Berlin - Wenn von religiösen Erfahrungen die Rede ist, von dem, was Glauben im Kern ausmacht, spüre ich schnell ein Unbehagen, einen Widerstand in mir. Und das nicht, weil mir solche Erfahrungen fremd wären – vielmehr deshalb, weil die empfundene Anwesenheit Gottes ein zutiefst intimer Moment ist. Ja, ich behaupte sogar: Je intensiver, umfassender, ekstatischer die Erfahrung einer göttlichen Präsenz ist, desto hermetischer ist dieses Erlebnis, desto schwieriger, später davon zu berichten. Wenn das überhaupt gelingt. Und auch davon zu erzählen – in Worten, Tönen oder Farben –, ist nicht das Gleiche, ist ein versuchtes Wieder-Holen, ist Andeuten und Hinführen, ist im besten Fall der Auslöser einer neuen, intensiven Erfahrung, aber niemals das, was der Wiederholung zugrunde liegt.

Nathan der Weise

Diese Einsicht, dass spirituelle Erfahrungen nicht vermittelbar sind, war sicherlich ein Grund, warum ich vor zwanzig Jahren, als wir im Deutschunterricht Lessings Nathan der Weise besprachen, auf Nathans Aufruf zur Toleranz anderen Religionen gegenüber nur mit einem Achselzucken reagierte. Ist doch selbstverständlich, dachte ich damals: Wenn alle Religionen letzten Endes auf etwas basieren, das nicht vermittelbar und damit auch nicht „von außen“, objektiv beweisbar ist, wenn Glaube – auch im Lichte naturwissenschaftlicher Erkenntnisse – dort anfängt, wo unser Wissen aufhört, dann ist es nur logisch, mehr noch, ein Gebot der Vernunft, die mögliche Existenz eines – anderen – Gottes zu akzeptieren und dementsprechend andere Religionsgemeinschaften zu respektieren.

Jahre später habe ich oft über meine Unaufgeregtheit damals auf der Schulbank gelächelt, manchmal auch den Kopf geschüttelt. War meine damalige Haltung schlicht naiv? Ausdruck eines noch kindlich-engstirnigen Bewusstseins, dem der Blick dafür fehlte, was auf der Welt sonst noch vor sich ging? Oder hat sich die Welt seitdem verändert, ist der Ton zwischen den Religionen schärfer geworden? Hat jene Toleranz, zu der Lessings Nathan aufruft, in den letzten Jahren weltweit abgenommen?

Vielleicht von allem ein wenig. Entscheidend jedoch ist etwas anderes: Offenbar habe ich damals als Schulkind ganz selbstverständlich jene zentrale These der Aufklärung übernommen, nach der die Vernunft der Maßstab aller Überzeugungen sein muss. Auch dann, wenn es eine persönliche spirituelle Erfahrung und eine darauf fußende, religiöse Haltung gibt, die an die Wahrheit des eigenen Gottes glaubt. (Wem diese aufgeklärte Art zu Denken in meinem Fall zuzuschreiben ist, ob überzeugenden Pädagogen, einem Zeitgeist oder mir allein, bleibt Spekulation und unbedeutend.) Bedeutsam scheint mir vielmehr, dass eben diese Trennung zwischen dem, was wir wissen und beweisen können, und dem, an das nur geglaubt werden kann, heutzutage häufig aus dem Blickfeld gerät. Vor allem, wenn es darum geht, was „im Namen Gottes“ erlaubt ist und was nicht.

Solange es nur um die Duldung einer logisch-möglichen Gottheit oder auch mehrerer Gottheiten geht, haben viele Menschen keine Problem damit, die mögliche Existenz eines anderen Gottes anzuerkennen. Vor allem dann, wenn dieser Gott so fern ist, sein Name so fremd klingt, dass er mit der eigenen Lebenswelt wenig zu tun hat, mit ihr und dem eigenen Glauben nicht in Konflikt gerät. Komplizierter wird es, wenn Menschen behaupten, ihr Gott rechtfertige Handlungen, die in das Leben anderer Menschen eingreifen. Und damit meine ich nicht nur islamistische Extremisten, die alle in ihren Augen „Ungläubigen“ für Freiwild erklären.

Ich denke auch an Diskussionen, in denen Gott ins Spiel gebracht wird, um apodiktisch zu erklären, ab wann ein Embryo ein Lebewesen ist oder bis wann bzw. wie ein Menschenleben fortgesetzt werden muss. Das entscheidende Argument ist in solchen Fällen stets „Gottes Wille“, nach dem Motto: Solange das Herz noch weiterschlägt, will es Gott so; ist eine Eizelle erfolgreich befruchtet worden, dann deshalb, weil es so gewollt ist, sonst hätten sich Eizelle und Samen nicht gefunden...

Und wenn ein Taifun ganze Landstriche wegfegt, ist das ebenfalls von Gott gewollt? Auch wenn dieser Vergleich absurd oder hämisch klingen mag, ist er nicht so abwegig, wie er vielleicht scheint. Für Theologen und Philosophen ist es seit jeher eine äußerst diffizile Angelegenheit, die Frage nach dem Wirken Gottes in der Welt zu begründen. (Von beweisen ganz zu schweigen.) Zudem zeigen Theologen und Philosophen aller Kulturen immer wieder, dass das Zusammendenken von - ihrem - Gott und moralischen Werten ein ständiger Prozess ist, der durch den Gang der Geschichte immer wieder neu angestoßen wird.

