Der Wechsel in Führungspositionen ist so etwas wie die Königsdisziplin der Unternehmenskultur. An ihm soll sich noch vor allen programmatischen Erklärungen ablesen lassen, wohin die Reise künftig geht. Der Soziologe Niklas Luhmann hat in einem frühen Aufsatz das Warten auf den „neuen Chef“ als Zeit des Umbruchs beschrieben, der alle Bereiche des Unternehmens in eine produktive, aber keineswegs ungefährliche Unruhe versetzt.

Wenn darin die Absicht des Holtzbrinck-Konzerns bei der Verpflichtung des Journalisten und Bestseller-Autors Florian Illies zum neuen Verlagsleiter des Rowohlt Verlages bestand, so ist sie aufgegangen. Die Unruhe ist groß, allerdings nicht mit Blick auf den neuen Chef, sondern hinsichtlich der unrühmlichen Verabschiedung von dessen Vorgängerin Barbara Laugwitz, die seit 2005 in verschiedenen Funktionen für Rowohlt tätig war und nach dem Ausscheiden von Alexander Fest 2014 die verlegerische Leitung übernommen hatte.

„Jetzt ist schon wieder eine Frau rausgekippt worden wie Abfall"

Ihre unprätentiöse, bescheidene, dabei aber durchaus erfolgreiche Art der Verlagsführung, mutmaßen nun einige, sei ihr womöglich zum Verhängnis geworden. Die Besetzung mit Florian Illies jedenfalls wurde nach Bekanntwerden in den Feuilletons umgehend als glamouröse Personalie gefeiert, in deren Glanz das Aus für Laugwitz zunächst kaum weiter beachtet worden war.

Inzwischen haben sich aber eine ganze Reihe prominenter Schriftsteller des Hauses Rowohlt empört über die unrühmliche Abservierung der Verlegerin zu Wort gemeldet. Weltstars wie Paul Auster, Siri Hustved, Jonathan Franzen und Daniel Kehlmann sprangen Laugwitz mit solidarischen Grüßen bei, und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek äußerte sich zu dem Vorgang in der von ihr bekannten Drastik: „Jetzt ist schon wieder eine Frau rausgekippt worden wie Abfall (…) Wir teilen alle unser Schicksal, wir teilen es schwesterlich, denn wir sind alle nichts wert, und dann dürfen wir es wieder wegräumen, wenn es zu groß wird.“

Kontaktsperre verhängt

Seither wird öffentlich als Kommunikationsdesaster bezeichnet, was von der Konzernleitung zuvor wohl noch als übliches Verfahren empfunden worden war. In einer Pressemitteilung vom 29. August jedenfalls glaubte man sich neben einer formalen Danksagung an Barbara Laugwitz hinter folgender Formulierung verschanzen zu können: „Unterschiedliche Vorstellungen über den weiteren Weg haben uns am Ende zu dem Schritt einer Veränderung in der verlegerischen Leitung bewogen.“ Worin die unterschiedlichen Vorstellungen bestanden, hätte die literarische Öffentlichkeit nur allzu gern erfahren, aber in solchen Fällen gehört äußerste Verschwiegenheit zu den obersten Grundsätzen der Geschäftswelt. Über Barbara Laugwitz wurde eine Kontaktsperre verhängt, die jetzt weitere Autoren des Rowohlt-Verlages erzürnt hat.

„Die plötzliche Entlassung in Kombination mit der Unmöglichkeit, mit Frau Laugwitz in Kontakt zu treten, empfinden wir als unverständlich und unwürdig“, heißt es in einer Erklärung, die unter anderem von Katharina Adler, Lucy Fricke, Inger-Maria Mahlke, Thomas Melle, Eugen Ruge, Nis-Momme Stockmann, Margarete Stokowski und Heinz Strunk unterzeichnet wurde.

Kein kreativer Prozess

So naheliegend und verständlich der Unmut der Autoren-Kollegen gegenüber der ruppigen Behandlung ihrer Ex-Chefin auch sein mag, so folgenlos dürfte letztlich ihre Protestnote verhallen. Das Drohpotenzial einer Ankündigung, den Verlag zu verlassen, hat bislang jedenfalls niemand in Erwägung gezogen.

Für den Literaturkritiker Helmut Böttiger weist der Fall ohnehin über die Personalie Laugwitz hinaus. In der missratenen Trennung an der Spitze eines der wichtigsten deutschen Literaturverlage drücke sich für ihn, so Böttiger im Deutschlandfunk, die Krise der Branche insgesamt aus. Das „autorenzentrierte Verlegen“ à la Laugwitz, eine Arbeit, die vom Inhalt her denke, gerate immer mehr ins Hintertreffen. Mit Illies vertraue Rowohlt „auf den Glamourfaktor“ – und müsse nun die Erfahrung machen, dass der Glamour nicht reiche, das Entsetzen über den Umgang mit einer höchst Erfolgreichen zu mildern.

Dass nun auch der als integer geltende Florian Illies beschädigt erscheint, lässt sich seitens des Holtzbrinck-Konzerns kaum noch schönreden. Das hat man dort derzeit auch nicht vor. Man verhält sich vielmehr den Regeln der Geschäftswelt entsprechend, die in solchen Fällen geboten scheinen. Joerg Pfuhl, CEO der Holtzbrinck-Buchverlage, bittet mit Verweis auf die laufende arbeitsrechtliche Auseinandersetzung um Verständnis dafür, dass er nichts kommunizieren könne. In einem Brief an die Autoren ist, wie dpa berichtet, nicht mehr von Kontaksperre, sondern von Missverständnissen die Rede. Niklas Luhmann wusste übrigens, wie es in solchen Fällen weitergeht. Solange das Machtvakuum beim Wechsel vom alten zum neuen Chef nicht gefüllt ist, schalten die Betriebe auf die bewährten Routinen um. Das ist es aber gerade nicht, was man sich in modernen Unternehmen als kreativen Prozess vorstellt.