-Schuldenberg. Danach legte der Palast sein gemütliches Rentner-Image ab, fand Las-Vegas-Anschluss und zieht besonders junge Skandinavier in Scharen an. Alle zwei Jahre verkündet der Intendant neue Rekorde, mehr Zuschauer, höhere Einnahmen, die Verdoppelung der Auslastung auf 93 Prozent. Gerade läuft mit „Vivid“ eine überragende Show – intelligent, witzig, berauschend, erstmals von einer Frau inszeniert, von der Kanadierin Krista Monson. Aber so kann es doch nicht ewig weitergehen, oder?

Erfolg ist für den Friedrichstadt-Palast nicht garantiert 

„Das wird schwer“, sagt der Mann mit den tollen Zahlen, und es klingt nicht wie aus dem Mund eines in Optimismus gestählten Retters. Der Intendant spricht so leise und tastend wie am Anfang, trägt immer Zweifel im Gepäck. „Wir unterhalten Massen, müssen 2000 Leute am Abend erreichen, da geht es auch um Stimmungen. Nicht einfach, die vorab zu erspüren, da hilft keine Marktforschung. Wieder müssen wir was Neues erfinden – und das kann scheitern, muss nicht besser werden als das Vorherige. Ich bin da gar nicht locker. Jeder ist angespannt, der sich mit der nächsten Premiere befasst.“

Die findet erst im Herbst 2020 statt. Geht was schief, zählen keine gewesenen Triumphe, denn es gibt keinen Ersatz für die Show. Seit der Wende stand das Haus zweimal vor dem Aus. Erfolg ist auch in dieser Branche nicht gottgegeben. Die schönste Girlreihe der Welt reicht nicht.