Es ist still geworden um die autopoetischen Systeme. Wir erinnern uns, das war jener von den chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela entwickelte Blick auf die Welt, demzufolge ein lebendes System sich dadurch auszeichnet, dass die Beziehungen, die zwischen seinen Komponenten bestehen, und nicht etwa diese selbst, die Eigenschaften des Gesamtsystems bestimmen. Das System, ist es einmal da, produziert sich selbst. Daher nannten sie es autopoetisch. Alles, was von außen hineinkommt, wird zur Reproduktion des Systems verwendet. Was dazu nicht verarbeitet werden kann, wird ignoriert oder abgestoßen.

Wir sind derzeit von der Globalisierung so eingenommen, dass wir nur noch an das denken, was von außen ins System kommt, und so gerät aus dem Blick, wie die Systeme mit dem Input umgehen. Vielleicht aber liegt es auch daran, dass wir Zeugen eines Prozesses sind, in dessen Verlauf bestehende Systeme von Invasoren zersetzt werden und neue, sich autopoetisch reproduzierende noch nicht wieder in Sicht sind.

Also wenden wir uns einem der großen alten autopoetischen Systeme zu: Fritz J. Raddatz. Was hinter dem J. kam, hat das System irgendwann abgestoßen. Der Joachim stand seiner Produktion und Reproduktion wohl im Wege. Fritz J. Raddatz ist das Geschöpf seiner selbst. Das beginnt bei der Auswahl des Anzuges. Auswahl ist schon das falsche Wort. Wie es sich für ein autopoetisches System gehört, ist es natürlich ein Maßanzug. Aber die Produktion des auto-poetischen Systems Fritz J. Raddatz endet selbstverständlich nicht beim Äußeren. Das wäre ihm zu wenig. Es hat einen Hang zum Gesamtkunstwerk, erstreckt sich also auch, ja – gegen den Anschein – vor allem auf den inneren Menschen.

Von weltscheuen Mitmenschen wurde die Theorie von den autopoetischen Systemen begierig aufgenommen, als eine Legitimation dafür, sich nicht aus den eigenen vier Wänden hinauszubewegen. Raddatz ist das komplette Gegenteil. Er ist immer auf Beutesuche. Sein System ist extrem aufnahmefähig. Nein: es ist aufnahmelustig. Es hat Lust, Fremdes zu absorbieren, es sich zu eigen zu machen. Es ähnelt einem Künstleratelier, in dem aus allen Weltecken gesammelte Fundstücke liegen. Nur dass es sie nicht herumliegen lässt, bis die Erben sie auf den Müll bringen, sondern sofort einbaut in das Kunstprodukt Fritz J. Raddatz.

Die gerade erschienenen Tagebücher 2002 bis 2012 zeigen dem Leser, wie es das macht. (Fritz J. Raddatz, Tagebücher 2002–2012, Rowohlt-Verlag) Bei einem autopoetischen System steht das Ich im Mittelpunkt. Es ist ein verschlingendes und ein wiederkäuendes System. Alles, was hineinkommt, wird von ihm in einem blitzschnell ablaufenden, sich aber über viele Instanzen erstreckenden Prozess auf seine Auswirkungen auf die physische und psychische Verfassung des Systems überprüft.

Die Lust an der Reflexion

Mischt sich da auch die Ich-Instanz ein, so nennen wir das Reflexion. Das autopoetische System Fritz J. Raddatz funktioniert wie ein Allergiecheck. Es weiß, schon bevor er es weiß, was es mag und was nicht. Was Fritz J. Raddatz einzigartig macht, ist, dass er diese Reaktionen reflektiert. Er tut das, weil er nicht anders kann. Die Lust an der Reflexion ist eine der Komponenten seines Systems, und das erhält sich bekanntlich durch den Gebrauch seiner Lüste. Man kann das im Buch auf jeder Seite sehen.

„Mehr, mehr, mehr davon“ schrieb ich, als ich Raddatz’ Tagebücher 1982–2001 gelesen hatte. Wie naiv ich war, wie dumm. Ich sah der Leichtigkeit des Buches, seinem hellen Witz, seiner Lust an der Beobachtung, am wachen Urteil, seiner stilistischen Brillanz nicht an, wie viel Arbeit, wie viel Anstrengung das alles erforderte. Selbst wenn Raddatz darauf hinwies. Wie ja auch in seiner editorischen Notiz zu diesem zweiten Band: „Die hier vorliegenden Tagebücher folgen wörtlich dem – oft handschriftlichen – Original; sie sind weder neu formuliert, noch redigiert, noch stilisiert.“ Man liest das und überliest den nächsten Satz: „Sie sind allerdings gekürzt …“. Man überliest ihn, weil der Autor, einen sofort weiter führt: „… und das aus zwei Gründen: zum einen wegen häufiger Wiederholungen, zum anderen – sehr gelegentlich –, um dem Recht auf Persönlichkeitsschutz Genüge zu tun.“

Unser Auge liest schneller als unser Verstand. In diesem Falle war es schon bei Persönlichkeitsschutz, ein Wort, das unsere Tratschgelüste wachruft, sodass wir das Wörtchen „gekürzt“ nur in Bezug darauf lesen und die Arbeit beim Streichen der Wiederholungen übersehen. Wer einem Kind zusieht, wie es lernt, weiß, dass Wiederholungen ein wesentliches Mittel sind, mit dem wir die Außenwelt zur Innenwelt machen. Oder besser – gewissermaßen autopoetisch korrekter – zur „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“.