Wochenkalender und Besucherbücher Georg Kolbes aus den Jahren 1938 bis 1947, im Hintergrund ein expressionistisches Gemälde und eine frühe Arbeit Max Beckmanns.
Foto: Georg-Kolbe-Museum/N. Hausser/2020

Berlin-Gründonnerstag herrscht freudige Aufregung im Haus an der Sensburger Allee, dem einstigen Refugium und Atelier des großen deutschen Bildhauers Georg Kolbe (1877-1947). Der Inhalt von 108 großen Umzugskartons, die aus Kanada kamen, wird von Museumsdirektorin Julia Wallner öffentlich gemacht. Und zwar auf völlig neue Art und Weise. Die Pressekonferenz gibt es wegen der derzeitigen Corona-Kontaktsperre online.

Letztes Jahr verstarb Georg Kolbes Enkelin, Maria von Tiesenhausen im Alter von 90 Jahren in Kanada. Sie hatte bis zuletzt in engem Kontakt mit dem Kolbe-Museum gestanden und verfügt, dass ihr Nachlass nach Berlin gehen solle.

Nun zeigt es sich, dass damit ein entscheidender und bisher vollkommen unbekannter Teil des Schaffens und Lebens von Georg Kolbe an Haus gelangt: Über 100 originale Zeichnungen, Aquarelle und Skulpturen des Bildhauers, mehr als 3000 Briefe, so von Künstlerkollegen wie Max Pechstein und Else Lasker-Schüler, Korrespondenzen mit Kolbes zumeist jüdischen Kunsthändlern, etwa Alfred Flechtheim. Auch die Korrespondenzen mit seiner Frau Benjamine sowie mit seinem Bruder Rudolf, Architekt in Dresden, und mit Museumsleuten. Dazu kommen Notizhefte und Taschenkalender aus den Jahren 1933-47, 50 Fotoalben und über 3000 historische Fotografien.

Katastrophen und Zäsuren

Nun ist es möglich, den Lebensweg Kolbes vollständig zu dokumentieren und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Gerade auch sein Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus. Ein so umfassender Nachlass ist für kaum einen Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekannt. Kolbe durchlebte 70 Jahre deutscher Geschichte und zwar den Zeitraum mit den gravierendsten politischen Entwicklungen, Katastrophen und Zäsuren. Er wuchs im Kaiserreich auf. Um 1910 hatte er als Bildhauer erste Ausstellungen, dann kam der Erste Weltkrieg; er wurde Soldat.

Mehr als 3.000 Briefe und Fotografien. Hier ein Brief von Max Pechstein an Georg Kolbe aus dem Sommer 1920.
Foto: Georg-Kolbe-Museum/N. Hausser/2020

Danach stellte sich Erfolg ein, speziell in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre – zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise. Nicht zu Unrecht hielt man ihn für einen der Repräsentanten der Weimarer Republik. Der linksliberal denkende Kolbe hatte Friedrich Ebert und andere SPD-Politiker porträtiert, schuf zwei Heine-Denkmäler und eine Brunnen-Skulptur für den jüdischen Unternehmer und Politiker Walther Rathenau. Kolbe war Mitglied in fortschrittlichen Künstlerverbänden und eng verbunden mit jüdischen Kunsthändlern, vor allem Alfred Flechtheim. Dafür wurde er von rechtsnationalistischen Kreisen angefeindet: Gerade nach seiner Sowjetunion-Reise 1932, von der er romantisch verklärt berichtete, aber die stalinistischen, diktatorischen Züge dieser „neuen Gemeinschaft“ vor lauter Begeisterung übersah. Das wurde ihm später angekreidet.

Kolbes Stil und die NS-Zeit

Georg Kolbe war 56 Jahre alt, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, und bei Kriegsende war er 68. Nur zwei Jahre hat er danach noch gelebt. Heute wird kritisch nach der Rolle Georg Kolbes als Bildhauer in der NS-Ära gefragt. Sein typischer klassischer und idealisierender Figurenstil, die athletischen Gestalten von Männern und Frauen kamen aus seinem tiefen Traditionsverständnis und dem Sinn für Schönheit.

Über 100 Originalzeichnungen und zahlreiche Druckgrafiken von Georg Kolbe, hier eine Tuschzeichnung aus den 1920er-Jahren.
Foto: Georg-Kolbe-Museum/N. Hausser/2020

Aber Kolbe war kein NSDAP-Mitglied, hat sich nicht den Nazis angedient. Auch seine Menschen-Paare und der berühmte „Aufsteigende Mann“, der ihm zur Verkörperung von Nietzsches „Zarathustra“ wurde, entstanden fern der Ideologie. Wohl aber griffen NS-Bildhauer wie Breker und Thorak diese idealisierende Figurenstilistik für sich auf, trieben sie zur Perfektion. Kolbe, der Adolf Hitler, wie es in vielen Briefen lesbar wird, verachtete und dessen Plastiken, etwa von Rathenau und auch die Heine-Denkmale, Göring aus dem öffentlichen Raum entfernen ließ, zählte zwar nicht zu den „Entarteten“, aber er bekam vom Regime auch keine Aufträge und formulierte in Briefen darüber allerdings verbittert die Zurückweisung. Er war kein Widerständler,  war er damit aber ein Mitläufer?

Wir erlebten im letzten Jahr, vor dem Hintergrund der großen Schau der Nationalgalerie, die intensive Auseinandersetzung mit dem ambivalenten Wirken des einstigen Brücke-Expressionisten Emil Noldes während der NS-Zeit. Nur lässt sich das Verhalten eines Künstlers in einer Diktatur nicht mit Schlagworten charakterisieren. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, da sind viele Graustufen. Die Aufarbeitung dieses Nachlasses des Kolbe-Enkelin wird die Forschung schlauer machen.

Alle Infos: www.georg-kolbe-museum.de