Hamburg - Großes Feuilleton – dafür sorgte Fritz J. Raddatz sein Leben lang. Es glückte ihm im Privaten wie im Beruflichen. Da wie dort lieferte er alle Schattierungen: Glamour und Tragik inklusive. Ein Weltbürger und Lebemann, ein „homme de lettres“ und ein Kulturbürger wie er im Buche steht. Ein großer Förderer der Literatur, um nur Hubert Fichte und Kurt Tucholsky zu nennen, ein leidlich erfolgreicher Romancier und eine Spitzenfeder des deutschen Nachkriegsjournalismus. Als Kritiker gefragt und gefürchtet. Denn ein offenes Wort scheute er nie.

Fritz J. Raddatz war eine schillernde Persönlichkeit. Aber auch ein armer Hund. Ein Mann, dem es wohltäte, könnte er nun all die Lobgesänge vernehmen, die nun auf ihn angestimmt werden. Denn wenig ist so gewiss wie Fritz J. Raddatz’ unerschöpflicher Bedarf an öffentlicher Anerkennung.

Da war er ein Gefühlsverwandter von Walter Kempowski. Der Schriftsteller zweifelte auch an Gott und vor allem an der Welt, wenn er sich mal wieder nicht hinreichend beachtet sah. Raddatz selbst nahm dies genervt zur Kenntnis, während er dem Autor, der aus dem Osten kam, auf dessen literarischen Stationen behilflich war. Nur – er selbst gierte kaum weniger nach Ruhm und Beachtung oder wenigstens nach einer Flasche Champagner als Gastgeschenk, wenn er mal wieder zu einem ambitionierten Abendessen geladen hatte.

Weg aus der jungen DDR

Davon kündete zuletzt noch die zweite Lieferung seiner Tagebücher, diesmal die Jahre 2002 bis 2012 abdeckend. Darin platzierte Raddatz selbst einen Hinweis, wie es dazu kommen konnte: „Ich bin in der gesamten Kindheit und Jugend nicht EINmal gestreichelt worden, in den Arm genommen, gar geküsst.“ War es das?

Fritz Joachim Raddatz wurde 1931 in Berlin geboren – die Mutter starb bei der Geburt, der Vater blieb ein Schemen, der Stiefvater war ein Ekelpaket, brutal in jeder Hinsicht. 1946 wurde ein Pfarrer zum Vormund ernannt, mit dem der junge Fritz nach eigener Auskunft eine Affäre hatte. Raddatz zog bald nach Ostberlin, arbeitete beim Verlag „Volk und Welt“ als Lektor, aber kehrte der jungen DDR bereits 1958 den Rücken.

Für die intellektuelle Brillanz und die Durchsetzungskraft des Mannes sprach, dass er auch im Westen zügig Fuß fasste. Er wurde in München Cheflektor des Kindler Verlages (1958–1960) und dann Cheflektor und stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlags. Dem Haus stand damals der mächtige Heinrich Maria Ledig-Rowohlt vor. Mit dem kam es 1969 zum Bruch wegen einer abstrusen „Ballon-Affäre“: Der Verlag kooperierte damals mit dem Verteidigungsministerium, das sozialismus-kritische Bücher per Ballon auf DDR-Gebiet niedersinken ließ. Wäre eine Paradeszene für eine Billy-Wilder-Komödie über den Kalten Krieg gewesen. Und ist auch Thema in dem Erinnerungs-Band „Jahre mit Ledig“, der nun posthum an diesem Freitag bei Rowohlt erscheint.

„Maschine kaputt“

Nicht minder skurril der Abgang als Feuilleton-Chef der „Zeit“ (1977–1985). Der Großkritiker, der auch die „Gruppe 47“ scharfzüngig aufmischte, hatte Goethe zum Frankfurter Bahnhof geschickt. Das passte historisch überhaupt nicht. Der Blackout löste einen Häme-Sturm aus, der Raddatz aus dem Amt fegte.

Raddatz war der Mann, der die Künste liebte, die Frauen zudem, aber noch mehr die Männer: „den Marineoffizier und den Piloten, den portugiesischen Leutnant und den mexikanischen Studenten, Ingenieure, Schriftsteller, gewiss (die One-Hour-Stands mitgezählt) 1000 oder mehr.“ Mit Gerd, seinem Partner, lebte er 30 Jahre zusammen.

Dann kommt der Krebs. Raddatz bemerkt, dass ihn die Künste immer seltener beeindrucken. Vor allem aber: Was er unter Leben versteht, ist ihm nicht mehr möglich – „nämlich produzieren, der Welt etwas hinzufügen (nicht zufügen)“. Das Tagebuch von 2012 endet mit dem Satz: „Maschine kaputt.“ Nun hat er sich, wie die „Zeit“ schreibt, im Alter von 83 Jahren in der Schweiz das Leben genommen.