Dahlem - Das Gallery Weekend ist auch in diesem Frühling wieder für Überraschungen gut. Diesmal lockt die Eröffnung eines neuen Kunstortes in die Clayallee in Dahlem, in das ehemalige Hauptquartier der US-Armee in Berlin. Am Einfahrtstor suggeriert Sicherheitspersonal noch normalen Geschäftsbetrieb, Menschen stehen am Konsulat für Visa Schlange. Als wäre die Zeit kurz stehen geblieben, überlagert die Gegenwart den weitläufigen NS-Bau, den die Alliierten 1945 beschlagnahmten und bis 1994 nutzten. Der Zeitenstrom bewegt sich indes weiter, die Anlage ist längst in Wohnungen umgewidmet und schick gemacht für neue Eigentümer.

Vieles hat sich verändert, vor allem jüngst, und das liegt nicht zuletzt mit an Markus Hannebauer. Denn der Kunstsammler und Unternehmer hat den lange leer stehenden Hauptteil des Gebäudekomplexes erworben, mitsamt dem in schwarzem Marmor getäfelten Vestibül. In dieser „Marble Gallery“ hat er einen Kunstraum eingerichtet. Vom Wochenende an wird er mit dem niederländischen Künstler Guido van der Werve Teile seiner Sammlung der Öffentlichkeit präsentieren. „Es hat lange gedauert, bis ich den passenden Ort gefunden habe“, sagt der 43-jährige Berliner Software-Entwickler Hannebauer, der 2002 sein Start-up gründete.

Dass es dann ein so geschichtsträchtiges Haus geworden ist, „nein, das war mir nicht so wichtig“. Auch nicht, dass der Zufall ihn nun in eine Reihe mit Sammlern wie Christian Boros oder Désiré Feuerle stellt, die ihre Kunst in Bunkern eingerichtet haben. Eine Herausforderung ist es allemal, das war ihm klar. „Das Gebäude hat seine Tiefpunkte, seine ganz schwarzen Seiten, aber auch seine hellen – damit muss man umgehen.“ 1936 bis 38 als Luxuskaserne mit Verwaltungstrakt erbaut und von der Reichsluftwaffe genutzt, steuerte General Clay 1948 von hier aus die Berliner Luftbrücke.

Fluentum Collection zeigt Videokounst 

US-Präsidenten feierten Empfänge in den Räumen, sie waren Filmkulisse für „Operation Walküre“ und „Inglourious Basterds“. Bis 2011 standen die Räumlichkeiten leer. Vor drei Jahren hat Markus Hannebauer seinen Teil des Baudenkmals erworben und mit dem Architektenbüro Sauerbruch Hutton umgebaut, mit 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Ihm habe sofort gefallen, dass der dunkle Raum für eine Kunstsammlung nicht leicht zu nutzen ist. Bei zeitgenössischer Kunst wünscht man sich ja helle, weiße Räume, mehr white cube denn black box, damit die Kunst zur Geltung kommt.

Nicht so in diesem Fall, denn der neue Hausherr sammelt Videokunst, die hat es gern dunkel um sich. Vor allem aber fasziniert ihn das Zeitbasierte an diesem Genre. Passend gab er seiner Kollektion den Namen „Fluentum“. 2010 erwarb er die erste Arbeit, „Secret Machine“ des US-Videokünstlers Reynold Reynolds, auf der Kunstmesse Loop in Barcelona.

Seitdem ist die Sammlung auf 50 Künstler angewachsen mit Arbeiten von Omer Fast, Hito Steyerl, William Kentridge, Douglas Gordon, Katarina Zdjelar oder Hiwa K. Er selbst, der Sammler und Mäzen, der auch künstlerische Filmprojekte fördert, bleibt lieber im Hintergrund. Trotzdem geht es ihm nicht darum, archivarisch eine Bibliothek aus Datensätzen zu besitzen, aus der man einzelne Filme herauszieht und zeigt: „Videokunst braucht die Installation, mehr noch als klassische Skulpturen und Gemälde.“

So kontrastiert der schwarze, kräftig geäderte Marmor nun reizvoll mit den Lichtspielwänden der Videoinstallationen von Guido van der Werve: In der Eingangshalle ist es die Gewalt eines riesigen Eisbrechers, vor dem ein winziger Mann, der Künstler, herläuft. Das Schiff, das Krachen und Bersten des Packeises sind Drohkulisse und Soundtrack zugleich. Ein starker Einstieg: Natur, Mensch, Maschine stehen im Kampf – und trotzdem verströmt die Arbeit eine fast meditative Ruhe.

Auch die Musik kommt vom Künstler Guido van der Werve

Später zieht der Klang eines romantischen Streichersatzes durch die dunkle Galerie, die sich zur Treppe hin in die helle Rotunde öffnet. Auf einer großen Leinwand sieht man van der Werve mit Orchester in einer barocken Kirche am Flügel, alienhaft im schwarzen Neoprenanzug. In dieser Installation erzählt er die Geschichte von Chopins letztem Wunsch an die Schwester, dass nach seinem Tod sein Herz nicht in Paris verbleibe, sondern in Warschau begraben werde. Diesen Weg geht van der Werve in umgekehrter Richtung, nein: Er leistet ihn in einem siebenfachen Triathlon von Warschau nach Paris ab. Die 40-minütige Arbeit dokumentiert diesen Lauf. Dem nicht genug, van der Werve hat auch die Musik selbst komponiert.

Extremsport als Meditation, obsessiv, oft bis zur Absurdität – das charakterisiert die Kunst des 42-jährigen Niederländers mit Wohnsitz in Berlin und Finnland. Für das Video „The day I didn’t turn with the world“ hat er sich auf den Nordpol gestellt und 24 Stunden lang gegen die Erdumdrehung gedreht. Jetzt steht Guido van der Werve auf dem Treppenabsatz, er wirkt entspannt, obwohl er gerade noch an einem komplexen Objekt bastelt, einem „Schach-Piano“.

Aus Saiten und Hämmern baut er unter ein Schachbrett eine Mechanik, sodass jedes Feld einen Ton erzeugt. Wie ein Klavier, sagt er, schwarze und weiße Tasten. Zum Gallery Weekend wird der passionierte Schachspieler damit eine Performance aufführen, eine klingende Schachpartie, mit Musik für kleines Streichorchester – selbst komponiert, versteht sich.

Das Zusammenspiel aus Licht, Natur, Konzept und persönlicher Ausdauer begeistert Markus Hannebauer an dem Künstler. Aktuell produzieren sie eine neue Arbeit. In diesem Zusammenhang war es dem Mäzen wichtig, van der Werve mit dieser Werkschau in Berlin bekannter zu machen. Mit seiner Sammlung habe er keine speziellen Ambitionen – außer bestimmte Künstler hier in kuratiertem Programm optimal zu zeigen. Und jeden Tag, auf dem Weg in seine Wohnräume, durch seine Kunstwerke zu gehen.