Fünfzig Galerien mit sechzig Ausstellungen, dazu gefühlte 300 Satelliten-Schauen all jener Kunsträume, die sich ans Gallery Weekend fröhlich angedockt haben – das ist schon auch rein sportlich eine Herausforderung. Lange her, dass Berlins Galerien in den inneren Stadtbezirken regelrechte Nester bildeten. Heute ist die Ortswahl so disparat wie die Programme. Wir schwangen uns beim ersten Mairegen aufs Fahrrad und versuchen, einen verknappten Eindruck zu vermitteln.

Dem Wettlauf mit der Zeit in diesen drei Kunsttagen entspricht in der Galerie Gerhardsen Gerner ( S-Bahnbogen 46/Holzmarktstr. 15-18) der LED-Wandfries des Briten Julian Opie. Da schaukeln Boote im imaginären Wasser und rennen weiße Pferde über dunkle Koppeln – computergesteuerte Animationen, in denen es um permanent fließende Bewegung geht, reduziert auf wenige Leucht-Konturen. Technische Perfektion und sinnliche Wirkung werden eins.

Anders im Stil und den Mitteln, doch ähnlich bezwingend gelangen dem Belgier David Claerbout seine entschleunigenden, meditativen Großvideos für die Johnen Galerie (Marienstr. 10). Schwarzafrikanische Ölarbeiter mit Mopeds, die vor dem alles überflutenden Tropenregen Schutz unter einer Brücke suchen ziehen vor unseren Blicken, in Endlosschleife, wie auf einer Drehbühne vorbei. Das Motiv des Wartens, des zwiespältigen Ausharrens wird zum assoziationsreichen Thema. Und ebenso stark in seiner meditativen Wirkung sind auch die Videos des Peruaners Antonio Paucar (Galerie Thumm, Markgrafenstr. 68). Die Studienzeit bei Rebecca Horn schlägt sich nieder in poetischen, zugleich beklemmenden Aktionen, sei es mit Haarmaske im Maisfeld, sei es beim Tragen von Lasten aus den Anden hinunter in die Vorstädte. Alles ist aufgeladen mit einer faszinierenden Mischung aus alten Mythen und christlicher Symbolik.

Wer dem Malerischen, Zeichnerischen nachspürt, wird fündig in der Galerie Mikael Andersen (Pfefferberg, Haus 4), wo die Berlinerin Julia Oschatz sich hintersinnig auf Alte Meister aus dem Prado bezieht. Ebenso bei CFA (Am Kupfergraben 10). Hier breitet Christian Rosa, ein junger Brasilianer aus Wien, seinen „Maximalismus“ aus: große, von elektronischer Musik wie von Beethoven inspirierte Gemälde aus Schwüngen, Bändern, aggregat-artigen bis surrealen Gebilden, universalen Zeichen, rätselhaft schön. An Traumbilder und Fabelwesen lassen die Motive der 88-jährigen Rumänin Greta Bratescu denken, die die Galeristin Barbara Weiss (Kohlfurter Str, 41/43) entdeckt hat. Meisterhaft sind Altes und Neues verknüpft. Ingeborg Ruthe

Wie sehr Galeristen ihre Räume zu Mikrokosmen aufbereiten, wo die Werke zusätzlich mit Aura aufgeladen werden, zeigt sich bis in den westlichen Teil von Schöneberg und Charlottenburg. So hat Sassa Trülzsch (Blumenthalstr.8), die im vorderen Raum die mit ironisch-kritischen Texten überlagerten Fotografien von Klaus vom Bruch zeigt, auch das turmartige, verstaubte Treppenhaus geöffnet. Dort hat nun Fiete Stolte seine Spuren hinterlassen und Fußabdrücke aus Kupferblech in das Holz getrieben. Sie schimmern im einfallenden Licht, als würden sie in eine Zukunft emporsteigen.

Das Paradies in der Apotheke

Schräg gegenüber sorgt auch Isabella Bortolozzi (Bülowstr. 74) als Raumentdeckerin für Überraschung. Hier hat sie nun mit „Eden Eden“ einen extra Standort in einer alten Apotheke eröffnet. Post-konzeptualistisch reflektiert der Brite Seth Price auf raffiniert beschichteten Sperrholzplatten das Thema Kommunikation. In den angestammten Räumen (Schöneberger Ufer 61) hingegen hat Bortolozzi dem Amerikaner Wu Tsang das Terrain für düstere Visionen überlassen. In der von dumpfen Bassschlägen angetriebenen, starken 2-Kanal-Videoarbeit inszeniert er eine von Avataren kontrollierte Welt als multiperspektivische Paraphrase auf die Überwachungssysteme. Der Betrachter wird selbst zum Spion. Neben solch markanten aktuellen Positionen finden sich Entdeckungen aus der jüngeren Geschichte bei Supportico Lopez (Kurfürstenstr. 14 B) oder bei Arriata Beer ( Potsdamer Str. 87). Denn die italienischen Galeristen widmen dem US-Schauspieler, Anarchisten, Maler und Poeten Julian Beck (1925-1985), der 1947 in New York das anarcho-pazifistische „Living Theater“ mit seiner Frau gründete, ihren Raum. Eine Fundgrube für jeden, der hier tiefer gräbt.

