So gegensätzlich kann Wahrnehmung sein: Maria Eichhorn sagt, sie sei ziemlich chaotisch. Dabei macht sie einen konzentrierten und feingeistigen Eindruck. Beim Betreten ihres lichten Studios im einstigen BVG-Areal an der Weddinger Uferstraße aber ist alles klar geordnet: karges Mobiliar, lange Regalwände voller Bücher – eine ganze Bibliothek über Kunst, Geschichte, Naturwissenschaften, Politik, Soziales, Feminismus. Auf Tischen türmen sich Papiere: Skizzen, Manuskripte, Zeitungen, Fotos, an den Wänden kleben Notizzettel.

Auf dem Boden zwei Steine, grauweiße Salzbrocken, fast wie aus einer Arte-Povera-(Arme Kunst)- Sammlung. Das Weidesalz für Tiere hat Maria Eichhorn mitgebracht aus Rumänien, aus den Karpaten, der siebenbürgischen Heimat ihrer Mutter. Nirgendwo im Atelier der Documenta-Künstlerin ist eine Staffelei zu entdecken. Dabei, erzählt sie, hat sie bis 1990 bei dem Maler Karl-Horst Hödicke, an der Hochschule der Künste Berlin studiert. Auch alles ausprobiert, figürlich wie abstrakt. „Aber Malen“, gesteht sie, „hat mich gelangweilt, ich wollte einen anderen Ausdruck für das, was mich beschäftigt: politische Aspekte, Zeit, Systeme und Prozesse in der Gesellschaft, das verantwortliche Verhalten der Menschen zur Natur, zu ihrer Geschichte. Mein Lehrer hat mich unterstützt, meinen Weg zu finden“.

Intimste Vivisektion

Sie hat würzigen griechischen Bergtee gekocht, mitgebracht von einer Reise nach Athen. Nach dem dritten bedachtsamen Schluck widerspricht sie mir, in Berlin würde sie sich, sonst so präsent in großen europäischen Museen, rar machen. Immerhin steht hier seit 25 Jahren Galeristin Barbara Weiss hinter ihr und in Abständen stellt sie da aus. 2011, als die Galerie von der gentri- fizierten Zimmerstraße in die Kohlfurter umzog, vernagelte sie die Schaufenster demonstrativ mit Holz: der Kunstbetrieb als geschlossene Gesellschaft, als Dunkelkammer und hermetisches System.

Nun, zum Berliner Gallery Weekend, überrascht Eichhorn mit der Arbeit „Filmlexikon sexueller Praktiken“, ein Langzeitprojekt seit 1999. In diesen inzwischen zwanzig 16-Millimeter-Kurzfilmen, abermals mit den typisch Eichhorn’schen Mitteln der Verweigerung gemacht, weckt sie das Begehren umso mehr. Das gehört zur Geschäftsgrundlage ihrer gesellschaftskritischen Praxis.

In der Abgeschiedenheit des Ateliers gerät das Gespräch über die Filme eher theoretisch. Wie aber wirkt soviel intimste Vivisektion in der Öffentlichkeit der Galerie? Mit garantiertem Publikumsandrang. Wie werden sich die Betrachter von Szenen wie Brust-, Anus-, Klitoris-, Penislecken, von SM-Fesselungen, sanften Milchbädern eines nackten Po’s, Zungenküssen, Knutschflecken und Nadeln durch die Brusthaut verhalten? Werden sie sich fremdschämen. Oder selbst ertappen als Voyeure? Wie werden sie Hardcore unterscheiden von Sanftheit, wie Zärtlichkeit von Gewalt?

Wer diese Sequenzen ab Freitag in der Galerie sehen will, muss dort der für die Laufzeit der Ausstellung engagierten Profi-Filmvorführerin Anja Dorniden vom Arsenal, Institut für Film-und Videokunst e.V. , den Auftrag zum Abspielen erteilen. Maria Eichhorn selbst steht dann nicht dabei. Nur ihre 20 Filmrollen liegen in Blechdosen bereit in einem 11-Etagen-Regal – jeweils ein langsam, gleichsam behutsam gedrehtes, lakonisches Drei-Minuten-Lehrstück über die hetero- wie homosexuelle menschliche Natur, über Tabugrenzen und -brüche, gesellschaftliche Normen und Verhaltensmuster. Die Filme, an die Galeriewand projiziert, drehten Kamerateams unter Eichhorns Regie mit professionellen Porno-Darstellerinnen und -Darstellern, auch Laien. Man erlebt sie von der ästhetischen Vorgehensweise her betont sachlich bis poetisch, sie relativieren das Vorurteil, es könnte hier um plumpe Pornografie gehen.

Eichhorn hat dieses ungewöhnliche „Lexikon“ als Liste geordnet. „Die Idee der Liste interessiert mich, so auch der Schiffskatalog der Homer’schen ,Ilias’ – als Liste. Die der Odyssee. Sie ist eine der ersten literarischen Formen.“ Den lexikalischen Aspekt, nicht etwa den moralisch wertenden, findet sie spannend. Das Enzyklopädische verbindet sich mit dem Ästhetischen. So entsteht Kunst, die ihren Nachdruck aus der Stille, aus der Beobachtung von realen Lebens-Situationen holt, für die Eichhorn „viel Zeit zum Verstehen, zum Nachdenken braucht“.

Denken ohne Geländer

Ähnlich war es 2015 im Haus der Kulturen der Welt, wo sie für die Ausstellung „Wohnungsfrage“ im Liegenschaftskataster von Berlin-Mitte mit der Arbeit „In den Zelten“ die Enteignung und Vertreibung jüdischer Grundstücksbesitzer recherchierte. Da gelang ihr ein Belegstück ungeheuerlicher Schreibtischtäterei des NS-Regimes und auch willfähriger Behörden Nachkriegsdeutschlands.

Und womöglich kommt der Eindruck, Eichhorns Ausstellungen seien selten in Berlin, daher, weil ihre Auftritte nie effektheischend, laut, spektakulär sind. Das würde auch gar nicht passen, legt die gebürtige Bambergerin doch gerade die fatalen Strukturen des Betriebssystems Kunst samt der angeschlossenen Institutionen bloß. Unweigerlich kommen wir auf ihre Arbeit für die Documenta 11 zu sprechen.

Damals gründete sie eine „Aktiengesellschaft“, fror aber das „Kapital“ ein, um ihr eigenes System ad absurdum zu führen. Nur ist Kapital, das sich nicht rentiert, schlecht fürs Geschäft, aber in diesem Fall gut für die Kunst, insofern ein Kursgewinn. Das niederländische Van Abbemuseum hat die Arbeit gekauft, die „Maria Eichhorn Aktiengesellschaft“ arbeitet – als eindrucksvoller Kommentar zum – verführerischen – Betriebssystem Kunst. Und im Verlag der Buchhandlung Walther König gab sie 2009 das Buch „The Artist’s Contract“ heraus, mit Interviews, die sie mit berühmten Kolleginnen und Kollegen über Kunst, Künstlerrechte, Kunsthandel, Spekulation und die Rolle von Sammlern und Museen führte, so mit Jenny Holzer, Hans Haacke, Paula Cooper.

Maria Eichhorn ist eine Künstlerin, die sozusagen ohne Geländer denkt, scharf beobachtet, lange nachgrübelt, sich auch gern der Intuition überlässt. Und sie ist eine, die das Bewerten an den Betrachter abgibt. „Ich will nicht beeinflussen, nur Offenheit. Das Publikum muss sich verhalten.“ Das sagt sie sanft, nicht fordernd. Es ist ihr Begriff von der Kunst der „Interaktion“.