Der Regisseur Faraz Shariat
Foto:  Salzgeber

BerlinMan kennt das im deutschen Kino: Ein junger Regisseur dreht frisch nach dem Studium seinen ersten Film, plündert dafür die eigene Autobiografie und erzählt eine Geschichte über das Erwachsenwerden in der Provinz. Genau diese Beschreibung trifft auch auf „Futur Drei“ zu – und doch ist der erste Spielfilm von Faraz Shariat ein Ereignis, wie man es hierzulande so noch nie gesehen hat.

Der entscheidende Unterschied zu vergleichbaren Debüts ist Shariat selbst, geboren 1994 in Köln. Für junge Kerle wie ihn, den queeren Sohn iranischer Einwanderer, gibt es in der traditionell heterosexuellen und vor allem sehr deutschen Filmlandschaft eigentlichen keinen Platz, weder hinter noch vor der Kamera. Weswegen der Regisseur, Absolvent der Universität Hildesheim, seinen Protagonisten in „Futur Drei“ nun auch der eigenen Person nachempfunden hat: um endlich jemanden wie sich selbst im Kino repräsentiert zu sehen.

Parvis (gespielt von Benjamin Radjaipour) führt ein typisches Millennial-Leben, zwischen Kinderzimmer im bürgerlichen Elternhaus, langweiligen Provinz-Partys und anonymen Sex-Dates. Die unbedarfte Selbstverständlichkeit dieser Existenz gerät ins Wanken, als er zu Sozialstunden in einer Unterkunft für Geflüchtete verurteilt wird, wo er das iranische Geschwisterpaar Banafshe (Banafshe Hourmazdi) und Amon (Eidin Jalali) kennenlernt.

„Uns ging es um den Gedanken, uns etwas rück-anzueignen, das im deutschen Kino und Fernsehen eigentlich permanent unter- oder misrepräsentiert wird. Wir wollten eine Opposition formulieren und etwas Selbstermächtigendes machen, das war unser Drive“, sagt Shariat im Interview mit Blick auf das hinter dem Film stehende Kollektiv Jünglinge, das er mit seinen früheren Kommilitoninnen Paulina Lorenz und Raquel Molt gegründet hat. „Wir wollten ein Angebot machen für etwas anderes, für eine Möglichkeit oder ein Potenzial, das in unserer queeren, post-migrantischen Perspektive steckt. Wir hatten Lust, Gefühle wie Sehnsucht, Gemeinschaft, Leidenschaft in einer Coming-of-Age-Tradition ernst zu nehmen und wollten vor allem diese Figuren mehr sein lassen als die Konflikte, die sie umgeben.“

Die Befürchtung, „Futur Drei“ könnte sprödes Agenda-Kino sein, in dem es vor allem um eine Botschaft geht, läuft erfreulicherweise ins Leere. Zu viel Authentizität durchweht den Film, nicht nur weil Shariat seine eigenen Eltern besetzt hat und Familienvideos aus seiner Kindheit integriert. Sondern auch weil er weder große Gefühle noch große Bilder scheut: Ästhetik und Stilbewusstsein, Coolness und eine Lässigkeit im Umgang mit Licht und Farben spielen eine entscheidende Rolle in diesem Film, genauso wie ein Sinn für Pop – sei es in Form von „Sailor Moon“-Referenzen oder trashigen Eurodance-Nummern.

Faraz Shariat: Wir mussten den Spagat zwischen politischer Agenda und Story schaffen

„Wir wollten nicht, dass sich der Film am Ende anfühlt wie eine kulturwissenschaftliche Hausarbeit. Deswegen war es unsere große Aufgabe, der Sinnlichkeit und dem Gefühl genug Raum zu geben. Wir mussten den Spagat schaffen zwischen politischer Agenda und Story“, erklärt Shariat. „Und uns war immer klar: Das ist Mainstream, was wir machen. Wir wollten Zugänglichkeit. Uns ging es nicht um eine komplizierte Geschichte oder Umsetzung, sondern wir haben ein Publikum mitgedacht, das nebenbei Popcorn kauft und Spaß hat. Was nicht heißt, dass wir uns nicht gleichzeitig trauen wollten, zu experimentieren und etwas zu wagen.“

Szene aus „Futur drei“
Foto:  Salzgeber

Dass sich sowohl die Themensetzung als auch die Arbeitsstrukturen von Jünglinge – etwa im Fokus auf nicht-weiße Schauspielerinnen und Schauspieler – auch auf andere Projekte übertragen lassen, steht für Shariat außer Frage. Die Frage ist eher, wie offen andere sind für Filme mit Mainstream-Feeling, die trotzdem keine 08/15-Geschichten erzählen: „In den alteingesessenen deutschen Filmstrukturen gibt es bislang ja eigentlich genau null Platz für Protagonist*innen, deren Nicht-weiß-Sein nicht auch permanent zum Thema gemacht wird.“ Der Zuspruch, auf den „Futur Drei“ bislang stößt – es gab bereits den Teddy Award, den First Steps Award und gerade den Gilde-Preis für Junges Kino –,  macht Hoffnung. Genauso wie die Tatsache, dass Shariat und sein Kollektiv bereits an neuen Projekten wie einer öffentlich-rechtlichen Jugendserie arbeiten – zu ihren Bedingungen.

Dass ausgerechnet die eigene Arbeit eine Zukunftschance für die ganze Branche sein könnte, tut der zwischen Berlin und Hildesheim pendelnde Shariat jedenfalls nicht als Utopie ab: „Ich habe schon das Gefühl, dass wir vielleicht gerade etwas Neues ins Rollen bringen. Dass es womöglich künftig mehr Möglichkeiten für uns als Filmschaffende gibt. Was das Erzählen post-migrantischer Perspektiven als Normalität und Ist-Zustand angeht, bewegt sich etwas.“