Berlin - Vor 50 Jahren besuchte Willy Brandt als deutscher Bundeskanzler die polnische Hauptstadt und tat etwas, das die deutsch-polnischen Beziehungen neu sortieren, wenn nicht sogar revolutionieren sollte: Er unterzeichnete den Warschauer Vertrag und akzeptierte damit die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze zu Deutschland. Noch viel wichtiger war aber eine symbolische Geste – der Kniefall von Warschau. Willy Brandt (selbst Widerstandskämpfer während der NS-Zeit) besuchte das Mahnmal der Toten des Warschauer Ghettos und gedachte der Opfer des Hitler-Regimes, indem er sich, in stiller Trauer, auf Knien verneigte. Als Deutscher im Ausland bat er für sein Land um Vergebung. Eine würdevolle Geste, die sich in das Gedächtnis der Bundesrepublik einbrennen sollte.

In Deutschland löste der Kniefall eine Kontroverse aus. In Polen wiederum wurde sie vom kommunistischen Regime heruntergespielt. Die Gründe dafür spiegeln die komplizierten Verstrickungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die bis in die Gegenwart reichen. Die polnische Regierung hatte 1968, zwei Jahre vor Willy Brandts Besuch, eine antisemitische Kampagne gestartet. Intellektuelle, Politiker und Würdenträger mit jüdischen Wurzeln wurden aus dem Land gejagt, weil sich Polen vor einer Einflussnahme von außen fürchtete. Zugleich spielte in die Aktion der polnische Antisemitismus hinein, den es offiziell in Polen nicht gab und nie gegeben hatte.

Gegenwärtige Rekonstruktionen zeigen, dass Polens Regierung enttäuscht darüber war, dass Willy Brandt für seinen symbolischen Kniefall das Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos ausgewählt hatte und nicht das Grabmal des Unbekannten Soldaten, das an die polnischen Opfer und deren Kampf um Polens Unabhängigkeit während des Ersten Weltkriegs erinnert. Brandt hatte sich dort nicht hingekniet, sondern nur einen Kranz niedergelegt.

Kaczynski will ein Zeichen setzen

Dahinter steckte ein Vorwurf, der auch heute noch nicht ganz vom Tisch ist: dass die deutsche Regierung Polens Märtyrertum, die hohen Kriegsschäden und Opfer nicht mit der nötigen Größe und gerechten Wiedergutmachung anerkennt und entschädigt. Dieser Vorwurf ist nicht milder geworden, er hat sich geradezu verschärft. Jüngstes Beispiel ist die Posse um den neuen deutschen Botschafter in Warschau, Arndt Freytag von Loringhoven.

Seine Entsendung im Sommer 2020 durch das Auswärtige Amt stieß in Polens Regierungskreisen auf Kritik, weil von Loringhovens Vater, Bernd Freytag von Loringhoven, ein enger Mitarbeiter Hitlers war. Der Major hatte den Führer 1945 bis in seinen Berliner Bunker begleitet. 

Es ist kein Geheimnis, dass Polens Minister die Personalie als Provokation interpretierten. Das haben einflussreiche polnische Regierungspolitiker in vertraulichen Gesprächen mit der Berliner Zeitung bestätigt. Drei Monate konnte der Botschafter nicht ernannt werden, die Stelle war vakant. Jaroslaw Kaczynski soll die Entsendung als persönliche Ohrfeige empfunden haben, als Gehässigkeit Angela Merkels, und wollte Gerüchten zufolge durch seine Blockadepolitik ein Zeichen setzen, um zu beweisen, dass sich Polen von dem westlichen Nachbar nicht herumschubsen und entwürdigen lasse.

In Polens Vorwürfen steckt ein Stückchen Wahrheit

Ähnlich muss man Polens Veto gegen den EU-Haushalt sehen. Für konservative Polen wird Deutschlands Kritik an der polnischen Rechtsstaatlichkeit als Arroganz, Besserwisserei und illegitime Einflussnahme interpretiert. Zugleich weisen die Konservativen darauf hin, dass Deutschland dem Land immer noch Milliarden von Euro für die Schäden während des Zweiten Weltkriegs schulde. Das Trauma sitzt tief. Es wirkt bis heute. Die Polen sehen ihr Leid nicht anerkannt.

Wie so oft steckt in den Vorwürfen immer ein Stückchen Wahrheit. Natürlich haben deutsche Liberale eine andere Vorstellung von Demokratie als polnische Radikalkatholiken, wie sich im aktuellen Streit um das Abtreibungsverbot zeigt. Natürlich hat Polen ein Recht, für seine Interessen einzustehen. Trotzdem muss das Land Kritik aushalten können – und die Deutschen sollten in der Bewertung von Polens Politik niemals vergessen, dass da nicht ein ganzes Land, sondern eine polnische Regierung spricht. Diesen Unterschied sollte jeder Deutsche und jeder Pole registrieren, um die nachbarschaftlichen Beziehungen nicht schlechter zu machen, als sie sind. 

Sicher, 50 Jahre nach dem Kniefall von Warschau ist das Verhältnis angespannt. Dabei muss man bedenken: Auch Polens Innenpolitik ist angespannt. Es kann sehr gut sein, dass die deutschlandfreundlichen Stimmen bei den nächsten Wahlen 2023 einen Sieg erringen und den Kurs in Warschau um 180 Grad drehen. Es ist eben wie in einer Beziehung: Sie kann kriseln. Streit stellt sie auf die Probe, Versöhnung macht sie stark.