BerlinGute Nachrichten klingen anders: „Das erste Mal seit unserer Gründung schrumpfen wir“, schreibt Leon Fryszer. „Das ist eine bedrohliche Situation.“

Fryszer ist einer von zwei Vorständen der Journalismus-Plattform Krautreporter. Als sie 2014 freigeschaltet wurde, galt sie als Hoffnung einer Branche, die mit der Digitalisierung massive Probleme hatte. Das Geschäftsmodell von Krautreporter beruhte zunächst auf Crowdfunding: Wer einen bestimmten Betrag zahlte, bekam im Gegenzug werbefreie journalistische Texte, die in den ersten Jahren auch andere User lesen konnten, die nichts bezahlt hatten. Inzwischen ist die Plattform eine Genossenschaft, die 450 Genossenschaftsmitgliedern gehört. Das Problem ist, dass Krautreporter für 2020 noch 1300 Abonnenten fehlen. Das ist nicht wenig, bedenkt man, dass die Sollzahl bei insgesamt 15.000 Abonnenten liegt und das Jahr nicht mal mehr anderthalb Monate hat. „Erreichen wir die 15.000 nicht, brauchen wir einen neuen Plan“, schreibt Fryszer auf seiner Plattform.

Ist aus der Hoffnung von einst ein Sorgenkind geworden? Und was bedeutet der unerfreuliche Geschäftsverlauf von Krautreporter für den Journalismus insgesamt? Ist ihm die Fähigkeit, sich nachhaltig zu erneuern und auch wirtschaftlich zu prosperieren, im digitalen Zeitalter abhandengekommen? Richtig ist, dass bis auf einige wenige Ausnahmen Zeitungen und Zeitschriften weltweit bisher die digitale Transformation nicht geschafft haben. Das Zeitungssterben ist in vollem Gange.

Es gibt nicht nur eine Antwort auf diese Frage

Nun präsentiert der Krautreporter-Gründer Sebastian Esser auf diesen Seiten sein Portal und ähnliche Plattformen als „junge Medien“, die „aus eigener Kraft neue journalistische Geschäftsmodelle geschaffen“ haben. Die sehr akuten Probleme von Krautreporter verschweigt er. Stattdessen kritisiert Esser – übrigens völlig zu Recht – ein 220 Millionen schweres Förderprogramm der Bundesregierung für Presseverlage, das „wettbewerbsverzerrend“ sei. Da aber aus diesem Programm noch kein Geld geflossen ist, kann es auch nicht der Grund für die Probleme von Krautreporter sein.

Zeitungen kennt Esser offenbar nur in gedruckter Form. Dass sie längst auch digital erscheinen, geht aus seinem Text kaum hervor. Dabei liegt hier ein zentrales Problem: Vom E-Paper mal abgesehen, können Zeitungen ihre digitalen Aktivitäten ebenso wenig monetarisieren wie Krautreporter sein Portal. Es mag ja sein, dass Essers Plattform ihre Probleme in den Griff bekommt und tatsächlich eine Antwort auf die Frage sein wird, wie der Journalismus der Zukunft aussieht. Allerdings ist die Medienlandschaft viel zu komplex, als dass es auf diese Frage nur eine Antwort gäbe.

Wenn man wissen will, wie solche Antworten aussehen können, muss man zunächst analysieren, welche Probleme die etablierten Medien konkret mit der Digitalität haben. Das größte Problem ist zweifellos, dass die Werbeeinnahmen der Presse sich gerade nahezu komplett in Luft auflösen. Im analogen Zeitalter war Raum für Anzeigen eine rare Ware. Es gab nur den Platz, den Zeitungen und Zeitschriften dafür bereitstellten. Folglich verdienten die Verlage an Werbung prächtig. Der Copypreis ihrer Blätter deckte die Kosten für Druck und Vertrieb. Die Anzeigenerlöse waren, nach Abzug der Kosten für die Redaktion, quasi Reingewinn.

