Blick in der Räumlichkeiten der neuen Galerie mit den Werken von Kaspar Müller.
Foto: Courtesy Société

BerlinDass der künstlerische Ursprung von Kaspar Müllers „Mandala“-Serie im Klopapier begründet liegt, ist eine schrille Ironie. Denn selbst wenn dem Klopapier dieser Tage mehr Bedeutung zukommt als sonst – in der Corona-Krise wurde es bekanntlich zu einem umstrittenen Gut, an dem sich die unvermittelte Konsumwut genauso niederschlug wie die gesellschaftsübergreifende Angst vor materieller Verknappung –, so ist es doch auch die profanste Sache der Welt.

Mit „Mandala“ eröffnet die Société jetzt ihre prachtvollen, neuen Räumlichkeiten in der Wielandstraße am Kurfürstendamm. Den frischen, eierschalfarbigen Wandanstrich kann man hier förmlich noch riechen. Vonseiten des Société-Gründers Daniel Wichelhaus ist die erwähnte Profanität vielleicht auch ein Stück weit gewollt – als unkonventionelle Geste. Denn Société präsentiert sich als das nonkonform-neue Kind am Block inmitten einer weitgehend etablierten Charlottenburger Galerielandschaft. Für das Programm ausschlaggebend, heißt es seitens der Galerie, sei, sich „oft über traditionelle Ausstellungsformate hinwegzusetzen“.

Eine Geste ist „Mandala“ aber noch in einem weiteren Sinn: Die Entscheidung, Müllers Arbeiten, die sonst auf der Art Basel zu sehen gewesen wären, eben nicht nur online zu präsentieren, sondern auf lichtdurchfluteten 280 Quadratmetern, und das im Rahmen einer spontanen Neueröffnung, wirkt herrlich ungezwungen und mutig. Insbesondere im Kontext der coronabedingten Verschiebungen und Ausfälle, des neuen Überangebots an live gestreamter Online-Kunst sowie des inzwischen omnipräsenten Geredes vom Niedergang des Kunststandorts Berlin infolge des angekündigten Weggangs der Julia-Stoschek- und der Flick-Collection.

Dass Müllers Arbeiten dabei etwas Kindliches an sich haben, ist kein Zufall: die Vorlagen für die „Mandala“-Reihe stammen von seiner sechsjährigen Tochter. Die, erzählt er, drückte ihm eines Tages ein Stück Klopapier in die Hand, dessen vorimprägnierte Muster sie mit Buntstiften ausgemalt hatte. Es ist der Konflikt zwischen einem vermeintlichen wertlosen Alltagsgegenstand, der auch das symbolische Ende einer Stoffwechsel-Verwertungskette darstellt, und seiner bildgebenden Aufwertung durch die Kraft kindlichen Sehens, die Müller dazu bewogen, die schillernden Miniaturen seiner Tochter auf über zwei Meter große Digitalprints zu übertragen und wie ein leinwandartiges Palimpsest neu zu bemalen.

Das Ergebnis sind Gemälde von leuchtender Strahlkraft, deren selbstbewusste Ölpastell-Aufträge kräftig hervorstehen. Der Bildungskanon der Pop-Art im Spannungsfeld zwischen Original und Reproduktion, Beständigkeit und Flüchtigkeit sowie Kitsch und Banalität schimmert in Müllers Mandalas genauso hervor wie die darunterliegenden Spuren des Originals.

Und die Motive, also Schmetterlinge, Muscheln, Bäume und allerlei Florales, wirken sommerlich lebensbejahend. Sie speisen sich aus Müllers künstlerischem Vokabular, wo physische Skulpturen genauso integriert sind wie abstrakte Bildwelten. Und sie bespielen einen Kunstkontext, der ein bisschen Leichtigkeit gerade bitter nötig hat.