Alfred Margul-Sperber war der erste literarische Förderer Paul Celans. In einem Empfehlungsschreiben bezeichnete er 1947 seinen Schützling als das „einzige lyrische Pendant des Kafka’schen Werkes“. Beider Quellen sind verwandt, sie liegen im Dunkel der menschlichen Seele, auch in den Tiefen des Talmud. 

In der Rezeption der beiden Autoren gibt es jedoch Unterschiede. Während Kafka zur Pop-Ikone geworden ist, wird man T-Shirts und Kaffeetassen mit dem Konterfei Celans zum Glück vergeblich suchen. Und es gibt unzählige Kafka-Verfilmungen – aber kaum filmische Celan-Adaptionen. Was auch mit der Schwierigkeit zusammenhängt, Lyrik zu verfilmen. Inzwischen sind jedoch eine Reihe sehenswerter Filme entstanden, die sich dem Leben und Werk Paul Celans widmen. Aus Anlass des 100. Geburtstages sollte es eine Retrospektive geben. Aus bekannten Gründen kann diese nicht stattfinden; dennoch hier eine Übersicht.

Die Kino-Essayistin Ruth Beckermann arbeitete für „Die Geträumten“ (2016) zum ersten Mal mit Schauspielern: Anja Franziska Plaschg und Laurence Rupp nehmen im Funkhaus die berühmten Liebesbriefe zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan auf, reden in den Pausen über den Stoff, über Banalitäten. Die Dialoge zwischen Bachmann und Celan schieben sich über die privaten Belange der Sprecher und umgekehrt, bilden etwas Neues, Oszillierendes.

„Gespräch im Gebirg“ war 1999 die Verfilmung eines der wenigen Celan-Prosatexte. Der Schweizer Künstler Mattias Caduff beschwor in diesem Film eine nicht stattgefunden habende Begegnung mit Theodor W. Adorno. Er ringt mit dem hermetischen Text, nimmt ihn auseinander und setzt ihn neu zusammen. Aus der Kombination von inszenierten Situationen und dokumentarischen Szenen ersteht ein komplexes intellektuelles Puzzle.

Rüdiger Sünner nimmt in „Gottes zerstreute Funken“ (2017) Celans Israelreise von 1968 zum Anlass, um den Einfluss jüdischer Mystik auf seine Poesie, vor allem durch die Gedankenwelt von Isaac Luria (1534–1572), zu untersuchen. Der aus Siebenbürgen stammende Regisseur Frieder Schuller konzentriert sich in seinem Spielfilm „Im Süden meiner Seele“ (1988) auf die zwei Jahre, die Celan in der rumänischen Hauptstadt verbrachte. Auf seiner Flucht aus der sowjetisch gewordenen Geburtsstadt Czernowitz über Wien nach Paris machte er hier bis 1947 Station. In Bukarest traf er auf eine Gruppe Surrealisten, für die er u. a. Kafka aus dem Deutschen übersetzte. Schuller zeigt den jungen Poeten unter Gleichgesinnten, die Last der Überlebensschuld fällt teilweise von ihm ab.

Katharina Mihm schließlich hat mit „Gegenlichter“ 2012 eine faszinierende Spurensuche unternommen, die über Rumänien, die Ukraine, Österreich, Deutschland und Frankreich nach Spanien führt und genau recherchierte Hintergründe mit assoziativen Bildern und Tönen verbindet. Die Suche nach Paul Celan wird immer weitergehen.

„Die Geträumten“ und „Gottes zerstreute Funken“ als DVD bei Absolut-Medien.  Die Retrospektive wird nachgeholt.