1978 kam ich als junger Student, der die Welt verbessern wollte, mit 1000 Ideen in der Tasche aus einem Dorf nach Berlin. West-Berlin war ein Glücksfall für mich. Alle Erwartungen erfüllten sich. Ich war neugierig und entdeckte eine Insel mit so vielen Geheimnissen. Dank meiner Neugierde erschloss sich mir in den Folgejahren eine ständig wachsende Gruppe verschiedener Denker, Visionäre, Spinner für das „Schräge“, das Andere, das alternative Leben. Jedoch gestaltet sich in West-Berlin die Raumknappheit für unsere Experimente zu einem Problem. Man hockte immer an denselben Orten. Unsere große „Forschung“ kam nicht wirklich voran.

Als die Mauer fiel, war es dann endlich soweit. Der 9. November 1989 bot auch der gewachsenen West-Berliner Subkultur mit all ihren Facetten eine historische Chance. Jeder nahm diese Gelegenheit wahr, in diesen neuen Freiräumen Ost-Berlins seine Nische zu finden. Man war entschlossen und frech, fragte nicht zu oft und schritt zur Tat. Das tat der Stadt gut. Die Stimmung war einzigartig positiv und der Optimismus bewegte alle. Der Mauerfall war so eine Art Turbobeschleuniger für die gesamte Kultur. Er war der Dammbruch für die Kreativszene.

"Eine grenzenlose Bejahung des Lebens"

Auch ich konnte dieses unglaubliche Potenzial der damaligen Zeit nutzen, um meine Ideen und Projekte zu verwirklichen, wie ich es vorher nie geträumt hätte. Diesen Tatendrang, diesen Optimismus, dieses Anarchische und diese grenzenlose Bejahung des Lebens habe ich als wunderbar empfunden. Doch nach den ersten Jahren der Euphorie mussten wir uns mit einer neuen Realität auseinander setzen. Dazu gehörten auch die Erfahrungen mit Ämtern und Institutionen gerade im Ostteil, wo sie nach dem Zusammenbruch der DDR allmählich wieder in Funktion kamen.

Die Untergrundkultur der frühen Wendejahre hat das Bild Berlins in der Welt geprägt. Die Stadt hat von dieser Undergroundkultur profitiert, doch die Politik hat sich in der Folgezeit auf die sogenannte „Leuchtturmkultur“ festgelegt und somit die Subkultur vernachlässigt. Die Entscheidungsträger verloren den Überblick. Das machte sich bemerkbar, indem immer mehr der Nischen und innerstädtischen Flächen an globale Investoren und Spekulanten verkauft wurden. So auch 2004 das Grundstück meines Techno-Clubs Tresor an der Leipziger Straße an Investoren verkauft. Unser Plan, einen Tresor Tower für die Kreativszene auf den alten Fundamenten hochzuziehen, fand kein Gehör.

Nach wie vor bin ich überzeugt, innerstädtische Freiräume haben Berlin gutgetan und werden ihm guttun. Sie retten die Stadt vor dem Irrglauben, Shopping Malls würden Besucher anlocken. Der Tresor Club war einzigartig, etwas Besonderes, ein Ort, der weltbekannt wurde. Dies wird die Shopping Mall, die sehr viel Geld gekostet hat, nicht tun, mit ihr unterscheidet sich Berlin nicht von anderen Städten.

"Berlin hat mich entwickelt"

Doch auch nachdem der Tresor einem Bürogebäude – das seit seiner Fertigstellung leer steht – weichen musste, habe ich mich nicht entmutigen lassen. Berlin hat mich entwickelt, hat mir Wege gezeigt, wie ich trotz häufigen Scheiterns wieder auf die Beine komme. Mit Begeisterung habe ich meine Ideen und Visionen entwickelt, die objektiv gesehen, oft nicht rational und nicht realisierbar scheinen.

Meine Berlin-Erfahrung sagt mir, gib jungen Leuten, kreativen Köpfen kostenlosen Raum für ihre Projekte und lass sie machen. Sag „JA“ zu ihren Plänen und du wirst sehen, dass ein solcher Prozess kulturelle Dynamik erzeugt. Vorhandene Ideen werden gesammelt, ordentlich durchgeschüttelt und dann entstehen wie von selbst kulturelle, künstlerische, ökonomische und ökologische Projekte.

Diese simple Erkenntnis will ich weitergeben an diejenigen, die Hilfe brauchen. Deshalb habe ich mit meiner Partnerin Annette Katharina Ochs die „Happy Locals“ gegründet, eine freie Gruppe Berliner Kulturunternehmer, die Jugendlichen in den kleineren, schwindenden Städten des Umlandes hilft, ihre Ideen zu realisieren. So wollen wir auch nachhaltig bei Problem der Abwanderung junger Intelligenz aus diesen Orten helfen. Ich bin Berlin und dem Lauf der Berliner Geschichte dankbar für die Möglichkeiten, die mir gegeben wurden.