Bei der Fête de la Musique entstehen viele Konzerte spontan.
Foto: Fête de la Musique/Jim Kroft

BerlinDer Charme eines Straßenfestivals zeigt sich meist am Spontanen. Die spontane Entscheidung hinzugehen, die spontanen Show-Einlagen von Künstlern und die Ungewissheit, ob das Wetter hält. Der Obolus, den Besucher dafür aufbringen ist meist gering. 

Mit dem Coronavirus hat sich das Flair auf Berlins Straßen verflüchtigt. Das Myfest und der Karneval der Kulturen wurden bereits vor Wochen abgesagt. Mit der Initiative United We Stream haben sich dann deutschlandweit DJs und Clubbetreiber zusammengetan, um im Netz aufzulegen und Spenden zu sammeln. Ihnen folgten Bands und Veranstalter. Doch jetzt, da allmählich wieder das Leben in die Stadt einkehrt, ist da ein Stream noch die ideale Lösung?

Das Hamburger Reeperbahn Festival plant bereits eine pandemiegerechte Umsetzung für September – mit Hygiene- und Abstandsvorgaben. Die Zitadelle in Spandau will unter denselben Bedingungen ab Juli wieder öffnen. Doch für die Veranstalter des Torstraßen Festivals kam dies nicht mehr infrage. „Zum Beginn der Corona-Pandemie waren wir mit unseren Planungen für das Festival schon weit fortgeschritten“, sagt Andrea Goetzke, eine von vier Kuratoren des Festivals. „Das Line-up war komplett und die Veranstaltung musste nur noch produziert und durchgeführt werden.“

Ursprünglich war das Torstraßen Festival für den 12. bis 14. Juni angesetzt. Es sollte die Jubiläumsausgabe zum zehnjährigen Bestehen werden. Da die Veranstaltung mit öffentlichen Fördergeldern bezuschusst wurde und diese zum Teil bereits in die Planung einflossen, konnte es laut Goetzke nicht auf das nächste Jahr verschoben werden. „Von daher haben wir uns entschieden, die verfügbaren Ressourcen in die Künstler zu investieren, und ihnen immerhin gefilmte Auftritte zu ermöglichen, um so auch eine volle Gage zahlen zu können“, sagt die Kuratorin.

Der Livestream zum Torstraßen Festival 2020.

Video: Arte Concert/United We Stream

Und dennoch konnte das Festival auch nicht wie geplant im Stream umgesetzt werden. Um einen etablierten Platz zu haben, wollten die Machen am 15. Juni den Streaming-Slot von United We Stream bei Arte Concerts nutzen, doch der reichte nur für neun von 40 Künstlern. Eine geplante Live-Performance durch Berlin und eine digitale Ausstellung sollten dann das Programm erweitern. Statt drei Tage gastiert das Festival nun zwei Wochen im Netz. Doch lohnt es sich?

Offizielle Zahlen konnte Goetzke noch nicht nennen. Während des Livestreams waren bei der jungen Berliner Postpunk-Band Shybits rund 200 User auf dem Facebook-Kanal des Torstraßen-Festivals zu sehen (der Stream wurde auf mehren Plattformen geteilt). Bei dem Berliner Singer- und Songwriter Nansea waren es 170 User. Knapp eine Woche nach der Ausstrahlung, sind rund 50.000 Views beim Facebook-Stream erkennbar. So viele Besucher hätte das Festival in den kleinen Clubs, in denen es sonst gastiert, nicht untergebracht. Meist rechnen die Veranstalter mit rund 2000 Gästen. Also ist es ein Vorteil, dass die Besucher sich nicht an Ort und Uhrzeit halten müssen. Doch der Sound kann nicht mit dem eines Clubs mithalten. Auch fehlen bei den Künstlern oft spontane Ansagen. Es ist ein wenig wie bei Fernsehsender MTV: Bands auf Bildschirmen. Und wenn die nicht gut performen, wird weitergezappt.

Das Ziel der Veranstalter ist jedoch nicht, im Netz langfristig zu bestehen. „Es kann keine echte Alternative zu einem Live Event mit Menschen geben“, sagt Katja Lucker, Geschäftsführerin vom Musicboad Berlin. „Aber ich finde, wir machen das Beste aus dem, was möglich ist.“ Gemeinsam mit dem Kurator der Fête de la Musique, Björn Döring, hat sie die 25. Ausgabe der Berliner Fête am 21. Juni organisiert. Ein Event, zu dem jährlich zwischen 70.000 und 100.000 Zuschauer kommen und auf das sie auch dieses Jahr nicht verzichten wollten.

Bei der Fête de la Musique performt die Band Nosoyo im Badezimmer.

Video: Nosoyo Music

Auf www.fetedelamusique.de haben sie über 130 Angebote versammelt. Das Indie-Pop Duo Nosoyo hat etwa ein Video aufgenommen, in dem es aus dem Badezimmer heraus einen Song spielt. Auf den Bühnen im Haus der Statistik findet hingegen eine Open-Air-Jam-Session statt. Hier sollen neun Musiker mit ausreichend Abstand spielen. Die Show ist mithilfe der Streaming-Plattform Twitch abrufbar. Doch 15 Minuten nach Beginn war immer noch kein bewegtes Bild zu sehen. „Für den Streaming-Tag fürchten wir natürlich die Dinge, mit denen seit März alle zu kämpfen hatten: Stromausfall, Server-Kollaps, schwarze Bildschirme, überschätzte Upload-Kapazitäten ...“ , sagte Döring vor dem Veranstaltungstag. Ein Aufruf zu Straßenmusik oder spontanen Aktionen im öffentlichen Raum sei für sie aber nicht möglich gewesen: Die Beteiligten würden sich nach dem richten, was die Veranstalter vorgeben. „Ein Konzert oder eine DJ-Session auf der Straße kann eine Dynamik nehmen, bei der es dann doch zu großen Menschenansammlungen kommt.“

„Wir befinden uns leider immer noch in einer Krise insgesamt, sowieso was die Live Venues und auch die Clubkulturszene anbelangt“, ergänzt Katja Lucker. „Wir verlieren im schlimmsten Fall Orte, die sich nicht halten können bis zum nächsten Jahr und im aller, aller, schlimmsten Fall von respektlosen Immobilienankäufer mit Handkuss übernommen werden. Das muss dringend verhindert werden!" Sie hofft, dass sich die Szene bis zum nächsten Jahr erholt hat und es eine Förderung gibt, die in Zukunft greift. Doch sie weiß, dass es sicher „noch Monate“ dauern wird, „bis wir wieder normale Konzerte genießen können“.

Das nächste Event, das Lucker plant, ist das Popkultur Festival in der Kulturbrauerei. Doch dieses wird ebenfalls nicht stattfinden wie gewohnt. „Wir arbeiten aktuell an der Vorproduktion einer Show, die dann ausgestrahlt, aber nicht live gestreamt wird“, sagt sie. Sie wollten damit etwas anders ausprobieren. Eine gute Idee, wenn man sich die hochwertigen Produktionen der Konkurrenz im Netz ansieht, mit der die Veranstalter um Views und Klicks kämpfen. Doch es fehlt die Stimmung, der Charme, das Spontane.