Die New York Times hat die digitale Transformation geschafft

Tempi passati. Im Internet ist der Platz für Werbung unbegrenzt – und deshalb vergleichsweise günstig. Gatekeeper sind hier nicht irgendwelche Verlage, sondern weltweit operierende Tech-Konzerne wie Google und Facebook. Derweil verabschieden sich immer mehr Werbetreibende aus dem Print, weil die Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften erodieren. Und dennoch gibt es einige wenige Medien, denen es gelungen ist, ihre Einnahmen aus dem Lesermarkt zu steigern. Titel wie der Economist, die New York Times oder die Financial Times haben die digitale Transformation geschafft. Das ist ihnen gelungen, weil sie ihren Lesern attraktive digitale Angebote machen. Der Hauptgrund für ihren Erfolg ist aber ein anderer: All diesen Blättern ist es gelungen, ihre Reichweite weit über ihre eigentlichen Heimatmärkte hinaus auszudehnen. Das fällt ihnen vor allem deshalb leicht, weil sie im angloamerikanischen Sprachraum erscheinen. Und Englisch spricht man überall auf der Welt.

Ausgehend von dieser Beobachtung fordert der scheidende Auslandschef des US-Medienhauses Condé Nast (Vogue, GQ), Wolfgang Blau, schon seit längerem die Entwicklung einer Übersetzungssoftware speziell für europäische Verlage. Mit einer solchen Software wäre den Europäern, so Blau, mehr gedient als mit der Entwicklung eines europäischen Google oder Facebook. Da ist was dran. Die Reichweite digitaler Angebote europäischer Verlage könnte sich so gewaltig erhöhen. Allerdings dürfte nur eine Handvoll überregionaler deutscher Titel, wie der Spiegel, Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, die FAZ und vielleicht noch das Handelsblatt für ausländische Leser interessant sein.

Das Herz des deutschen Journalismus schlägt aber nach wie vor in den vielen Regional- und Lokalzeitungen, denen eine solche Übersetzungssoftware kaum etwas brächte. Diesen Blättern geht es besonders schlecht. Umso erstaunlicher ist es, dass auch ihre Verleger sich nach wie vor mit Händen und Füßen gegen die Übernahme eines Prinzips stemmen, das sich bei den digitalen Angeboten nahezu aller anderen Medienbranchen längst durchgesetzt hat: Es nennt sich Unbundling the Bundle, was sich in etwa mit Entbündelung des Bündels übersetzen ließe. Gemeint ist damit, dass in der analogen Welt Medienkonzerne ihre Inhalte gern als Bouquet darboten. Wer einen bestimmten Song eines Künstlers mochte, musste dessen komplettes Album kaufen, weil das Stück anderweitig nicht zu haben war. Und TV-Zuschauern und Radiohörern schrieb der Programmdirektor vor, was sie wann zu sehen und zu hören hatten.

Der Einzelverkauf von Zeitungsartikeln wird verweigert

Heute, im Zeitalter digitaler Media- und Audiotheken ist das Programm längst entbündelt. Die Musikindustrie wurde bereits 1999, damals startete die digitale Musiktauschbörse Napster, als allererste Medienbranche mit der Endlichkeit der von ihr geschnürten Bündel konfrontiert. Nur die Zeitungs- und Zeitschriftenbranche weigert sich standhaft, einzelne Artikel zu verkaufen.

Das heißt, einen Versuch gab es schon: 2015 startete das niederländische Start-up Blendle auch hierzulande mit dem Verkauf einzelner Artikel. Zu seiner Hochzeit hatte das Angebot nahezu alle deutschen Verlage an Bord. Doch so gut wie kein Verlag informierte seine Leser darüber, dass die Artikel seiner Blätter nun auch einzeln erhältlich waren. Und für eine eigene Werbekampagne fehlte Blendle das Geld. Im Prinzip war das Projekt für Verlage eine Alibiveranstaltung, die den Nachweis erbringen sollte, dass sich der Einzelverkauf von Artikeln nicht lohnt. Obwohl es Blendle mit ausgedünntem Angebot in Deutschland noch gibt, hat sich die Sache im Prinzip erledigt.

Natürlich ist aus Verlegersicht der Verkauf der kompletten Zeitung im Abonnement dem einzelner Artikel vorzuziehen. Denn die Erlöse sind höher und sprudeln verlässlicher. Es ist allerdings fraglich, ob dieses Modell noch lange funktioniert. Wirklich etabliert ist das Zeitungsabo nur noch bei den Baby Boomern – also der Generation 50-plus – und bei noch älteren Zielgruppen. Jüngere können damit nichts mehr anfangen.

