Wenn in der Nacht zu Montag die achte Staffel von „Game of Thrones“ anläuft, bedeutet das nicht nur den Anfang vom Ende der beliebtesten und heiß diskutiertesten Fantasy-Saga der Zehner Jahre. Vielmehr markieren diese sechs finalen Folgen – deren streng von der Öffentlichkeit abgeschottete und absurd aufwendige Dreharbeiten an Berichte von den Sets megalomanischer Stummfilm-Zampanos erinnern – die letzte große Erzählung des Fernsehzeitalters überhaupt.

Nach „Game of Thrones“ werden sich wahrscheinlich nie wieder Millionen von TV-Zuschauern weltweit synchron schalten lassen und zur gleichen Zeit die gleiche Serie gucken. Längst fühlt sich das imaginäre Mittelalter von Westeros näher an, als die Anwesenheitspflicht der Vor-Streaming-Zeit.

Die Sentenz „Winter is coming“ warnt vor einem unmittelbar bevorstehenden Klimawandel

Heute werden neue Inhalte von Anbietern wie Netflix – das, als „GoT“ auf HBO Premiere feierte, noch ein DVD-Verleih war – oder Amazon Prime staffelweise zum individuellen Binge-Watching hochgeladen. Jeder schaut was er will, wann er will. Das gemeinsame Gespräch am Tag nach der Ausstrahlung ist dementsprechend versiegt, Tausend fragmentierte Geschichten ergeben kein Ganzes mehr. Allein in den USA wurden im vergangenen Jahr knapp 500 Serien produziert und versendet. Ein Dialog findet da oft nur noch zwischen dem vereinzelten Zuschauer und seinem Bildschirm statt.

Da trifft es sich gut, dass im Falle von „Game of Thrones“ Medium und Botschaft in eins fallen: Auch inhaltlich wird hier das vielleicht letzte Kapitel in der Geschichte der Menschheit verhandelt. Dass die mantragleich wiederholte Sentenz „Winter is coming“ vor einem unmittelbar bevorstehenden Klimawandel warnt, muss man doch kaum betonen.

Kampf ohne Spielanleitung

David Benioffs und D.B. Weiss’ Serie beruht bekanntlich auf George R.R. Martins voluminösen Romanzyklus „Das Lied von Eis und Feuer“, der Autor hat die Deutung seiner Erzählung als auf den Kopf gestellte Erderwärmungs-Parabel auf Nachfrage der „New York Times“ selbst bestätigt. „Wir verschwenden zehnmal so viel Energie darauf, zu diskutieren, ob Footballspieler bei der Nationalhymne stehen sollen oder nicht“, führte Martin hier aus, „als über die Gefahr zu reden, die unsere Erde zerstören wird.“

Inzwischen hat die TV-Geschichte die Buchvorlagen überholt, von denen noch zwei Bände ausstehen. Martins Gegenwelt mag genreüblich von Drachen, Rittern und Hexen bevölkert sein, historisch lehnt sie sich an die englischen Rosenkriege des 15. Jahrhunderts an, tatsächlich aber könnte sie nicht zeitgemäßer sein: „Game of Thrones“ erzählt vom Hier und Jetzt, von einer volatil gewordenen Weltlage, die sich durch kein simples Gut-Böse-Schema mehr erfassen lässt, in der verschiedene Spieler und Fraktionen – Populisten, Fanatiker, Royalisten, Narzissten und Rachsüchtige – um die Macht kämpfen, ohne einer gemeinsamen Spielanleitung zu folgen.

Keine Orientierung an Kants kategorischen Imperativ möglich

Mit uneigennützigem Heldentum, wie es seit J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Trilogie in unzähligen Schwert-und-Zauberei-Epen propagiert wurde, also der ritterlichen Bereitschaft, stets das ethisch Richtige zu tun, in seinem Handeln einem unveränderlichen moralischen Code zu folgen, lässt sich eine solche aus den Fugen geratene Welt nicht mehr navigieren.

War es in „Herr der Ringe“ noch in unterirdischen Höhlen hausendes Orkgezücht, welches frei nach Sigmund Freud die dünne Schicht der Zivilisation aufzubrechen drohte, gilt für „GoT“ eher die Feststellung der Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin, nach der eine solche dünne Schicht schlicht nicht existiert: „Primitivität und Zivilisation sind nur Abstufungen derselben Sache.“ Es geht also um graduelle Erfahrungsprozesse, nicht um Absolutheiten.

Die Illusion der Steuerbarkeit durch Orientierung an Kants kategorischen Imperativ zerstob spätestens mit dem Ende der ersten Staffel, in der zum Entsetzen der Zuschauer ausgerechnet der mutmaßliche Hauptdarsteller der Serie, der von Sean Bean gespielte ehrenwerte Patriarch Eddard Stark seinen Kopf verlor.

Die Zivilisation vor den Bedrohungen der ungezügelten Natur schützen

Den Eisernen Thron von Westeros erobert man bestimmt nicht durch Edelmut, er setzt sich aus den im Drachenfeuer geschmiedeten Klingen besiegter Feinde zusammen. „Kein Sitz, auf dem man es sich bequem machen kann“, wie Stannis Baratheon, einer der zunehmend ruchlosen und letztendlich glücklosen Anwärter auf die Königswürde, im Romanzyklus bemerkt. Der Eiserne Thron ist das Symbol der absoluten Macht wie auch ihres blutigen Preises – und der Unmöglichkeit an ihr festzuhalten, ohne Schaden zu nehmen. Wer nur die Macht sucht, verfolgt ein kurzfristiges Ziel und verliert das große Ganze aus den Augen.

Die Handlungsstränge in „GoT“ mögen so verwickelt sein, wie ein Wollknäuel, das man einer Katze entrissen hat, die Metaphern jedoch sind von Moby-Dick’schen Proportionen. Neben dem Eisernen Thron ist das vor allem die Mauer aus Stein, Eis und Magie im Norden Westeros’, welche die Zivilisation vor den Bedrohungen einer ungezügelten Natur schützen soll, verkörpert von den nahezu unzerstörbaren White Walkers, die in den Romanen nur als die Anderen firmieren.

Am Ende der siebten Staffel hat diese Mauer nun endlich ihre dramaturgische Aufgabe erfüllt und ist unterm blauen Feuer eines Zombie-Drachens eingestürzt – wie ein gigantischer Berg, der vom Schelfeis der Antarktis bricht. Der Nachtkönig und seine untoten Horden fallen durch diese Bresche ins zerstrittene Westeros ein, der Winter kann kommen.

Dass man den Klimawandel mit Hilfe einer hohen Mauer und blasierter Ignoranz werde aufhalten können, war von Anfang an nur magisches Denken. Die ersten Worte des Romanzyklus sagen eigentlich alles, sie lauten: „Wir sollten umkehren.“