Ein ASMR-Video: für die einen eine Einschalfhilfe, für die anderen - zum Beispiel für die Theatergruppe The Agency - Inspirationsquelle.
Foto: dpa

BerlinKennen Sie auf YouTube die ASMR-Videos? Also diese Videos, in denen junge Frauen einen anflüstern und dazu mit allerlei Kuschelmaterialien wie Seidenpapier, Bürsten oder Pinseln an die Ohrmuschel herankriechen, um ein wohliges Gänsehautgefühl hervorzukitzeln (unötig, die Abkürzung ASMR aufzulösen, weil’s ohnehin nur intensives Kribbeln bedeutet)? Von diesen Videos hatte ich keinen blassen Schimmer, bevor ich die Theatermacherinnen von The Agency kennenlernte. The Agency gehören zu einer ganzen Kohorte freier Gruppen, die popkulturelle Netz-Phänomene fürs Theater adaptierten. In freien Mitmachabenden. „Immersives“ Theater nennt sich das, also Theater zum Eintauchen. Ihr Debüt gaben The Agency mit einem Abend „ASMR Yourself“.

Jetzt, da die Theater geschlossen sind, landen diese Gruppen notgedrungen dort, wo sie ideell immer schon waren: in Online-Welten. Yana Thönnes von The Agency kann man ab kommendem Montag im „Real Life Computer Game: Genesis“ (einer Kooperation mit der Hamburger Elbphilharmonie) antreffen. Versprochen wird die Erschaffung einer neuen Welt inmitten einer Industriehalle, und wir dürfen von daheim die Performer fernsteuern.

In Wien hat sich die Erlebniswelt-Combo Nesterval für ihr neustes Projekt „Der Kreisky-Test“ auf die Videokonferenz-Plattform „Zoom“ begeben. Dort prüft man als Zuschauer bzw. Mitspieler in teils gesteuerten, teils freien Testgesprächen diverse Figuren auf ihre Eignung für ein ironisch sektenartiges Exilprojekt: Wer darf auf die Insel der Sozialdemokraten namens „Goodbye Kreisky“ mitkommen? In neunzig Minuten ergibt das ein recht geselliges Onlinetheater-Erlebnis, wenn man Tester spielt und nebenher den Mitspielenden beim Rumlümmeln zu Hause auf dem Sofa zuschaut und schwatzt.

Etwas weniger teilnehmerfreundlich, dafür strenger theatralisch geht es in Zürich zu. Christopher Rüping hat für seinen „Dekalog“ ein altes Inszenierungskonzept rausgeholt und bietet zehn etwa halbstündige Monologe im leeren Bühnenraum. Der Clou: An ausgewählten Punkten der Erzählung kann das Publikum abstimmen, welchen Verlauf die Geschichte nehmen soll. Für Berliner der schönste Effekt: Man trifft hier diverse schmerzlich vermisste Schauspielerinnen und Schauspieler wieder, die mit Rüping fortgezogen sind: Thomas Wodianka, Wiebke Mollenhauer, Benjamin Lillie.

Wem der Sinn nach Immersion ohne Theaterköpfe und Live-Spiel steht, dem seien die hochgradig soghaften Computerspiele von Telltale Games empfohlen. „The Walking Dead“ etwa. Dort gibt es interaktives Erzählen auf höchstem Level – und viel Inspiration für Adaptionen von Spieltheater-Gruppen wie The Agency oder machina eX, wenn die denn wieder in ihre angestammten Theaterräume zurückkehren dürfen.