Er hat es getan. Als ich das letzte Mal zu ihm fuhr, sagte eine Freundin zu mir: „Überall erzählt er, er werde sich umbringen. Ich kann es nicht mehr hören.“ Sie hatte seine Memoiren begeistert gelesen, den ersten Band seiner Tagebücher verschlungen. Dann aber schien sie erschrocken zu sein. Sie hatte wohl das Gefühl, sich von ihm bestrickt haben zu lassen. Sie fühlte sich bei der Lektüre seiner Bücher dann doch wie erdrückt von diesem aus jeder Zeile herausdrängenden Ich.

Ein Ich, das nie genug kriegen konnte. Immer hungrig nach Bewunderung. „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“, hat Fassbinder gesagt. Ein solcher Satz wäre Raddatz niemals über die Lippen gegangen. Er hätte sich eher die Zunge abgebissen. Er wollte natürlich auch geliebt werden. Aber wohl nicht von jedem. Bewunderung aber, die konnte kommen, die musste kommen von allen Seiten. Und unentwegt. Das hat er nicht verschämt durchblicken lassen, zart angedeutet, sondern der Leser findet es in jedem Absatz seiner Tagebücher. Unerträglich sagen die einen. Sie erkennen sich selbst darin. Die anderen amüsiert es. Denn auch sie erkennen sich darin. An Raddatz scheiden sich die Leser. Die einen sind selbstverliebt genug, um auch über sich lachen zu können. Die anderen sind zu selbstverliebt dazu.

Er las und er lebte gerne. Er war ein Mann starker Affekte. Ich vermute das eher, als dass ich es weiß. Ich schließe es aus seinen Verdammungsurteilen. Sie waren von einer ganz und gar nicht grandseigneuralen Brutalität. Seine Blindheit gegenüber den Qualitäten eines Ernst Jüngers teile ich ganz und gar. Er hat da in meinen Augen mit jedem Satz recht. Wie prekär solche Urteile sind, merkte ich immer dann, wenn er gegen den von mir reihum bewunderten Durs Grünbein loszog. Das kam mir gespenstig einfältig vor und blind und taub.

Aber nur wer lebt, kann auch so empfindungslos werden. Jetzt ist er tot. Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat. Ich weiß nur, dass er nicht auf den Tod wartete. Er hasste Wartezimmer. Wenn er wohin wollte, dann stürmte er dorthin, riss die Tür auf und war da. Draußen zu ziehen und darauf zu warten, dass er gerufen wird, sowas machte Raddatz nicht. Bei den Interviewterminen, die wir hatten, war er immer schon da. Und zu diesem letzten großen Termin, da wollte er auch als erster da sein. Man hat dann die Übersicht.

Er hat es getan. Warum? Ich weiß es nicht. Wenn wir sprachen, war er hellwach, ungeheuer präsent, schlagfertig und keine Viertelsekunde ein Greis. Wenn wir nach zwei Stunden aufhörten, hatte ich das Gefühl, er hätte noch stundenlang weitermachen können und er hätte nicht etwa nachgelassen, sondern hätte sich immer mehr in Schwung geredet. Das langsame Verfertigen der Gedanken beim Reden war nicht seine Sache. Sein Gehirn war ein Flipperautomat, in dem viele Kugeln unterwegs waren und dauernd krachte und flackerte es. Die Einfälle purzelten über einander, eine kleine, mobile Orgie. Dabei immer korrekt – jedenfalls, was Syntax und Grammatik anging.

Ich sah vor vielen Jahren einen athletischen Mann Mitte 40, querschnittgelähmt. Er erklärte, er werde sein Leben beenden. Er ertrage es nicht, ein Wrack zu sein. Ein paar Monate später stand in den Zeitungen, dass er gestorben sei. Das Bild, das wir anderen zeigen ist nicht unbedingt das Bild, das wir sehen, wenn wir in den Spiegel blicken. Wann jemand sich nicht mehr sehen möchte, das liegt an ihm.

Wer eine klare Vorstellung von sich hat, wem es gelang, diesen Entwurf zu realisieren, dem wird es schwer fallen, zu akzeptieren, dass er ihm mühsam hinterher hechelt. Wer es gewohnt ist, dass er nicht einfach in einem Sessel sitzt, in einem Raum steht, sondern dass das von den anderen als Auftritt empfunden wird, wer sich eingespielt hat in die Rolle des Besonderen, des Einzigartigen, der wird nicht nach Jahrzehnten des Glanzes zurückfallen wollen ins graue Protoplasma der Allgemeinheit. Dass er es am Ende tun wird, das weiß er. Aber das soll dann auch das Ende sein.

Ich weiß nicht, wie viel Anstrengung ihn die Vorstellung kostete, die er zu meiner und zur Freude der Leser bot. Ich kannte Schauspieler, die nach einem Auftritt völlig ermattet in ihrer Garderobe auf dem Boden saßen, eingesunken, in sich versunken. Sie brauchten eine Stunde, um sich zu berappeln und dann in der Kneipe – bei Toni – wieder die bewunderten Stars zu sein, deren Energie nie erlischt.

Am 3. September wäre Fritz J. Raddatz 84 Jahre alt geworden. Kein Alter, höre ich da viele sagen. Aber er war sich zu alt geworden, hatte das Gefühl, nicht mehr zur Gegenwart zu gehören. Er war sich wohl selbst weggerutscht in die Vergangenheit. Die Memoiren, die Tagebücher, diese großen Werke des Schriftstellers Raddatz, waren Publikumserfolge. Mit ihnen war er wieder ganz da. Aber es war nichts Neues.

Raddatz aber liebte das Neue. Er wollte überrascht werden. Wenn nicht von den anderen, dann doch von sich. Vielleicht hatte das nachgelassen. Vielleicht staunte er nicht mehr über seine Einfälle, über die Irrläufe der Flipperkugeln seiner Gedanken. Man soll ihn bei Spaziergängen grüblerisch in sich versunken beobachtet haben. Die Katastrophe für Raddatz war nicht, dass er nicht mehr neugierig auf die Welt war. Die Katastrophe war, dass er nicht mehr neugierig auf sich war.

Aber warum Katastrophe? Einmal ist Schluss. Daran lässt sich nichts ändern. Also kommt es beim Abgang – wie bei jedem Engagement – auf die Konditionen an. Über die scheint Raddatz bis zum Schluss bestimmt zu haben. Das ist mehr als die meisten von uns von sich sagen können.

Raddatz war ein vorlautes, naseweises Bürschchen. Er sah gut aus, liebte Männer und Frauen, wurde von Männern und Frauen geliebt. Mehr als ein normaler Feuilletonist es jemals hinkriegen würde. Er bekam viel Geld, wurde verwöhnt. Er hatte Neider. Jede Menge. Ich bin sicher, dass diese Tatsache seinen Lebensgenuss erhöhte. Allerdings verzieh er den Neidern wohl nicht, dass sie sich nicht einfach an ihm und seiner spektakulären Existenz erfreuen konnten, an seiner Frechheit, seinem Witz und seiner vielleicht auch etwas übertriebenen Einschätzung seiner Fertigkeiten. Sah denn niemand, dass er, hineingeboren ins Dritte Reich, herangereift in der DDR, zum buntesten Vogel der Bundesrepublik geworden war? Zwei fertige Bücher, sagte er mir, habe er bei seinem Nachlassverwalter deponiert. Wir sind gespannt. Er hat es getan. Aber es gibt eine Coda.

Unser Autor hat das letzte Interview mit Fritz J. Raddatz geführt. Sie finden es unter www.berliner-zeitung/raddatz