Man muss nicht Friedrich Schiller aufs Wort folgen, wenn er glaubte, in der Geschichte eine „unvergängliche Kette“ zu finden, „die durch alle Menschengeschlechter sich windet“, um so „unser fliehendes Dasein“ zu befestigen. Man muss ihr Studium nicht als Krückstock nehmen, in der Hoffnung, so sicherer durch die Gegenwart zu wandern. Aber es fällt auf, dass jede Zeit ihre geschichtsschreiberischen Vorlieben hat. Und es fällt auf, dass sich derzeit die Frühe Neuzeit größter Erforschungsbeliebtheit erfreut.

Oft wurde die Zeitspanne zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert entweder lediglich als Vorlaufszeit der heraufkommenden Moderne oder als verschattetes Spätmittelalter genommen. Viel wurde die Reformation als zentrales Ereignis unter dem Schlagwort Konfessionalisierung, also Verfestigung der Welt in Glaubens- und Politiklager beschrieben. Dieses grobe Bild der Reformationszeit hat vor allem der Göttinger Historiker Thomas Kaufmann korrigiert, zuletzt eindringlich in seinem Band „Der Anfang der Reformation“ (Mohr Siebeck, Göttingen 2012, 139 Euro).

Die Frühe Neuzeit tritt hier als eine Epoche auf, die von „mentalen Orientierungskrisen“ geprägt ist, vom Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche, also der Leitinstitution, von konfessioneller Vielfalt, Pluralität und Uneindeutigkeit.

Gefährdete Überzeugungen

Es ist dieser Gedanke, den der Erfurter Ideengeschichtler Martin Mulsow mit seinem fulminanten Buch „Prekäres Wissen“ (Suhrkamp, Berlin 2012, 39,95 Euro) aufgreift. Die Frühe Neuzeit unter das Stichwort des prekären Wissens zu setzen, heißt zur Kenntnis zu nehmen, dass Wissen immer gefährdet ist. Prekär kann vor allem der gesellschaftliche Status von Wissen sein. Inwiefern man gezwungen wird, seine Überzeugungen im Geheimen zu kommunizieren, sei es durch Verbergen der Identität oder der Absichten, lässt sich gerade anhand der Frühen Neuzeit studieren. Denn anders als die „Wissensbourgeoisie“, die auf einen Akzeptanzraum für ihre Äußerungen bauen kann, ist das prekäre Wissen immer gezwungen, Taktiken und Strategien des Verschlüsselns zu entwerfen.

An einzelnen Fallbeispielen werden solche Verstellungstechniken in einem Band des Vereins der Reformationsgeschichte erörtert, herausgegeben von Barbara Stollberg-Rilinger und Andreas Pietsch (Konfessionelle Ambiguität, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2013, 39,99 Euro); deutlich wird dabei vor allem, dass das Europa der Frühen Neuzeit als Laboratorium der politischen und religiösen Praxis zu beschreiben ist, in dem Konfessionalität als eine „stets schwankende und instabile kulturelle Praxis“ ist. „Es gab in der Frühen Neuzeit so etwas wie den Segen der Ambiguität. Religiöse Uneindeutigkeit war in vielen Fällen üblich, alltäglich, nicht erklärungsbedürftig“, schreibt Stollberg-Rilinger. Gleichwohl wurden um die theologischen und philosophischen Grundsatzfragen ausgesprochen heftige „Deutungskämpfe“ geführt.

Die zentrale Frage war dabei jene nach dem Verständnis des Abendmahls, die Frage, ob Gott im Sakrament anwesend ist oder repräsentiert wird. In dem Band „Sakramentale Repräsentation“ (Wilhelm Fink Verlag, Berlin 2012, 49,90), herausgegeben vom Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin, wird aufgewiesen, dass man es gerade hier mit einem „mobilen Feld von Begriffen“ zu tun hat.

Ambiguität, Verstellung, Instabilität, Prekariat – das sind bestens bekannte Begriffe aus der Gegenwart; die Forschung verweist entsprechend auch immer wieder auf Parallelen. Geschichtsschreibung ist immer auch die Suche danach, ob das, was in der Gegenwart geschieht, Vorläufer hat und Vergleiche ermöglicht. Man steht, gibt es sie, nicht allein in der Weltgeschichte; es ist ungemütlicher, zu den Ersten zu gehören. Ist das Instrumentalisierung der Geschichtswissenschaft? Es ist Einbindung der Forschung ins Heute: embedded historism.