Für seinen Roman "Beste Absichten" erfindet Thomas Brussig eine DDR-Rockband "die Seuche"

Geschockt stolpert der 22-Jährige, den später alle „Äppstiehn“ nennen, aus dem Wehrkreiskommando. Fahne! Jetzt! Die Drohung ist deutlich, die Verzweiflung am Anfang von Thomas Brussigs Buch „Beste Absichten“ für jeden nachvollziehbar, der damals in der alten DDR in derselben Situation steckte. Äppstiehn, der am Anfang noch keinen Namen hat, später aber den des Beatles-Managers Brian Epstein verliehen bekommt, taucht auf der Flucht vor bösen Ahnungen ab in die Kelleretage Berlin. Und trifft ganz zufällig eine Band beim Proben, die sich Die Seuche nennt.

Unverwechselbarer Strich

In Wirklichkeit hat es diese Kapelle nie gegeben. Brussig, 52, und seit „Helden wie wir“ und „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ der Superstar des ironischen DDR-Romans, bastelt sich sein Denkmal des unbekannten Rockers aus den Versatzstücken, die in der Erinnerung übrig sind. Sylke, die Sängerin, ist ein bisschen Bobo, André, der Gitarrist, erinnert an deren so früh verstorbenen Begleiter Frank Heise. Dazu gibt es einen Basser, einen Trommler und einen Keyboarder, von Brussig alle mit unverwechselbarem Strich gezeichnet.

Und es gibt jede Mange großer Träume, die in der engen DDR schneller an Grenzen stoßen, als selbst der fingerflinke André die Hendrix-Version der US-Hymne nachgniedeln kann. Viel näher an das, was Brussig hier als privates Panorama einer kleiner Gruppe von Menschen aufblättert, lässt sich der Realität dessen, was damals war, nicht mehr kommen. Erzähler Äppstiehn, von Beruf Portier im Berliner Nobelhotel „Metropol“, hört in der Musik der Seuche erstmals ein Versprechen von Freiheit und Grenzenlosigkeit.

Manager der Seuche

Trist ist der Alltag in diesem letzten halben Jahr der DDR, Verfall ringsum und die „Anwesenheit eines Staates bei gleichzeitiger Abwesenheit von Gesetzen“, wie er es nennt. Doch als frischgebackener Manager der Seuche kann er den Ruhm riechen und den Erfolg schmecken, zu dem nur noch ein Weg gefunden werden muss.

Den es dann doch nicht gibt. Inspiriert von drei ebenso wahren wie skurrilen Heldengeschichten, wie es sie vielleicht wirklich nur in der DDR geben konnte, erzählt Brussig, auf 192 Seiten ungewohnt kurzangebunden, von der Tragödie einer Generation, die vom Zug der Zeitgeschichte überholt und überrollt wird. Das Leben, das Sylke und André, Keyboarder Sebastian, Drummer Micha und Manager Äppstiehn vor sich sehen, löst sich in jenem Jahr 1989 auf wie Badesalz in heißem Wasser. Der Staat ist mit Selbsterhaltung beschäftigt, das mögliche Publikum mit Umsturz und allerlei Alltagsdingen, die nicht liegenbleiben dürfen.

Dann fällt die Mauer

Auch Die Seuche muss weitermachen, größer und besser. Äppstiehn, der mit Geld umgehen kann, wie seine unbeholfenen Musikerfreunde feststellen, schmiedet einen Plan, zur Stärkung der finanziellen Bandbasis zurückgelassene Autos von Prager Botschaftsflüchtlingen aufzukaufen und in der DDR teuer zu verscherbeln. 141000 DDR-Mark bringt das. Doch als das Geld auf dem Konto ist und die neue Anlage gekauft werden könnte, fällt die Mauer.

Nicht nur die DDR ist am Ende, sondern auch die Band, von der Äppstiehn nun glaubt, sie sei nur Ersatz gewesen für all die Freiheiten, die es nicht gab. Wie im Großen fällt auch im Kleinen der Zusammenhalt weg, die Band zerbricht nicht, sie verschwindet. Die Abschiedsvorstellung findet in New York statt, dessen überall sichtbarer Verfall Äppstiehn an die DDR erinnert. Der Klub ist winzig, der Jubel überschaubar. Aber die Frau mit der großen Brille an der Bar, raunen sie sich danach zu, war das nicht Yoko Ono?