Eine bilderreiche Reise entlang von Assoziationsketten zwischen Afrika und Europa kann man bei Wien Lukatsch (Schöneberger Ufer 65) unternehmen: Georges Adéagbo, 1942 in Benin, geboren, erforscht in seiner sich durch alle Räume aufblätternden, mit gemalten Schriftbannern, Büchern, DDR-Motiven, Schallplatten, Zeitungsartikeln und der Post, die während des Aufbaus in der Galerie ankam, entfaltenden Installation „die Künstler und das Schreiben“. Darin findet man neben einer Kasperlefigur ein Gemälde des französischen Philosophen Sartre und entdeckt eine gewisse Ähnlichkeit. Irmgard Berner

Zu jenen Künstlern, die magisch anziehen, zählt Pae White bei Neugerriemschneider (Linienstr. 155/Knaackstr. 12) zweifellos. Die Kalifornierin, deren Werke zwischen formschönem Design und poetischer Kunst changieren, hat im Hauptraum der Galerie eine spielerisch verästelte Lämpcheninstallation angebracht, die fast in der Luft zu schweben scheint und dabei nicht nur schön anzusehen ist, sondern noch dazu nach feinen Dingen aus aller Welt duftet. Nebenan glitzern metallisch durchwirkte Tapisserien aus japanischen Stoffmusterbüchern.

Unweit davon setzt die Fotogalerie Kicken (Linienstr. 161 A) auf „Structures and Surfaces“ – Motive von Joachim Brohm, Charles Fréger, Jitka Hanzlová, Hans-Christian Schink, Alfred Seiland. Der gemeinsame Nenner der Aufnahmen von japanischen Landschaften nach dem Tsunami oder Häusern im Ruhrgebiet ist der dokumentarische Blick .

Der Galerist Konrad Fischer (Lindenstr. 35) wählte Magnus Plessens Interpretation von Ernst Friedrichs Publikation „Krieg dem Kriege“von 1922 aus. Das Besondere daran: Plessen dreht die Leinwand während des Malens mehrfach und verhindert eine Orientierung im Bild. Mit jenem, also dem Bild selbst, setzt sich Gerold Miller bei Mehdi Chouakri (Edisonhöfe Invalidenstr. 117 + Entrance Schlegelstr. 26) auseinander. Zwei Serien des Bildhauers hängen einander gegenüber und markieren so die beiden Pole seiner radikal minimalistischen Skulpturen.

Auch die junge indisch-französische Malerin Nadira Hussain verweigert sich bei PSM (Köpenickerstr. 126) mit ihren ornamentartigen Gemälden der Bildmitte. Neuerdings werden diese von der Künstlerin aufwendig gebatikt. Sie lotet die Möglichkeiten der Malerei noch extremer aus: Hussain hat ihre von indischen Miniaturen sowie Comics inspirierten Motive mit Holipuder auf den Teppichboden geträufelt, rasch verwischt von den Schritten der Besucher.

Sich verändern, vielleicht sogar verschwinden durch den Besucheransturm werden ebenso zwei Skulpturen bei Croy Nielsen ( Weydingerstr.10). Hugh Scott-Douglas ist einer dieser jungen, aufstrebenden Künstler, die sich mit dem Verhältnis von Digitalem und mechanischen Prozessen auseinandersetzen und dafür originelle Wege finden. Für besagte Skulpturen hat er 2000 Zeitungen auf eine Euro-Palette gestapelt, die skurrile Fahrkarten- und andere Papiersammlungen von einem Online-Marktplatz zeigen. Der Aufforderung zum Mitnehmen werden gewiss viele nachkommen. Bleiben werden aber zumindest Scott-Douglas“ „Chopped Bills“, auf denen er mysteriöse Markierungen auf Geldscheinen digital herauszoomt. Beate Scheder

Alle Galerien geöffnet Sa+So von 11–19 Uhr. http://www.gallery-weekend-berlin.de