Gangsterrap ist tot, es lebe der Gangsterrap. Als der Rapper Haftbefehl vor zwei Jahren mit seinem Album „Azzlack Stereotyp“ die Bühne der deutschen Hip Hop-Landschaft betrat, glaubte niemand, dass er den toten Gaul Gangsterrap wieder zum Leben erwecken könnte. Doch der asoziale Kanacke konnte – und schuf mit seinem neuen Label Azzlack Musik darüber hinaus auch noch eine Plattform für weitere Künstler seines Formats.

Haftbefehl heißt eigentlich Aykuth Anhan und kommt aus Offenbach. Als er 14 Jahre alt war, starb sein Vater, und aus dem unauffälligen, netten Jungen wurde – wie er selbst erzählt – das, was man einen echten Problemfall nennen könnte. „Zwei Tage nach dem Tod von meinem Vater bin ich auf die Straße gegangen und habe einfach irgendeinen umgeschlagen. Ich habe ihn geschlagen und gefragt, warum sein scheiß Vater nicht tot ist. Ab da kam ich auf die schiefe Bahn.“

Nun haben auch andere Menschen schon ihre Eltern verloren, ohne gleich zum Verbrecher zu mutieren, aber Anhan orientierte sich forthin in Richtung Skyline der großen Nachbarstadt Frankfurt, die bekanntermaßen jungen, skrupellosen und hungrigen Männern jede Menge zu bieten hat. Das ist nicht nur in den oberen Etagen der Banken-Türme und Wolkenkratzer so, sondern auch drunten auf den Straßen der dazugehörigen Häuserschluchten. Die Wahrscheinlichkeit, in die oberen Etagen vorgelassen zu werden, dürften allerdings klar sinken, wenn man schwarze Haare hat und aus einer kurdischen Großfamilie stammt.*

Auf Kanackisch von der Welt berichten

In wohl keiner anderen Stadt Deutschlands liegen Glanz und Elend der Gesellschaft so dicht beieinander, treffen sich Dealer und Investmentbanker bei der gemeinsamen Rindswurst im Frankfurter Bahnhofsviertel, treffen Büroangestellte auf Crackjunkies und Broker auf Zuhälter. Wobei sich die Welten beim Puffbesuch und Drogenkauf auch durchaus vermischen können und alle Seiten in einem zueinander finden: in der Jagd nach dem großen Geld. Etwas darzustellen, Geld zu haben und das auch zu zeigen, das ist Frankfurt. Während sich Berlin als arm aber sexy stilisiert, München und Stuttgart einfach Geld haben und Hamburgs Frauen mit teurem Tuch und Perlenohrringen ihren kaufmännischen Wohlstand dezent zur Schau stellen, geht es in der Mainmetropole direkt auf die zwölf. Statussymbole, dicke Autos mit getönten Scheiben, Accessoires von Louis Vuitton. Auch Aykuth Anhan macht da keine Ausnahme und spricht nur zu gerne über das, was er hat.

„Egal von wo es kommt, Schlampe, ich hab Geld da/ sehn Sie den Benz dort, schau’n Sie aus dem Fenster/ Fragen Sie mich jetzt bloß nicht welcher/ Sie liegen schon richtig, genau der SL da“, heißt es denn auch in einem imaginären Dialog zwischen ihm und der Verkäuferin einer Edelboutique auf seinem neuen Album, das den Namen „Kanackis“ trägt und eine Woche nach seiner Veröffentlichung auf Platz 10 der deutschen Album-Charts rangiert. In absolut kaputtem Deutsch, eben auf „Kanackisch“, wird von einer Welt berichtet, die sich zwischen Drogenumschlagsplatz, Gallusviertel und Taunusanlagen und der mondänen Zeil bewegt.

„Heute auf der Gallus, morgen in den Charts“ beschrieb der Rapper schon auf seinem Debütalbum „Azzlack Stereotyp“ seine Situation, und tatsächlich scheint die Rechnung aufzugehen. 20000 Mal hat sich die Platte verkauft, was für eine Independent-Veröffentlichung in der heutigen Zeit mehr als beachtlich ist. Fragt man Aykuth Anhan, was er in der Zeit zwischen seinem ersten und zweiten Album gemacht hat, dann sagt er: „Ich habe Geld ausgegeben, Geld ausgegeben und noch ein bisschen Geld ausgegeben.“ Geld, das er durch Einnahmen aus dem Tonträgergeschäft erwirtschaftet hat, durch Gagen für Auftritte und diverse Sponsoringdeals, denn Firmen, die auf Straßenkredibilität setzen, haben die Marke Azzlack schon längst als Werbeträger erkannt.

„Asozial und unbegabt“ sagen die HipHop-Fundamentalisten

Dabei legt der Rapper großen Wert darauf, dass es sich um sauberes Geld handelt – Geld, für das er sogar Steuern bezahlt habe. Das kann er gar nicht oft genug betonen, so wichtig ist es ihm – als wolle er die Gesellschaft davon überzeugen, dass er jetzt auch dazu gehört. Steuern bezahlen als Zeichen von Integration und Akzeptanz? Auch die Polizisten, die ihn nach wie vor regelmäßig kontrollieren, lässt er gern wissen, dass er inzwischen ihr Gehalt mitbezahlt und sie ihn daher höflich zu behandeln haben.

So etwas trägt natürlich nicht unbedingt zum besseren Verständnis der Volksgruppen bei. Doch Haftbefehl kommt klar mit dem Außenseiterdasein, auch wenn es um seinen Status innerhalb der deutschen HipHop-Welt geht. Denn selbst wenn sein Aufstieg kaum mehr als ein Jahr gedauert hat, traf er zunächst auf erbitterten Widerstand. Er sei nicht nur asozial, sondern auch völlig unbegabt, hieß es von den in der Szene tonangebenden HipHop-Fundamentalisten.

Dabei wird man kaum einen anderen Rapper finden, der so plakativ und so bildhaft erzählt wie er – was ihn für Straßenkids und Intellektuelle gleichermaßen anziehend macht. Seine Reime wirken wie die Drehbücher zu „Scarface“ oder „Der Pate“ und erzeugen Kurzfilme in den Köpfen der Zuhörer. Wenn er über seine Kindheit in Offenbach rappt – „Ich bin in einem Wohnblock aufgewachsen, in dem die Leute Lämmer auf dem Balkon geschlachtet haben“ –, sieht man förmlich das Blut an den Hochhausfassaden heruntertropfen.

Thilo Sarrazins Albträume scheinen Realität geworden, und Aykuth Anhan selbst wirkt wie der lebende Beweis für Merkels These, dass Multikulti gescheitert sei, mit dem Ergebnis allerdings, dass gerade dieses Scheitern nun erfolgreich Platten verkauft. Denn Aykuth Anhan ist tatsächlich ein Stück Deutschland, selbst wenn viele dieses Stück Deutschland am liebsten vergessen würden oder gar nicht wissen, das es existiert. Das Lebensgefühl dieser Vergessenen in übertriebenen, zugespitzten, zynischen Texten auf den Punkt zu bringen, ist das eigentliche Verdienst der Figur Haftbefehl.

Schon alleine deswegen sollten seine CDs in jedem ordentlichen Soziologenhaushalt geführt und seine Texte im Deutschunterricht analysiert werden.

*Satz wurde nachträglich geändert