Da bleibt er unbeirrt. Anders als so viele andere der rastlosen und kaum mehr zählbaren Galeristen Berlins zieht Judy Lybke nicht um.

Stattdessen baut er lieber aus, die Räume und den Aktionsradius. Er schätzt den konstanten Ort und einen ebenso beständigen Künstlerkreis. Lybke hat Erfolg mit seinen Entdeckungen. Und er riskiert Neues mit noch Unbekanntem, lässt sich zudem ein auf das mittlerweile auch im Kunstbetrieb rasant gewordene Tempo. Jetzt heißt das: Der Galerist zeigt in der Auguststraße gleichzeitig fünf Künstler in nur fünf Wochen, zudem drei weitere im Lab, seinem Ausstellungsort für Experimente, ein paar Hausnummern weiter.

In der Auguststraße fing 1992 alles an mit einer winzigen Galerie in einem einstigen Waschhaus. Schräg gegenüber mauserte sich eine alte Margarinefabrik zum heutigen – international aktiven – Institut Kunst-Werke, wo im Mai die 5. Berlin Biennale beginnt. Wie zuvor schon in Leipzig war Lybke hier mit Eigen+Art sozusagen ein Pionier der jungen Kunst. Er stellte Arbeiten jener Leipziger Freunde aus, denen er noch Mitte der Achtziger an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Modell saß.

Lybkes zunehmend marktstarker Künstlerkreis wuchs an auf die Zahl 20. Neue Leipziger Schule trifft seitdem auf Kunst aus Berlin, aus der Schweiz, aus den USA, aus England, Israel und der Ukraine. Der Galerist vertritt unter anderem Neo Rauch, Birgit Brenner, Martin Eder, Tim Eitel, Jörg Herold, Rémy Markowitsch, Carsten und Olaf Nicolai, Ricarda Roggan, Yehuidt Sasportas. Viele von ihnen brachte er auf Biennalen, in große Museen, auch auf die Documenta.

Das wäre an sich schon genug Beitrag zur zeitgenössischen Kunst, aber Lybke sucht und fördert weiter. Er gründete vor zwei Jahren in der nahen einstigen Jüdischen Mädchenschule das Eigen+Art Lab, nur für Entdeckungen. Bis Ende 2014 bleibt dieser Probe-Ort; so lange läuft noch der Mietvertrag. Die angestammte Galerie baute Lybke letztes Jahr um, der Kellerraum wurde zum White Cube, ideal für Skulpturen. Hier tut sich nun – so kurz vor der Berlin Biennale – Lybkes jüngstes Experimentierfeld auf: „Take Five“. Ein Bildhauer und vier Malerinnen haben jeweils eine Woche lang Zeit, sich am etablierten Ort dem launischen Kunstbetrieb vorzustellen. Geübt haben sie alle schon zuvor im Lab, aber das war noch Spiel, diesmal wird’s Ernst.

Video zum NSU-Terror

An Ermunterung und Vertrauen durch Lybke fehlt es nicht. Der ist ganz erfüllt von den kristallinen, architektonischen Glasskulpturen des aus Erfurt stammenden Berliners Kai Schiemenz. Konstruiertes und Natürliches gehen ineinander über, so dass der Architekturbegriff sich auflöst, das Künstliche der farbigen Glasformen sich zu Kristallen wie aus dem Inneren der Erde wandelt.

Dennoch bleibt deutlich, dass es sich hier um industriell oder handwerklich gefertigte Gebilde handelt, die aber von der Natur kaum mehr zu unterscheiden sind. Schiemenz betont so sein starkes Interesse an der „sozialen Skulptur“, an für die Gemeinschaft und deren Bedürfnisse gebauten Architekturen. Und so schlagen die teils auf Betonsockeln aufragenden Glaskörper mit ihren Anklängen an die frühe Avantgarde der Konstruktivisten und Futuristen eine Brücke zur wuchtigen „Crystal Chamber“ aus rotem, grünem, gelben Glas. Mal dunkel, mal wie von innen leuchtend, stellt dieser „Kristall“ sowohl geometrische Ordnung als auch ein mystisches Versprechen dar.

Von da sind es höchstens 200 Schritte zum Eigen+Art-Lab: Oben in der dritten Etage des ehemaligen Schulhauses hat Dieter Daniels, Lehrer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Video-Stills dreier junger Künstler versammelt. Ein Probelauf für Judy Lybkes Neuentdeckungen. David Claerbout bannt das Schwarzweiß-Foto einer Jungenklasse aus den Sechzigern an die Klassenzimmer-Wand. Die Kinder sitzen still, nur an der Wand bewegen sich die Schatten der Bäume im Hof. Die stille Szene wird so zur Projektion der Projektion.

Es geht weiter mit dem Phänomen der filmisch-fotografischen Manipulation. Albrecht Pischels kleine düstere, schwarz-weiße Projektionen amerikanischer Landschaften mit analogem Charme sind in Wirklichkeit digitale Simulationen, zerkratzte Sehnsuchtsbilder, die an Ansel Adams, auch ein wenig an Caspar David Friedrich denken lassen.

Und als Dritte im Bunde stellt Ivon Chabrowski ihre Dunkelkammer-Experimente vor – abstrakte, geradezu dramatische Landschaften, abgezogen auf altem Schwarz-Weiß-Fotopapier. Und dann präsentiert sie uns noch ein denkwürdiges Video-Still. Junge Uniformierte suchen in einem Ruinenhaufen nach Spuren für eine Gewalttat. Welch eine politische Paraphase: Ein manipuliertes Video-Bild zu einem durch Manipulation möglich gewordenen Terrorakt. Dies sind die Trümmer jenes Zwickauer Wohnhauses, das die NSU-Clique im November 2011 in die Luft jagte.