Es ist der Moment davor oder der Augenblick danach, aber nicht das Verbrechen selbst, was Matthias Gálvez interessiert. Er malt, das kann man jetzt an den Wänden der Galerie Rosendahl, Thöne & Westphal am Kurfürstendamm deutlich sehen, die Mordlust.
Bei „Jakob und Esau“ sitzen die Zwillingsbrüder in einer auf den ersten Blick idyllisch anmutenden Szene aus Birken und Blumen. Jakob lümmelt entspannt auf der Decke mit Picknickkorb. Neben ihm sitzt Esau und betrachtet das Messer in seiner Hand. „Es hätte auch ein Holzstück sein können, ich wollte ihm nur irgendetwas in die Hand geben“ versucht der 37-jährige Maler einer allzu geradlinigen Interpretation zu entkommen.

Es ist aber ein Messer! Man meint, in Esaus Blick lesen zu können, was er damit vorhat. Jakob ist auch nicht recht friedfertig, wie sein süffisantes Lächeln verrät. Im Picknickkorb liegen weder Früchte noch Kuchen. Bei diesem Ausflug gibt es nichts zu essen außer einer überreifen, vergorenen, vermutlich ungenießbaren Melone. Der Korb ist nur mit leeren Bierflaschen gefüllt. Langeweile flirrt in der Luft. Diese beiden spüren nichts. Nur ein Verbrechen könnte ihnen helfen, Gefühle zu erlangen.

Der Zivilisationsbruch

Diesen Moment der Verwerfung in der Geschichte, wo Horror und Gewalt in die Zivilisation einbrechen, versucht Matthias Gálvez zu ergründen. Selbst die größte Sinnlichkeit ist nicht vor Zerstörung gefeit, und doch ist es gerade die Sinnlichkeit, die dafür sorgt, dass es immer wieder weiter geht. Gálvez spricht wenig, er ist auf dem Beobachterposten, schon lange. Es gab eine Zeit, da zog er tagaus tagein in die Wälder und malte die Natur. Wenn ihn mal wieder ein Zeckenbiss ans Haus fesselte, dann quälte er seine Modelle mit unstillbarer Neugier. Er will wissen, wie das nun genau mit dem Menschen ist. Wie er sich bewegt, wie er aussieht, aber auch, was er macht. Gálvez biegt seine Modelle in alle Richtungen, stundenlang. Und er ist nie zufrieden mit seiner Technik. Mit 27 Jahren begann der Sohn eines Chilenen und einer Berlinerin ein Malerei-Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, weil er meinte, dass man dort, anders als an den meisten anderen Kunsthochschulen, noch am meisten Wert auf Naturstudium legt. In dieser Zeit – im geschützten Raum der Kunsthochschule – akzeptierte er die zermürbenden Selbstzweifel als Teil von sich, und sie wurden im günstigsten Fall zu seinem Komplizen. Mit diesem Antrieb beendete er das Studium als Meisterschüler des neoexpressionistischen Malers Werner Liebmann: „Mach einfach, es wird nicht besser“ oder wie der Titel seiner Ausstellung „Warte nicht auf bess’re Zeiten“.

Das darin größte und zentrale Bild nennt Gálvez „Das Verbrechen“. Es bleibt unklar, ob es sich um Vergewaltigung oder gar Mord handelt. Zu sehen ist lediglich im dunklen Hintergrund eine aufgebahrte Frau, ermattet oder tot. Davor, dort wo das Licht hinfällt, sitzen drei Männer, sinnbildlich verharrend in den Posen „Reue“, „Freude“ und „Kalkül“. Jetzt, nach der Wucht der rabiaten Tat, spüren sie etwas. Wie in einer barock-klassizistischen Komposition angeordnet, entblättert sich die Situation Schritt für Schritt. Symbolisch und konkret. Inmitten des liebevoll in kontrastreichen Farben angeordnete Interieur sind psychologisch genau die verschiedenen Gesten und Charaktere ablesbar. Die akribisch herausgearbeiteten Nuancen sind so augenfällig, weil dem Maler für diese drei Figuren aus rein pragmatischen Gründen nur ein einziger Mann Modell stand.

Es sind nicht die formalen Äußerlichkeiten, an denen man einen Täter erkennen kann. Gálvez fixiert die Abgründe im Menschen, das Soziopathische, das er durch die heutige Gesellschaft begünstigt sieht: „Jede Zeit prägt Charaktere, die sie braucht“. Die will er malen, so gut es geht. Dafür schaut er nach allen Seiten. Saugt alles auf, malt jedes Detail und ist selbst überrascht, wie er dabei durch die Kunstgeschichte schweift. So wie bei seinem Rückenakt „Der Vormittag“, wo das Licht von links durch das geöffnete Fenster scheint, ist eine Reminiszenz an Jan Vermeer nicht zufällig. Eine vollkommen unaufgeregte Situation, in der das unscheinbare Interieur in den Blick gerät. Der Maler bedient sich der barocken Manier, sein Arrangement ist klassisch, doch die einzelnen Teile sind modern, selbst in ihrer Abstraktion. Auf diese Weise wird sogar eine Plastik-Spülmittel-Flasche zu einer zarten Schönheit.

Doch die Moderne weist ihm auch ihre Grenzen: Bei dem Versuch, Porträts in der für die Renaissance typischen Lasurtechnik zu malen, benötigt Gálvez Bleiweiß. Doch Bleiweiß ist heutzutage verboten und nirgends zu bekommen.

Galerie Rosendahl, Thöne & Westphal, Kurfürstendamm 213. Bis 10. März, Di–Fr 11–19 Uhr, Sa 11–15 Uhr.