Die würdevollsten Kreaturen in „Dogman“ sind zweifellos die Hunde. Mit gelassenem Blick scheinen sie das Geschehen zu verfolgen, in dem die Grenzen zwischen Tier und Mensch bisweilen verwischen. Doch wenn es scheint, als habe Matteo Garrones Film für letzteren wenig übrig, will man doch eine Ausnahme machen.

Es ist der Mann, der den Hunden ihren Glanz verleiht, bei dessen zarten Worten sie stillhalten, ohne den auch die größten, schönsten und flauschigsten Tölen nicht mehr wären als Höllengestalten eines bösen Gemäldes. Der liebenswerteste Hundefrisör aller Zeiten heißt Marcello, und gespielt wird er von der sensationellen Neuentdeckung Marcello Fonte.

Vom Hausmeister zum Erfolgs-Schauspieler

„Historisch“ nennt Garrone dieses unwahrscheinliche Gesicht, und in der Tat: So etwas gibt es heute nicht mehr. Hinter den zerfurchten Zügen und einer zweifelhaften Zahnleiste sieht man Fonte sein Alter nicht an. Er ist gerade mal 40. Der Filmemacher fand den glücklosen Schauspieler und Gelegenheitskomparsen als Hausmeister einer Sozialeinrichtung.

In der ersten Einstellung wäscht und föhnt Marcello eine riesige Dogge, die allemal größer ist als er. Die Umgebung könnte trister nicht sein. Der fensterlose Hinterraum seines „Hundesalons“ wirkt wie ein Zwinger auch für seinen Besitzer, doch so denkt Marcello nicht. Er liebt seinen Laden in einem verrotteten Strandbad nahe Neapel, er liebt die Hunde und er liebt seine Tochter, mit der er Tauchausflüge plant, aus denen selten etwas wird.

Er lächelt für alle und redet, auch wenn niemand zuhört. Er ist es gewohnt, kleiner und unwichtiger zu sein als andere. Wenn seine Ex-Frau die Tochter vorbeibringt, sieht sie ihn nicht an. Seine Nachbarn und Freunde scheinen ihn zu mögen, aber machen es letztlich genauso. Nur die Kamera scheint ihn wirklich zu beachten, allein dadurch bildet man eine starke Beziehung zu dem seltsamen kleinen Mann. Vor allem ist man gefangen durch sein freudestrahlendes Lächeln. Wie festgetackert in diesem historischen Gesicht, erscheint es so echt und unerklärlich wie die Traurigkeit von Buster Keaton.

Eine Welt ohne Zukunft

Wie aus der Zeit gefallen wirkt „Dogman“ nicht nur durch seinen Hauptdarsteller. Marcellos Dorf, eine Betonhölle am Meer, mit seinen leerstehenden Hotelbunkern und vermüllten Stränden einziger Schauplatz in diesem Film, ist eine Welt ohne Zukunft. Nicht einmal die Mafia scheint sich dafür zu interessieren, was doch verwundert: Bekannt wurde Matteo Garrone durch sein aktuelles Mafia-Epos „Gomorrah“, gedreht ganz in der Nähe in ähnlicher Umgebung.

In der Tat ist sein Drehort Castel Volturno, durch ein Erdbeben im Jahr 1980 weitgehend ruiniert, heute ein Zentrum von Prostitution und Kokainhandel – wenn auch nicht durch die Mafia. Von der Camorra und deren illegalen Müllgeschäften blieben nur die kaputten Strände. Vor Ort herrscht ein Badeverbot, was Marcellos Urlaubspläne plausibel macht. Ansonsten hat sich Garrone zu einer allegorischen Lesart entschlossen.

Italienisches Kino erzählt von Helden und Ausbeutungen 

In einem garstigen Kerl und brutalen Schläger namens Simone (Edoardo Pesce) findet Marcello seine Nemesis. Auch für ihn lächelt er, bei kleinen Einbrüchen ist er ihm zu Willen. Ihm fehlen einfach die körperlichen Argumente. Erpressbar ist der nette Hundefrisör, nicht ganz das vermutete Unschuldslamm, aber auch dadurch, dass er in seiner Freizeit mit Kokain handelt.

Das Wort vom Neorealismus ist immer schnell zur Hand, wenn es um Italien geht. Es griff schon nicht ganz im Fall von Alice Rohrwachers „Glücklich wie Lazzaro“, der andere italienische Film, der jüngst in Cannes Premiere hatte – wo Fonte den Preis als bester Darsteller errang. Interessant ist vielmehr, wie sich das junge italienische Autorenkino vom Realismus zu lösen versteht und über originelle Erzählstrategien doch zu Aussagen kommt, die treffen. Hier wie da haben wir einen rätselhaft sanftmütigen Helden, unmenschliche Ausbeutungsverhältnisse, den verquälten Pakt mit dem System.

Beide Filme sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht, wie – Allegorien tendieren zum Religiösen – Neues und Altes Testament. Rohrwachers bukolische Landarbeiterfantasie und Garonnes nachtschwarzer Alptraum eint tatsächlich wenig. Und doch sprechen sie zweifellos vom selben Land, denselben Menschen, denselben politischen Zuständen.

Kampf um die Würde des Hundefrisörs

„Dogman“ kreist letztlich um die ganz universelle Frage, wie wir der Macht und ihrer Gewalt begegnen. Garrones Antwort darauf ist nicht befriedigend, will es auch gar nicht sein. Der Kampf endet in Blutvergießen, auch im vielleicht allzu freimütigen Spiel mit Genreelementen – man könnte von italienischem Brutalismo sprechen, nicht nur architekturmäßig. Aber wenn Garrones groteske Metaphorik etwas Verführerisches hat, ist sie doch geboren aus spürbarer Verzweiflung. Wie nur seine Würde bewahren in dieser gottverdammten Welt – als Mensch, Künstler, Hundefrisör? Lächeln wäre eine Lösung, und es ist vermutlich immer noch die beste.

Dogman Italien 2018. Regie: Matteo Garrone, Darsteller: Marcello Fonte, Edoardo Pesce, Nunzia Schiano, 102 Min.; Farbe. FSK ab 16.

Der Film kommt am 18. Oktober in die Kinos.