Berlin - Papier ist bekanntlich geduldig, Kunst auf Papier wohl auch. Kunst kann sich demnach nicht wehren, aber Künstler und Kunstfreunde sehr wohl. Der begnadete Zeichner Joachim John, physisch ein Wahl-Mecklenburger, aber mit dem Herzen immer auch ein Berliner, stellt seine Blätter, die schwarz-weißen und die farbigen, in der Galerie Pankow aus. In seinen Bildszenen geht es um Dramen - der Landschaft und der Gesellschaft.

Und damit geriet der bekannte Zeichner, Jahrgang 1933, jetzt mitten hinein in das Kulturabbau-Drama des Stadtbezirkes Pankow. Seit 50 Jahren gibt es die beliebte kommunale Galerie Pankow, die sich seither der zeitgenössischen Kunst verschrieben hat. Weil der Stadtbezirk rigide sparen muss und der zuständige CDU-Stadtrat Kühne es in trauter Einigkeit mit allen anderen Parteien auch will, soll die Galerie noch in diesem Jahr schließen. Gleiches Schicksal müssen, wenn der Pragmatismus siegt, auch die ebenso beliebte kommunale Galerie Parterre und die anliegenden Kulturstätten im ehemaligen Thälmann-Park in Prenzlauer Berg, sowie drei ehrenamtlich betreute Bibliotheken hinnehmen.

Höchstens 42.000 Euro im Jahr würde die Kommune sparen, machte sie ihre Galerie Pankow dicht. Davon könnte sie nicht mal eine neue Schulheizung finanzieren. Aber die hiesige Kunst wäre weg für immer - aus Berlin, erklärte "Stadt der Künstler". Welches Geld der Welt wiegt Qualitäten auf?

In der Galerie hängen Joachim Johns Blätter, die er schon vor 12 Jahren als ganzes Archiv der Akademie der Künste überlassen hat. Die Schau lässt uns in seinen Kosmos schauen. Neben Johns Sicht auf Menschen und Landschaften spiegeln die, oft mit Text versehenen Zeichnungen, seine intensive Beschäftigung mit Literatur, Theater, Geschichte und Gesellschaftsfragen. Er nimmt sich Shakespeare und Machiavelli, die Französische Revolution und die deutsche Einheit zum Thema. Die Linien sind angriffslustig, spröde, ruppig, ironisch, vertrackt - und poetisch.

John will, dass man seine Kunst auch politisch versteht, als Mittel gegen Dummheit, Lüge, Anpassung. Die grüblerische Gesellschaftskritik seiner Werke ist provokant. John, dieser Georg Büchner des Zeichenstifts, schickt sein Bildpersonal immer wieder auf schwierige Wege: den Passionsweg, den Weg der Erkenntnis, den Holzweg. Er lässt seine Protagonisten - auch Selbstbilder - Unbill durchstehen, stellt sie in unwirtliche Landschaften, lässt sie sterben, aber immer wieder auferstehen, gegen das Chaos kämpfen, an Abgründen balancieren, aber doch entrinnen.

Historische Gleichnisse sind zu dechiffrieren: ein Blatt von 1989 heißt "Untergang der Utopia", auf einem anderen überschreitet ein "Hans GuckindieLuft" die Mauer. Und da ist der Briefwechsel mit Künstlerfreunden, Sammlern, Dichtern. John, zu DDR-Zeit ein mutiger, kritischer, beargwöhnter Künstler, war und bleibt unbequem. Seine Bilder lassen keinen Zweifel daran, dass er auch die neuen Verhältnisse nicht ideal findet. Was er jetzt in Pankow so blatt-nah erlebt, macht ihn nicht bloß traurig und wütend, es liefert ihm neuen Stoff.

Galerie Pankow, Breite Straße 8. Bis 3. März, Di-Sa 14-20 Uhr. Am Donnerstag, 16. Februar, 20 Uhr, liest Joachim John aus seinen Texten. Tags zuvor, am 15. Februar, treffen sich alle Solidarischen mit den von Schließung bedrohten Kultureinrichtungen: 16 Uhr, Fröbelstr. 17, Haus 7.