Das sind für die Branche keine schönen Aussichten. Die Zeiten, in denen mit dem Verkauf journalistischer Produkte hohe zweistellige Renditen erzielt werden konnten, sind vorbei. Wenn die Verleger der Berliner Zeitung sagen, Triebfeder bei dem Erwerb dieses Blattes sei „zivilgesellschaftliches Engagement“ gewesen, ist das keine Koketterie. Es gibt schlicht nicht viele andere Gründe, um heute einen Zeitungsverlag zu kaufen. Unternehmer, die mit Journalismus (viel) Geld verdienen wollen, sollten sich besser ein anderes Betätigungsfeld suchen.

Journalismus muss liquide genug sein, juristischen Prozessen standzuhalten 

Es ist sehr gut möglich, dass es eines Tages nicht genug Verleger geben wird, die bereit sind, in dieser schwierigen Branche ins Risiko zu gehen. Die Anzeichen, dass es so kommt, sind unübersehbar: Die DuMont Mediengruppe (Kölner Stadt-Anzeiger), der bis 2019 auch die Berliner Zeitung gehörte, hat alle Blätter abgestoßen, die nicht an ihrem Kölner Stammsitz erscheinen. Zuvor hatte sich bereits das Medienhaus Axel Springer (Bild, Welt) von den meisten seiner Zeitungen und Zeitschriften getrennt. Es verdient heute mehr Geld mit Rubrikenportalen wie Stepstone oder Immowelt als mit Journalismus.

Portale wie Krautreporter können die Lücke, die sich hier auftut, nicht schließen. Dazu sind sie zu klein. Journalismus ist auch deshalb sehr teuer, weil Verlage Ressourcen für juristische Auseinandersetzungen vorhalten müssen, die richtig ins Geld gehen. Es gibt genug vermögende Privatpersonen, Konzerne, aber auch staatliche Stellen, die unliebsame Berichterstattung mit der Androhung langwieriger, teurer Prozesse im Keim zu ersticken versuchen. Ein Journalismus, der den Mächtigen mit den ganz tiefen Taschen mangels Rücklagen nicht auf die Finger schauen kann, ist aber keiner.

Es ist absehbar, dass hierfür neue Finanzquellen erschlossen werden müssen. In den USA werden Stiftungen immer wichtiger, die ambitionierte journalistische Projekte wie die auf investigative Recherchen spezialisierte Organisation Pro Publica finanzieren. In Deutschland gibt es mit dem von der Brost-Stiftung unterstützten Recherchezentrum Correctiv ein verwandtes Projekt. Insgesamt jedoch ist die Stiftungskultur hierzulande viel zu wenig ausgeprägt, als dass sich der Journalismus auf sie verlassen könnte.

Die Pressefreiheit darf nicht von der Presse abhängen

Hier könnte eine staatliche Förderung ins Spiel kommen. Allerdings steckt die Politik in einem Dilemma: Die vom Grundgesetz garantierte Pressefreiheit ist zu wichtig, um sie mangels Presse einfach vor die Hunde zu gehen zu lassen. Andererseits kann staatliche Förderung die Unabhängigkeit der Presse massiv beschädigen.

Es ist erstaunlich, dass dieser Konflikt der Bundesregierung bei der Erarbeitung ihres Förderprojekts für Presseverlage offenbar nicht mal ansatzweise bewusst war. Es ist grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, wenn der Staat die Zukunft des Journalismus absichern will. Dass die Bundesregierung aber glaubt bestimmen zu dürfen, welche Medien wofür in den Genuss der von ihr gewährten Förderung kommen, ist ein ordnungspolitischer Sündenfall ersten Ranges. Der Kritik von Krautreporter-Herausgeber Esser an dem Förderprogramm kann man sich nur anschließen.

Wer in die staatliche Förderung der Presse einsteigen will, muss zuvor unabhängige Gremien ins Leben rufen, die über deren Verwendung entscheiden. Diese Gremien müssen weitaus staatsferner organisiert sein als die Rundfunk-, Fernseh- und Verwaltungsräte der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, in denen nach wie vor Politiker an wichtigen Hebeln sitzen. Klar ist: Eine solche Förderung kann nur eine Lösung für die Probleme des Journalismus sein. Lebten wir in einer idealen Welt, sollten wir ganz auf sie verzichten.