Kopflastiger Elitarismus der Vernuft

Der amerikanische Moralphilosoph Ronald Dworkin belegt nicht nur eindrucksvoll, dass die Existenz Gottes kein Wertesystem („set of values“) per se legitimiert, er zeigt auch, dass wissenschaftlicher Fortschritt im Laufe der Geschichte immer wieder menschliche Wertesysteme erschüttert hat. Reflexhafte Reaktion auf diese Erschütterung ist dann, den Fortschritt abzulehnen, zu verteufeln, oft mit dem Argument, „da wolle jemand Gott spielen“. Ist es auf einmal möglich, in der Petrischale aus einer weiblichen Eizelle und einem männlichen Samen ein Lebewesen zu zeugen, heißt es, das sei unnatürlich, ein anmaßender, un- oder amoralischer Akt.

Der Gedanke, menschliches Leben sei das Produkt bewusster Entscheidungen und Handlungen anderer Menschen irritiert, erschüttert manche zutiefst. Eine lebensrettende Operation jedoch, bei der einem Unfallopfer durch eine Organtransplantation das Weiterleben ermöglicht wird, scheint nahezu allen Menschen natürlich(,) gut. Ist der Unterschied wirklich ein kategorischer oder nur ein gradueller?

Ein Problem liegt vielleicht darin, dass jene Wertesysteme, die allein auf der Vernunft basieren, meist so kopflastig daher kommen, elitär anmuten. „Weil Gott es so will“ braucht für die, die sich des Arguments bedienen, oft keine weitere Begründung. Moralische Systeme dagegen, die ihre Legitimation aus vernünftigen, nachvollziehbaren Argumenten ziehen, werden schnell komplexe Gebilde, in denen sich die Bedeutung wichtiger Begriffe nicht mehr intuitiv erschließt, in denen sogar Verstand und Vernunft nicht das Gleiche sind… Da fühlt sich der Laie leicht auf wackeligem Terrain, außen vor.

abei gibt es durchaus ethische Prinzipien, die ohne göttliche Legitimation auskommen und dabei nicht komplex, sondern im Gegenteil überraschend einfach sind: „Handle so, wie du dir wünscht, dass ein Ander(sdenkend)er in der Situation handeln würde!“ wäre solch ein Prinzip. Um es zu verstehen zu können, braucht es kein kompliziertes Denken, sondern nur jene Fähigkeit, die uns vielleicht mehr als alles andere menschlich macht: Die Gabe der Einfühlung, die Bereitschaft, sich in den Anderen hineinzuversetzen, die Perspektive zu wechseln und die Welt mit seinen Augen zu sehen. Alle Menschen, die jemals ihre eigene Freude oder Angst in den Augen eines Mitmenschen wiedererkannt haben, sind dazu fähig.

Toleranz als Frage der Moral

Eine andere Schwierigkeit mag darin liegen, dass es einigen Gläubigen schwer fällt, das Gute und – ihren – Gott getrennt zu denken, da für sie das Gute durch Gott in der Welt ist und auch Tugenden wie Mitleid und Güte ihrem Empfinden nach unmittelbar von Gott herrühren. So begreifen viele Gläubige ihre Hilfsbereitschaft anderen Menschen gegenüber nicht nur als Gebot Gottes, vielmehr ist es ihnen ein Bedürfnis, jene Barmherzigkeit, die sie im göttlichen Wesen erfahren, an ihre Mitmenschen weiterzugeben.

Und dennoch spricht, wie erwähnt, viel dafür, das Gute und Richtige vom Göttlichen zu trennen. Auch wenn das anstrengend ist, manch einem schwer fällt oder unnötig vorkommt. „Leichtsinnig“ ist es sicher nicht, obwohl gerade dies immer wieder von Verfechtern einer religiös fundierten Moral oder Gesellschaft ins Feld geführt wird; es heißt dann, eine Welt ohne Gott sei nihilistisch, menschenverachtend, unbarmherzig. Was diese Menschen so dämonisch beschreiben ist meist eine Welt ohne Moral, nicht ohne Gott. Leichtsinnig wäre vielmehr, das Gebot der Toleranz einer Angst zu opfern, die sich nur in aggressiven Taten vom Gefühl der Ohnmacht befreien kann.

Solange Menschen nicht gleich sind, und doch der Anspruch besteht, sie gleich zu behandeln, geht es, wie es aussieht, nur mit einer Moral unabhängig von Gott. Wer so überzeugt, schließt alle in die Arme, und jener Ring, von dem Nathan in seiner Parabel erzählt, muss seine Echtheit gar nicht mehr beweisen. Er darf einfach Ring sein, ob Original oder nicht, ob einzigartig oder Kopie oder einer unter vielen gleichen. Der, der den Ring trägt, weiß um seine Bedeutung.

Die Deutsch-Israelischen Literaturtage dauern noch bis 13. April. Sie werden vom Goethe-Institut und der Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltet.

Dieses Jahr fördern die Bundeszentrale für politische Bildung und die Botschaft Israels die Veranstaltung.

Das Programm finden Sie unter www.goethe.de/literaturtage oder www.boell.de/literaturtage